Perinatale psychische Erkrankungen: SIGN-Leitlinie 2023
📋Auf einen Blick
- •Das Screening auf perinatale Depressionen erfolgt primär mit der Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS).
- •Ein EPDS-Score ab 13 oder eine positive Antwort auf Frage 10 (Suizidalität) erfordern eine sofortige weiterführende Beurteilung.
- •Psychologische Interventionen (z.B. CBT, IPT) sind die Therapie der Wahl bei leichten bis mittelschweren Depressionen und Angststörungen.
- •Die medikamentöse Therapie sollte als Monotherapie in der niedrigsten wirksamen Dosis erfolgen; ein abruptes Absetzen ist zu vermeiden.
Hintergrund
Perinatale psychische Erkrankungen umfassen ein breites Spektrum von Anpassungsstörungen über Angststörungen und Depressionen bis hin zu postpartalen Psychosen. Die Leitlinie betont die Wichtigkeit der frühzeitigen Erkennung, einer familienzentrierten Betreuung und der Berücksichtigung der Mutter-Kind-Beziehung.
Screening und Diagnostik
Das Screening auf depressive Störungen in der Schwangerschaft und im ersten Jahr nach der Geburt sollte routinemäßig erfolgen. Das empfohlene Instrument ist die Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS).
| EPDS-Score | Klinische Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| 10-12 | CBR: Monitoring und Wiederholung | Erneute Testung in 2-4 Wochen empfohlen |
| ≥ 13 | EBR: Weiterführende Beurteilung | Überweisung zur genaueren Diagnostik |
| Frage 10 positiv | CBR: Sofortige Intervention | Abklärung der Suizidalität gemäß lokalen Protokollen |
Für das Screening auf ein psychologisches Geburtstrauma wird das City Birth Trauma Screening Tool empfohlen. Bei persistierenden Symptomen über mehr als 3 Monate (CBR) sollte eine Überweisung an psychiatrische Fachkräfte erfolgen.
Warnzeichen und Suizidrisiko
Die Identifikation von Hochrisikopatientinnen ist essenziell. Die MBRRACE-UK "Red Flags" erfordern ein dringendes psychiatrisches Assessment:
| Warnzeichen (Red Flag) | Klinische Konsequenz |
|---|---|
| Kürzliche signifikante Änderung des mentalen Status | GPP: Dringende psychiatrische Vorstellung |
| Neue Gedanken an oder Akte von Selbstverletzung | GPP: Dringende psychiatrische Vorstellung |
| Anhaltende Äußerungen mütterlicher Inkompetenz | GPP: Dringende psychiatrische Vorstellung |
| Schwere Schlafstörungen | GPP: Dringende psychiatrische Vorstellung |
Nicht-medikamentöse Therapie
Psychologische und psychosoziale Interventionen sind bei leichten bis mittelschweren Ausprägungen die Therapie der ersten Wahl.
| Indikation | Therapieempfehlung | Evidenz |
|---|---|---|
| Subklinische / Leichte Depression | Angeleitete Selbsthilfe | CBR |
| Mittelschwere Depression | Strukturierte psychologische Intervention (CBT, IPT) | EBR |
| Subklinische Angststörung | Angeleitete Selbsthilfe (CBT-basiert) | EBR |
| Soziale Phobie | Hochintensive psychologische Therapie | EBR |
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Behandlung in der Perinatalzeit erfordert eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung. Folgende Grundsätze (GPP) sind zu beachten:
- Dosierung: Niedrigste wirksame Dosis für den kürzesten notwendigen Zeitraum wählen.
- Monotherapie: Bevorzugt einsetzen, um Arzneimittelinteraktionen zu vermeiden.
- Medikamentenwechsel: Wenn keine klare Evidenz für eine höhere Sicherheit eines anderen Präparats vorliegt, sollte nicht gewechselt werden. Ausnahme: Valproat (klare Indikation zum Wechsel aus Sicherheitsgründen).
- Absetzen: Ein abruptes Absetzen von Psychopharmaka erhöht das Rückfallrisiko erheblich und sollte vermieden werden.
- Neugeborenen-Monitoring: Säuglinge, die in utero exponiert waren, müssen auf ein neonatales Adaptationssyndrom überwacht werden.
💡Praxis-Tipp
Fragen Sie bei jedem Kontakt nach der emotionalen Gesundheit. Achten Sie im Wochenbett besonders auf 'Red Flags' wie schwere Schlafstörungen oder plötzliche Wesensveränderungen, da diese Frühwarnzeichen einer postpartalen Psychose sein können.