Haemophilus influenzae (invasiv): RKI-Ratgeber
📋Auf einen Blick
- •Unbekapselte Stämme (NTHi) sind in Deutschland mittlerweile die häufigste Ursache invasiver H. influenzae-Infektionen.
- •Mittel der Wahl zur kalkulierten Therapie sind Cephalosporine der 3. Generation (z. B. Cefotaxim, Ceftriaxon).
- •Eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) mit Rifampicin ist nur bei Hib-Infektionen und spezifischen Risikokonstellationen indiziert.
- •Patienten gelten 24 Stunden nach Beginn einer wirksamen Antibiose als nicht mehr infektiös und müssen bis dahin isoliert werden.
- •Jedes Isolat aus Blut oder Liquor muss zur Typisierung an das Nationale Referenzzentrum (NRZ) gesendet werden.
Hintergrund
Haemophilus influenzae (Hi) ist ein gramnegatives Stäbchenbakterium, das ausschließlich beim Menschen vorkommt. Man unterscheidet bekapselte (Typen a-f) und unbekapselte Stämme (NTHi).
Durch die breite Einführung der Hib-Impfung hat sich die Epidemiologie gewandelt: Unbekapselte Stämme (NTHi) sind in Europa mittlerweile die häufigste Ursache invasiver Hi-Infektionen. Ältere Menschen sowie Säuglinge und Kleinkinder unter 5 Jahren sind am häufigsten betroffen.
Klinische Symptomatik
Invasive Hi-Erkrankungen manifestieren sich meist als Sepsis, Meningitis oder Pneumonie.
- Meningitis: Oft fulminanter Beginn. Letalität ca. 5 %. Hohes Risiko für Folgeschäden (bis zu 25 % entwickeln dauerhaften Hörverlust oder neurologische Defizite).
- Epiglottitis: Rasante Entwicklung innerhalb weniger Stunden mit Stridor, Zyanose und Schocksymptomatik.
- Schwangerschaftskomplikationen: Schwangere haben ein deutlich erhöhtes Risiko für invasive NTHi-Infektionen (Gefahr von Sepsis, Frühgeburt oder Abort).
Diagnostik
Proben (Liquor, Blut) müssen vor Beginn der Antibiose entnommen werden. Da Hi anspruchsvoll wächst, sollte die Kultur idealerweise innerhalb von 2-4 Stunden angelegt werden.
| Methode | Stellenwert / Bemerkung |
|---|---|
| Kultur | Goldstandard. Isolate aus Blut/Liquor zwingend ans NRZ zur Typisierung senden. |
| PCR | Sichert die Diagnose bei zweifelhaften Isolaten. Achtung: Kapsel-spezifische PCRs erfassen keine NTHi. |
| Direktmikroskopie | Wichtig im Liquor. |
| Antigen-Schnelltests | Bieten keinen Vorteil gegenüber der Direktmikroskopie (begrenzte Sensitivität/Spezifität). |
Therapie
Die kalkulierte Therapie muss rasch erfolgen, da eine klinische Unterscheidung zu anderen bakteriellen Erregern nicht möglich ist.
| Indikation / Situation | Therapieempfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Kalkulierte Therapie | Cephalosporine der Gruppe 3 (z. B. Cefotaxim, Ceftriaxon) i.v. | Mittel der Wahl. Ampicillin nur nach nachgewiesener Sensibilität. |
| Hib-Meningitis | Dexamethason | Vor oder zusammen mit der ersten Antibiotikagabe (wirkt Hirnödem entgegen). |
| Vor Entlassung (nur Hib) | Rifampicin | Zur Eradikation im Nasopharynx, besonders wenn nicht mit Cephalosporinen behandelt wurde. |
Infektionsschutz und Isolation
Patienten mit invasiver Hib-Erkrankung müssen bis 24 Stunden nach Beginn einer wirksamen Therapie isoliert werden. Danach gelten sie als nicht mehr infektiös. Es gilt das Basishygienekonzept mit strikter Händehygiene.
Postexpositionsprophylaxe (PEP)
Eine PEP ist ausschließlich bei Hib-Infektionen indiziert. Bei anderen Hi-Typen (inkl. NTHi) erfolgen keine Umgebungsmaßnahmen. Die PEP sollte frühestmöglich, spätestens jedoch 7 Tage nach Erkrankungsbeginn des Indexfalls starten.
Indikationen für Haushaltskontakte (face-to-face):
- Wenn im Haushalt ein ungeimpftes/unzureichend geimpftes Kind < 5 Jahre lebt.
- Wenn im Haushalt eine immunsupprimierte Person lebt.
Indikationen für Gemeinschaftseinrichtungen:
- Ungeimpfte Kinder < 5 Jahre mit engem Kontakt zum Indexfall.
- Bei Ausbrüchen (≥ 2 Fälle in 2 Monaten): Alle Kinder und Betreuer der Gruppe, unabhängig vom Impfstatus.
| Zielgruppe | Medikament | Bemerkung |
|---|---|---|
| Standard | Rifampicin p.o. über 4 Tage | Altersabhängige Dosierung beachten. |
| Schwangere | Ceftriaxon (1 x 250 mg i.m.) | Rifampicin ist in der Schwangerschaft kontraindiziert. |
Zusätzlich zur Chemoprophylaxe müssen ungeimpfte oder unvollständig geimpfte Kinder unter 5 Jahren gegen Hib nachgeimpft werden.
Meldepflicht
Der direkte Nachweis von Haemophilus influenzae aus Liquor oder Blut ist gemäß § 7 IfSG namentlich meldepflichtig (innerhalb von 24 Stunden).
💡Praxis-Tipp
Senden Sie jedes H. influenzae-Isolat aus Blut oder Liquor umgehend an das Nationale Referenzzentrum (NRZ) in Würzburg. Die Typisierung ist kostenlos und zwingend erforderlich, um über eine Postexpositionsprophylaxe (nur bei Typ b!) zu entscheiden.