Nieren- und Harnleitersteine: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Low-Dose-Nativ-CT ist der Goldstandard zur Diagnostik bei Erwachsenen und sollte innerhalb von 24 Stunden erfolgen.
- •NSAR sind das Mittel der ersten Wahl zur Schmerztherapie bei Nierenkoliken; Spasmolytika sollen nicht verwendet werden.
- •Alpha-Blocker können bei distalen Harnleitersteinen <10 mm zur Förderung des Steinabgangs erwogen werden.
- •Die Stoßwellenlithotripsie (SWL) ist bei Erwachsenen die primäre Therapie für Nieren- und Harnleitersteine <10 mm.
- •Zur Rezidivprophylaxe wird eine Trinkmenge von 2,5-3 Litern sowie eine normale Calciumzufuhr (keine Restriktion) empfohlen.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie liefert evidenzbasierte Empfehlungen zur Diagnostik, Schmerztherapie, operativen Behandlung und Rezidivprophylaxe von Nieren- und Harnleitersteinen. Ziel ist es, die Detektion und Steinfreiheit zu verbessern sowie Schmerzen und Rezidive zu reduzieren.
Diagnostik
Die schnelle und präzise Bildgebung ist essenziell, um Nierenschäden zu vermeiden:
- Erwachsene: Dringendes (innerhalb von 24 Stunden) Low-Dose-Nativ-CT bei Verdacht auf Nierenkolik.
- Schwangere: Ultraschall anstelle eines CTs.
- Kinder und Jugendliche: Ultraschall als primäre Bildgebung (<24h). Bei anhaltender diagnostischer Unsicherheit kann ein Low-Dose-Nativ-CT erwogen werden.
Schmerztherapie
Die analgetische Therapie bei Verdacht auf Nierenkolik sollte stufenweise erfolgen:
- 1. Wahl: NSAR (Nicht-steroidale Antirheumatika) über einen beliebigen Applikationsweg für alle Altersgruppen.
- 2. Wahl: Intravenöses Paracetamol, falls NSAR kontraindiziert sind oder keine ausreichende Linderung bringen.
- 3. Wahl: Opioide, wenn sowohl NSAR als auch i.v. Paracetamol kontraindiziert oder ineffektiv sind.
- Kontraindiziert: Spasmolytika sollen nicht angeboten werden.
Konservative Therapie (Medical Expulsive Therapy)
- Alpha-Blocker können bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen mit distalen Harnleitersteinen <10 mm erwogen werden (Off-Label-Use).
- Bei Erwachsenen können Alpha-Blocker auch als Begleittherapie zur Stoßwellenlithotripsie (SWL) bei Harnleitersteinen <10 mm eingesetzt werden.
Operative Therapie
Nierensteine
Bei asymptomatischen Nierensteinen <5 mm (oder >5 mm nach Aufklärung über Risiken und Nutzen) kann ein Watchful Waiting erwogen werden. Für behandlungsbedürftige Steine gilt:
| Steingröße | Therapie Erwachsene | Therapie Kinder & Jugendliche |
|---|---|---|
| <10 mm | SWL anbieten. URS erwägen bei Kontraindikationen/Versagen. | URS oder SWL erwägen. PCNL bei Versagen. |
| 10-20 mm | URS oder SWL erwägen. PCNL bei Versagen. | URS, SWL oder PCNL erwägen. |
| >20 mm (inkl. Ausgusssteine) | PCNL anbieten. URS, falls PCNL nicht möglich. | URS, SWL oder PCNL erwägen. |
Harnleitersteine
Bei Harnleitersteinen mit Nierenkolik sollte die operative Therapie innerhalb von 48 Stunden erfolgen, wenn die Schmerzen nicht tolerabel sind oder ein spontaner Steinabgang unwahrscheinlich ist.
| Steingröße | Therapie Erwachsene | Therapie Kinder & Jugendliche |
|---|---|---|
| <10 mm | SWL anbieten. URS erwägen, falls Steinfreiheit in 4 Wochen unwahrscheinlich, SWL kontraindiziert/nicht zielführend. | URS oder SWL erwägen. |
| 10-20 mm | URS anbieten. SWL erwägen, falls lokale Kapazitäten Steinfreiheit in <4 Wochen erlauben. | URS oder SWL erwägen. |
(Abkürzungen: SWL = Stoßwellenlithotripsie, URS = Ureteroskopie, PCNL = Perkutane Nephrolitholapaxie)
Stenting
- Vor SWL: Bei Erwachsenen kein Stenting vor einer SWL durchführen. Bei Kindern mit Ausgusssteinen vor SWL erwägen.
- Nach URS: Bei Erwachsenen mit Harnleitersteinen <20 mm kein routinemäßiges Stenting nach Ureteroskopie.
Metabolische Diagnostik und Prävention
Zur Prävention von Rezidiven ist eine metabolische Abklärung und Lebensstilanpassung wichtig:
- Diagnostik: Steinanalyse und Messung des Serumcalciums bei Erwachsenen erwägen. Kinder an pädiatrische Nephrologie/Urologie überweisen.
- Trinkmenge: Erwachsene 2,5-3 Liter/Tag; Kinder 1-2 Liter/Tag. Frischen Zitronensaft hinzufügen, kohlensäurehaltige Getränke meiden.
- Ernährung: Salzzufuhr auf max. 6 g/Tag beschränken. Keine Calciumrestriktion (normale Zufuhr von 700-1.200 mg/Tag beibehalten).
- Medikamente: Kaliumcitrat bei rezidivierenden Calciumoxalatsteinen (>50%) erwägen. Thiazide bei Erwachsenen mit rezidivierenden Calciumoxalatsteinen und Hyperkalziurie (nach vorheriger Salzrestriktion) erwägen.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei Nierenkoliken auf Spasmolytika und setzen Sie primär auf NSAR. Führen Sie bei Erwachsenen keine routinemäßige Stenteinlage vor einer Stoßwellenlithotripsie (SWL) oder nach einer Ureteroskopie (Steine <20 mm) durch.