Müttersterblichkeit: Leitlinie zur Erfassung (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Ziel der WHO ist die Reduktion der globalen Müttersterblichkeitsrate auf unter 70 pro 100.000 Lebendgeburten bis 2030.
- •Ein maternaler Todesfall ist definiert als Tod während der Schwangerschaft oder innerhalb von 42 Tagen nach Beendigung.
- •Späte maternale Todesfälle treten zwischen 42 Tagen und einem Jahr nach Beendigung der Schwangerschaft auf.
- •Maternaler Suizid wird von der WHO explizit als direkte maternale Todesursache eingestuft.
- •Die Six-Box-Methode dient der Quantifizierung von unvollständigen und fehlklassifizierten Daten.
Hintergrund
Die Reduktion der Müttersterblichkeit ist ein zentrales Ziel der nachhaltigen Entwicklung (SDG 3.1). Bis 2030 soll die globale Müttersterblichkeitsrate (MMR) auf unter 70 pro 100.000 Lebendgeburten gesenkt werden. Um dieses Ziel zu überwachen und gezielte Maßnahmen zu ergreifen, ist eine präzise und standardisierte Erfassung der Todesfälle unerlässlich. Die WHO-Leitlinie adressiert die zwei Hauptprobleme der Datenerhebung: unvollständige Meldungen (Underreporting) und Fehlklassifikationen.
Definitionen nach ICD-11
Die korrekte Zuordnung ist essenziell für die internationale Vergleichbarkeit. Die WHO definiert die Todesfälle wie folgt:
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Maternaler Todesfall | Tod während der Schwangerschaft oder innerhalb von 42 Tagen nach Beendigung, unabhängig von Dauer/Ort, durch schwangerschaftsbedingte oder -verschlimmerte Ursachen (keine Unfälle). |
| Später maternaler Todesfall | Tod aus direkten/indirekten geburtshilflichen Ursachen >42 Tage bis <1 Jahr nach Beendigung der Schwangerschaft. |
| Direkter geburtshilflicher Tod | Resultiert aus geburtshilflichen Komplikationen, Interventionen, Unterlassungen oder falscher Behandlung. |
| Indirekter geburtshilflicher Tod | Resultiert aus vorbestehenden oder in der Schwangerschaft erworbenen Erkrankungen, die durch physiologische Effekte der Schwangerschaft verschlimmert wurden. |
| Schwangerschaftsbedingter Tod | Tod während der Schwangerschaft oder innerhalb von 42 Tagen nach Beendigung, unabhängig von der Todesursache. |
Klassifikation der Todesursachen (ICD-MM)
Für die statistische Auswertung empfiehlt die WHO die Einteilung in neun Hauptgruppen:
| Gruppe | Typ | Beispiele |
|---|---|---|
| 1 | Direkt | Schwangerschaften mit abortivem Ausgang (z. B. Fehlgeburt, Extrauteringravidität) |
| 2 | Direkt | Hypertensive Erkrankungen (z. B. Ödeme, Proteinurie) |
| 3 | Direkt | Geburtshilfliche Hämorrhagien |
| 4 | Direkt | Schwangerschaftsbedingte Infektionen |
| 5 | Direkt | Sonstige geburtshilfliche Komplikationen |
| 6 | Direkt | Unerwartete Komplikationen des Managements (medizinische/chirurgische Eingriffe) |
| 7 | Indirekt | Nicht-geburtshilfliche Komplikationen (z. B. kardiale Erkrankungen, psychiatrische Störungen) |
| 8 | Unbekannt | Tod während Schwangerschaft/Wochenbett mit unbestimmter Ursache |
| 9 | Koinzidentell | Tod durch externe Ursachen (z. B. Unfälle) |
Hinweis: Maternaler Suizid wird von der WHO als direkte maternale Todesursache eingestuft. Bei indirekten Todesfällen muss die gegenseitige Verschlimmerung von Erkrankung und Schwangerschaft klar auf dem Totenschein dokumentiert werden.
Systeme zur Datenerfassung
Um alle Fälle zu erfassen, müssen verschiedene Systeme kombiniert und trianguliert werden:
- CRVS (Civil Registration and Vital Statistics): Zivilstandsregister mit medizinischer Todesbescheinigung.
- CEMD (Confidential Enquiries into Maternal Deaths): Vertrauliche, detaillierte Falluntersuchungen durch Expertenkomitees.
- Einrichtungsbasierte Identifikation (MDSR): Tägliche Prüfung von Sterberegistern in Kliniken (inklusive Notaufnahme und Chirurgie).
- Gemeindebasierte Identifikation: Meldung durch kommunales Gesundheitspersonal (z. B. bei Hausgeburten).
Die Six-Box-Methode
Zur Quantifizierung von Erfassungsfehlern empfiehlt die WHO die Six-Box-Methode. Sie vergleicht zwei Datenquellen, um fehlende oder falsch zugeordnete Fälle zu identifizieren. Daraus lassen sich Qualitätskennzahlen berechnen:
- Sensitivität: Anteil der korrekt klassifizierten maternalen Todesfälle an allen tatsächlichen maternalen Todesfällen.
- Spezifität: Anteil der korrekt klassifizierten nicht-maternalen Todesfälle an allen tatsächlichen nicht-maternalen Todesfällen.
Durch die Verknüpfung von Sterbe- und Geburtsregistern können insbesondere indirekte und späte maternale Todesfälle aufgedeckt werden, die sonst häufig übersehen werden.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei der Ausstellung von Todesbescheinigungen bei Frauen im gebärfähigen Alter immer auf die Dokumentation einer bestehenden oder kürzlich beendeten Schwangerschaft (Pregnancy Checkbox), um Fehlklassifikationen zu vermeiden.