Bakterielle Meningitis & Meningokokken: WHO-Falldefinitionen
📋Auf einen Blick
- •Die WHO unterscheidet Falldefinitionen fuer die Routine-Surveillance und fuer die Ausbruchsuntersuchung.
- •Ein Verdachtsfall fuer akute bakterielle Meningitis in der Routine erfordert ploetzliches Fieber (≥38,0 °C) und mindestens ein klassisches Meningismus-Zeichen.
- •Bei Ausbruechen werden die klinischen Kriterien fuer Verdachtsfaelle erweitert (z.B. um Bewusstseinsstoerungen oder Krampfanfaelle), um die Sensitivitaet zu erhoehen.
- •Wahrscheinliche Faelle stuetzen sich auf spezifische Liquorbefunde (z.B. trueber Liquor, Leukozyten >1000/mm3 oder positive Antigentests).
- •In humanitaeren Notlagen mit hohem Risiko kommen vereinfachte, syndrombasierte Definitionen zum Einsatz.
Hintergrund
Akute bakterielle Meningitis (ABM) und invasive Meningokokken-Erkrankungen (IMD) sind weltweit bedeutende Gesundheitsbedrohungen. Die WHO hat 2025 standardisierte Falldefinitionen aktualisiert, um die Routine-Surveillance und das Ausbruchsmanagement zu vereinheitlichen. Diese Definitionen dienen primaer der Ueberwachung und ersetzen nicht die klinische Beurteilung oder Therapieentscheidungen.
Akute Bakterielle Meningitis (ABM)
Die Kriterien unterscheiden sich je nach epidemiologischer Situation. Ein Verdachtsfall in der Routine erfordert klassische Meningismus-Zeichen, waehrend bei Ausbruechen die Kriterien sensibler gefasst werden. Fieber ist definiert als Koerpertemperatur ≥38,0 °C.
| Status | Routine-Surveillance | Ausbruchsuntersuchung |
|---|---|---|
| Verdachtsfall | Ploetzliches Fieber UND Nackensteifigkeit, Brudzinski, Kernig oder vorgewoelbte Fontanelle (Saeuglinge) | Wie Routine, ZUSAETZLICH moeglich: starke Kopfschmerzen + Erbrechen, Bewusstseinsstoerung, Photophobie, fokale Defizite, neue Krampfanfaelle |
| Wahrscheinlicher Fall | Verdachtsfall + trueber Liquor, Leukozyten >1000/mm3, Leukozyten >100/mm3 + Glukose-Ratio <0,4 / Glukose <2,2 mmol/l / Protein >1 g/l ODER positiver Antigentest | Identisch zur Routine-Surveillance |
| Bestaetigter Fall | Verdachtsfall/Wahrscheinlicher Fall + positive Kultur, PCR oder Gram-Faerbung (Liquor/Blut) | Identisch zur Routine-Surveillance |
Invasive Meningokokken-Erkrankung (IMD)
Bei der IMD wird in der Routine-Surveillance auf die klinische Verdachtsdiagnose gesetzt. Bei einem bestaetigten Ausbruch kommen spezifischere Kriterien zum Tragen, die auch Sepsis-Verlaeufe abdecken.
| Status | Routine-Surveillance | Ausbruchsuntersuchung |
|---|---|---|
| Verdachtsfall | Klinische Verdachtsdiagnose einer IMD | Ploetzliches Fieber UND Meningismus, Bewusstseinsstoerung, haemorrhagischer Hautausschlag, Schock, starke Kopfschmerzen, GI-Beschwerden oder konstitutionelle Symptome |
| Wahrscheinlicher Fall | Verdachtsfall + Gram-negative Diplokokken oder positiver Antigentest (N. meningitidis) aus sterilem Material | Wie Routine, ZUSAETZLICH: Liquorkriterien der akuten bakteriellen Meningitis |
| Bestaetigter Fall | Verdachtsfall/Wahrscheinlicher Fall + positive Kultur oder PCR fuer N. meningitidis | Identisch zur Routine-Surveillance |
Humanitaere Notlagen
In humanitaeren Krisen (z.B. Fluechtlingscamps) mit hohem Risiko fuer Uebersterblichkeit oder Ausbrueche (z.B. durch Ueberbelegung, geringe Impfquoten) empfiehlt die WHO vereinfachte Kriterien fuer die IMD, auch wenn keine formelle Surveillance existiert.
| Status | Kriterien bei hohem Ausbruchsrisiko |
|---|---|
| Verdachtsfall | Ploetzliches Fieber UND Nackensteifigkeit, Brudzinski, Kernig, Bewusstseinsstoerung, vorgewoelbte Fontanelle ODER haemorrhagischer Hautausschlag |
| Wahrscheinlicher Fall | Verdachtsfall + Gram-negative Diplokokken, positiver Antigentest ODER typische Liquorbefunde (wie bei ABM) |
| Bestaetigter Fall | Positiver Nachweis von N. meningitidis (Kultur oder PCR) |
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie in Nicht-Ausbruchszeiten strenge klinische Kriterien (Fieber + klassischer Meningismus) fuer die Surveillance. Sobald ein Ausbruch vermutet wird, erweitern Sie den Fokus auf atypische Symptome wie isolierte Bewusstseinsstoerungen oder starke Kopfschmerzen mit Erbrechen, um keinen Fall zu uebersehen.