Tollwut-Surveillance & PEP: Leitlinie (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Das globale Ziel 'Zero by 30' strebt die Eliminierung hundevermittelter Tollwut-Todesfälle beim Menschen bis 2030 an.
- •Die Postexpositionsprophylaxe (PEP) richtet sich nach der WHO-Wundkategorie (I-III).
- •Eine sofortige Wundspülung für 15 Minuten mit Wasser und Seife ist bei jeder potenziellen Exposition essenziell.
- •Bei Kategorie-III-Wunden oder Immunsuppression ist zusätzlich zur Impfung Tollwut-Immunglobulin (RIG) indiziert.
- •Die PEP darf nur verzögert werden, wenn das Tier verfügbar ist und für 10 Tage tierärztlich überwacht werden kann.
Hintergrund
Tollwut ist eine durch Impfung vermeidbare, zoonotische Viruserkrankung, die nach Auftreten klinischer Symptome nahezu zu 100 % tödlich verläuft. In bis zu 99 % der Fälle sind Hunde für die Übertragung auf den Menschen verantwortlich. Das globale Ziel der WHO lautet „Zero by 30“ – die weltweite Eliminierung von Todesfällen durch hundevermittelte Tollwut bis zum Jahr 2030. Eine strukturierte Datenerfassung und Surveillance sind essenziell, um dieses Ziel zu erreichen und zu validieren.
Falldefinitionen
Die WHO definiert Tollwut-Fälle wie folgt:
- Verdachtsfall: Akutes neurologisches Syndrom (Enzephalitis) mit Hyperaktivität (rasende Tollwut) oder Paralysen, oft begleitet von Hydrophobie, Aerophobie oder lokalen Schmerzen.
- Wahrscheinlicher Fall: Verdachtsfall mit verlässlicher Anamnese eines Kontakts zu einem tollwütigen Tier.
- Bestätigter Fall: Laboranalytisch bestätigter Verdachts- oder wahrscheinlicher Fall.
Expositionskategorien und Postexpositionsprophylaxe (PEP)
Die Indikation zur PEP richtet sich nach der Art des Kontakts. Jede Wunde muss sofort für 15 Minuten mit reichlich Wasser und Seife gespült werden.
| Kategorie | Art der Exposition | Empfohlene Maßnahme |
|---|---|---|
| I | Berühren oder Füttern von Tieren, Lecken auf intakter Haut | Keine PEP erforderlich |
| II | Knabbern an unbedeckter Haut, kleine Kratzer/Abschürfungen ohne Blutung | Wundspülung + Tollwut-Impfung |
| III | Transdermale Bisse/Kratzer, Schleimhautkontakt, Kontakt mit Fledermäusen | Wundspülung + Tollwut-Impfung + Tollwut-Immunglobulin (RIG/RmAbs) |
Risikobewertung und PEP-Management
Die Entscheidung zur PEP erfordert eine sorgfältige Risikobewertung des Tieres und der Wunde:
- Sofortige PEP: Indiziert bei Bissen an Kopf, Hals, stark innervierten Arealen, multiplen/tiefen Wunden sowie bei Kindern.
- Verzögerung der PEP: Nur vertretbar in Gebieten mit fortschrittlicher Surveillance, wenn das Tier (Hund, Katze, Frettchen) verfügbar ist und tierärztlich als risikoarm eingestuft wird.
- Abbruch der PEP: Wenn das Tier nach einer 10-tägigen Beobachtungszeit gesund bleibt oder negativ auf Tollwut getestet wird.
- Immunsupprimierte Patienten: Erhalten bei Kategorie II und III immer eine vollständige Impfserie plus RIG, unabhängig von früheren Impfungen.
Kernindikatoren der Surveillance
Zur Überwachung von Tollwut-Programmen empfiehlt die WHO die Erfassung folgender Kernindikatoren:
| Indikator | Definition | Bedeutung |
|---|---|---|
| Tollwut-Fälle | Gesamtzahl der menschlichen Tollwut-Fälle | Messung der Krankheitslast und Überwachung des Fortschritts |
| Hundevermittelte Fälle | Anteil der durch Hunde übertragenen Fälle | Überwachung des „Zero by 30“ Ziels |
| PEP-Rate | Anteil der Exponierten, die PEP erhalten | Vorhersage des Impfstoffbedarfs und Effizienz der Versorgung |
| PEP-Abschlussrate | Anteil der Patienten, die das Impfschema beenden | Messung der Therapie-Compliance |
💡Praxis-Tipp
Spülen Sie jede potenzielle Tollwut-Wunde sofort für mindestens 15 Minuten mit Wasser und Seife. Verzögern Sie die PEP niemals, es sei denn, das Tier kann sicher 10 Tage lang tierärztlich überwacht werden.