Medikamentenabhängigkeit & Entzug: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Vor der Verordnung von Opioiden, Benzodiazepinen, Z-Drugs, Gabapentinoiden oder Antidepressiva müssen alle nicht-pharmakologischen Optionen ausgeschöpft sein.
- •Ein abruptes Absetzen ist außer bei schweren, lebensbedrohlichen Nebenwirkungen kontraindiziert.
- •Die Dosisreduktion sollte bei Opioiden, Benzodiazepinen und Antidepressiva proportional zur Dosis, bei Gabapentinoiden in festen Schritten erfolgen.
- •Valproat und Buspiron dürfen nicht zur Unterstützung eines Benzodiazepin-Entzugs eingesetzt werden.
Hintergrund
Diese Leitlinie behandelt die sichere Verordnung und das Management von Entzugssymptomen bei Erwachsenen, die Opioide, Benzodiazepine, Gabapentinoide, Z-Drugs oder Antidepressiva einnehmen. Obwohl Antidepressiva historisch nicht als klassisch abhängigkeitsmachend eingestuft werden, können sie beim Absetzen erhebliche Entzugssymptome verursachen.
Risikofaktoren für Abhängigkeit
Vor der Verordnung müssen individuelle Risikofaktoren evaluiert werden. Diese stellen keine absoluten Kontraindikationen dar, erfordern jedoch eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung und Aufklärung.
| Risikofaktor | Bemerkung |
|---|---|
| Psychiatrische Komorbidität | Erhöhtes Risiko bei Depression, Angststörungen, PTBS, Bipolarer Störung |
| Suchtanamnese | Drogen- oder Alkoholmissbrauch in der Vorgeschichte |
| Unklare Diagnose | Fehlende klare, definierte Diagnose zur Rechtfertigung der Verordnung |
| Komedikation | Gleichzeitige Einnahme von Opioiden und Benzodiazepinen |
Verordnung und Therapiesteuerung
Die Verordnung sollte stets in eine umfassende Aufklärung und einen klaren Managementplan eingebettet sein:
- Niedrige Einstiegsdosis: Mit der niedrigsten wirksamen Dosis beginnen.
- Retard-Präparate meiden: Bei Opioiden nach Möglichkeit auf retardierte (modified-release) Präparate verzichten.
- Keine automatische Dosissteigerung: Bei Wirkverlust nach initialem Ansprechen die Dosis nicht automatisch erhöhen.
- Regelmäßige Reviews: Frequenz an Patientenbedürfnisse, Medikament und Dosis anpassen.
Entzug und Dosisreduktion
Ein abruptes Absetzen ist strikt zu vermeiden, es sei denn, es liegen außergewöhnliche medizinische Gründe vor (z. B. Atemdepression durch Opioide, obere gastrointestinale Blutung durch Antidepressiva).
| Medikamentengruppe | Reduktionsstrategie | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Opioide, Benzodiazepine, Z-Drugs, Antidepressiva | Langsame, schrittweise Reduktion | Dekremente werden kleiner, je niedriger die Dosis wird (proportionale Reduktion). |
| Gabapentinoide | Feste Dosisreduktion | Reduktion um einen festen Betrag bei jedem Schritt. |
| Kurzwirksame Benzodiazepine | Präparatewechsel | Wechsel auf ein langwirksames Benzodiazepin (z. B. Diazepam) erwägen. |
Medikamentöse und psychologische Unterstützung
Entzugssymptome können schwer von einem Rezidiv der Grunderkrankung zu unterscheiden sein. Ein rascher Beginn nach Dosisreduktion oder qualitativ neuartige Symptome sprechen für ein Entzugssyndrom.
- Keine Ersatzdrogen: Entzugssymptome dürfen nicht mit einem anderen abhängigkeitsmachenden Medikament behandelt werden.
- Benzodiazepin-Entzug: Valproat oder Buspiron dürfen nicht zur medikamentösen Unterstützung angeboten werden.
- Psychotherapie: Eine kognitive Verhaltenstherapie (CBT) in der Gruppe sollte beim Benzodiazepin-Entzug erwogen werden.
💡Praxis-Tipp
Setzen Sie abhängigkeitsmachende Medikamente niemals abrupt ab. Erwägen Sie bei kurzwirksamen Benzodiazepinen die Umstellung auf langwirksame Präparate (z. B. Diazepam), um den Entzug zu erleichtern.