Unipolare Depression: NVL-Leitlinie 2023 (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose erfordert die Erfassung von Haupt- und Zusatzsymptomen über mindestens 2 Wochen.
- •Der Schweregrad (leicht, mittelgradig, schwer) bestimmt sich aus der Anzahl der Symptome nach ICD-10.
- •Ein Therapie-Monitoring sollte im ersten Monat wöchentlich, danach alle 2 bis 4 Wochen erfolgen.
- •Die Wirksamkeit von Antidepressiva soll 3 bis 4 Wochen nach Erreichen der Standarddosis überprüft werden.
- •Das Absetzen von Antidepressiva nach einer Erhaltungstherapie sollte über 8 bis 12 Wochen ausgeschlichen werden.
Hintergrund
Die Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression (2023) definiert Standards für die Diagnostik, Therapieplanung und Behandlung depressiver Störungen. Ziel ist eine strukturierte Versorgung, die Über- sowie Unterdiagnostik vermeidet und partizipative Entscheidungsfindung integriert.
Diagnostik und Symptomerfassung
Die Diagnose einer depressiven Episode erfordert das Vorliegen der Symptomatik über mindestens 2 Wochen. Die Symptome werden in Haupt- und Zusatzsymptome unterteilt:
| Symptomkategorie | Klinische Merkmale |
|---|---|
| Hauptsymptome | Gedrückte, depressive Stimmung; Interessenverlust und Freudlosigkeit; Antriebsmangel und erhöhte Ermüdbarkeit |
| Zusatzsymptome | Verminderte Konzentration; vermindertes Selbstwertgefühl; Schuldgefühle; psychomotorische Agitiertheit/Hemmung; Hoffnungslosigkeit; Schlafstörungen; Appetitstörungen; Suizidgedanken |
Bei Verdacht auf eine zugrundeliegende somatische Erkrankung soll eine weiterführende Diagnostik abgewogen werden.
| "Red Flags" für organische Ursachen |
|---|
| Neue neurologische Fokalsymptomatik |
| Ausgeprägte kognitive Einschränkungen |
| Psychotische Symptomatik |
| Fehlende psychosoziale Stressfaktoren bei schwerer Symptomatik |
| Auffällige klinische Veränderungen (z. B. Fieber, starker Gewichtsverlust) |
Schweregradeinteilung nach ICD-10
Der Schweregrad bestimmt maßgeblich die Therapieplanung und wird durch die Anzahl der vorliegenden Symptome definiert:
| Schweregrad | Hauptsymptome | Zusatzsymptome | Summe der Symptome |
|---|---|---|---|
| Leicht | ≥ 2 | ≥ 2 | 4–5 |
| Mittelgradig | ≥ 2 | ≥ 3 | 6–7 |
| Schwer | 3 | ≥ 5 | ≥ 8 |
Therapieplanung und Monitoring
Ein systematisches Monitoring sollte unter jeder Behandlungsform in folgenden Intervallen erfolgen:
- Monat 1: Wöchentlich
- Monat 2 und 3: Alle 2 bis 4 Wochen
- Danach: In längeren Intervallen
Erfasst werden sollen dabei Symptomatik (inkl. Suizidalität), Nebenwirkungen, psychosozialer Status und Adhärenz.
Internet- und mobilbasierte Interventionen (IMI)
Der Einsatz von IMI soll therapeutisch begleitet werden und eine fachgerechte Diagnostik und Indikationsstellung voraussetzen. Ein regelmäßiges Monitoring der Adhärenz und Wirksamkeit soll erfolgen.
Medikamentöse Therapie
Die Auswahl des Antidepressivums soll nach Sicherheits- und Interaktionsprofil, Patient*innenpräferenz und ärztlicher Erfahrung erfolgen.
- Die Medikation soll mit einer niedrigen Anfangsdosis begonnen werden.
- Es sollte so schnell wie möglich zur Standarddosis aufdosiert werden.
- Aufgrund der Wirklatenz soll das Ansprechen 3 bis 4 Wochen nach Erreichen der Standarddosis bewertet werden.
Therapeutisches Medikamentenmonitoring (TDM)
Serumspiegelkontrollen sollten nicht routinemäßig, sondern bei spezifischen Indikationen erfolgen:
| Indikation für TDM | Bemerkung |
|---|---|
| Dosierung & Wirkung | Behandlung mit Maximaldosis, Nichtansprechen, Symptomverschlechterung bei dosisstabiler Medikation |
| Patientenfaktoren | Multimedikation, Multimorbidität, Leber- oder Niereninsuffizienz |
| Spezielle Risiken | Verträglichkeitsprobleme, bekannte genetische Metabolisierungsbesonderheiten, mangelnde Adhärenz |
Absetzen von Antidepressiva
Beim Absetzen von Antidepressiva besteht das Risiko von Absetzsymptomen und Rebound-Depressionen.
| Klinische Situation | Absetzstrategie |
|---|---|
| Nach Erhaltungstherapie/Rezidivprophylaxe | Sollte über mindestens 8–12 Wochen ausgeschlichen werden |
| Bei gefährlichen/belastenden Nebenwirkungen | Soll rasch oder abrupt abgesetzt werden |
| Bei Auftreten von Absetzsymptomen | Soll auf vorherige Dosis erhöht und danach langsamer ausgeschlichen werden |
| Nach Kombinationsbehandlung | Medikamente sollen nacheinander (nicht gleichzeitig) ausgeschlichen werden |
Nach der letzten Einnahme soll der regelmäßige Kontakt für mindestens 6 Monate fortgeführt werden (z. B. alle 4 Wochen).
💡Praxis-Tipp
Vereinbaren Sie bereits bei Beginn einer Antidepressiva-Therapie einen festen Termin zur Wirkungsprüfung nach 3 bis 4 Wochen (unter Standarddosis), um unwirksame Behandlungen nicht unnötig fortzuführen.