Akute Otitis media: Leitlinie zur Therapie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die akute Otitis media ist meist selbstlimitierend und heilt bei den meisten Kindern innerhalb von 3 Tagen ohne Antibiotika ab.
- •Die symptomatische Schmerztherapie mit Paracetamol oder Ibuprofen steht im Vordergrund der Behandlung.
- •Lokalanästhetische Ohrentropfen können erwogen werden, sofern das Trommelfell intakt ist und keine sofortige Antibiose erfolgt.
- •Für die meisten Patienten wird eine Strategie ohne Antibiotika oder mit einem Back-up-Rezept empfohlen.
- •Amoxicillin ist das orale Antibiotikum der ersten Wahl, typischerweise für eine Dauer von 5 bis 7 Tagen.
Hintergrund
Die akute Otitis media (AOM) ist eine häufige, meist selbstlimitierende Infektion, die vorwiegend Kinder betrifft. Sie kann sowohl viral als auch bakteriell bedingt sein, wobei eine klinische Unterscheidung oft schwierig ist.
- Die Symptome dauern in der Regel etwa 3 Tage an, können aber bis zu einer Woche anhalten.
- Die meisten Kinder erholen sich innerhalb von 3 Tagen ohne Antibiotika.
- Schwere Komplikationen wie eine Mastoiditis sind sehr selten.
Symptomatische Therapie
Die Schmerzlinderung hat bei der akuten Otitis media oberste Priorität.
- Orale Analgesie: Regelmäßige Gabe von Paracetamol oder Ibuprofen. Bei starken Schmerzen sollte die alters- und gewichtsentsprechende Maximaldosis ausgeschöpft werden.
- Ohrentropfen: Tropfen mit einem Lokalanästhetikum und Analgetikum (z. B. Phenazon 40 mg/g mit Lidocain 10 mg/g) können erwogen werden.
- Voraussetzung: Es wird kein sofortiges orales Antibiotikum verschrieben und es liegt keine Trommelfellperforation oder Otorrhoe vor.
- Unwirksame Maßnahmen: Dekongestiva (abschwellende Nasentropfen) und Antihistaminika verbessern die Symptome laut Evidenz nicht und werden nicht empfohlen.
Therapiestrategien und Stufenschema
Die Entscheidung für oder gegen ein Antibiotikum richtet sich nach dem Alter, der Klinik und dem Komplikationsrisiko des Kindes.
| Strategie | Zielgruppe / Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Kein Antibiotikum oder Back-up-Rezept | Die meisten Kinder und Jugendlichen | Aufklärung über den natürlichen Verlauf. Back-up-Rezept einlösen, falls nach 3 Tagen keine Besserung eintritt oder sich Symptome verschlechtern. |
| Sofortiges Antibiotikum (Erwägung) | Kinder < 2 Jahre mit beidseitiger AOM; Kinder jeden Alters mit Otorrhoe | In diesen Subgruppen ist ein klinischer Nutzen von Antibiotika wahrscheinlicher. |
| Sofortiges Antibiotikum (Empfehlung) | Systemisch sehr kranke Kinder; hohes Risiko für Komplikationen | Unverzügliche Therapie. Bei Verdacht auf Sepsis oder schwere Komplikationen (z. B. Mastoiditis, Meningitis) sofortige Klinikeinweisung. |
Antibiotika-Auswahl und Dosierung
Wenn ein Antibiotikum indiziert ist, sollte die Therapiedauer in der Regel 5 bis 7 Tage betragen, um das Risiko von Resistenzen zu minimieren.
| Wirkstoff | Dosis | Indikation | Evidenz / Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Amoxicillin | Altersabhängig (125–500 mg 3x/täglich) | 1. Wahl | Geringstes Resistenzrisiko, gute Verträglichkeit |
| Clarithromycin | Gewichts-/Altersabhängig (2x/täglich) | 1. Wahl bei Penicillinallergie | Alternative bei Unverträglichkeit |
| Erythromycin | Altersabhängig (2x bis 4x/täglich) | 1. Wahl bei Penicillinallergie in der Schwangerschaft | Bevorzugtes Makrolid in der Schwangerschaft |
| Amoxicillin/Clavulansäure | Alters-/Gewichtsabhängig (3x/täglich) | 2. Wahl | Bei Verschlechterung unter 1. Wahl nach mind. 2–3 Tagen |
💡Praxis-Tipp
Verschreiben Sie bei unkomplizierter akuter Otitis media primär ein Back-up-Antibiotikum und klären Sie die Eltern auf, dass die Symptome meist nach 3 Tagen von selbst abklingen. Ohrentropfen mit Lidocain/Phenazon können die Schmerzen lindern, dürfen aber bei Otorrhoe keinesfalls angewendet werden.