IV-Flüssigkeitstherapie bei Kindern: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Der Flüssigkeitsbedarf für die Erhaltungstherapie bei Kindern wird nach der Holliday-Segar-Formel berechnet.
- •Zur Flüssigkeitsreanimation werden glukosefreie, isotone Kristalloide (Na 131-154 mmol/l) mit einem Bolus von 10 ml/kg verwendet.
- •Tetrastärke darf zur Flüssigkeitsreanimation nicht eingesetzt werden.
- •Bei asymptomatischer Hyponatriämie unter hypotonen Lösungen sollte auf isotone Lösungen umgestellt werden.
- •Eine akute symptomatische Hyponatriämie erfordert sofortiges Handeln mit 2,7% NaCl (2 ml/kg Bolus).
Hintergrund
Die korrekte intravenöse (IV) Flüssigkeitstherapie ist essenziell, um den physiologischen Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt bei hospitalisierten Kindern und Jugendlichen aufrechtzuerhalten. Die NICE-Leitlinie definiert die Altersgruppen wie folgt:
- Neugeborene: ≤ 28 Tage (Termingeborene)
- Kinder: 29 Tage bis < 12 Jahre
- Jugendliche: 12 bis < 16 Jahre
Klinische Beurteilung und Monitoring
Das Körpergewicht ist die Grundlage zur Berechnung des IV-Flüssigkeits- und Elektrolytbedarfs. Bei Patienten mit IV-Therapie müssen Flüssigkeitseinfuhr, -ausfuhr und -bilanz über 24 Stunden dokumentiert werden. Plasmaelektrolyte und Blutzucker sind bei Beginn und danach mindestens alle 24 Stunden zu kontrollieren.
Die Diagnose von Dehydratation und hypovolämischem Schock erfolgt anhand klinischer Zeichen:
| Klinisches Zeichen | Klinische Dehydratation | Hypovolämischer Schock (Red Flags) |
|---|---|---|
| Bewusstsein | Verändert (z. B. reizbar, lethargisch) | Vermindert |
| Aussehen | Wirkt krank oder verschlechtert sich | - |
| Augen | Eingesunken | - |
| Schleimhäute | Trocken | - |
| Blutdruck | Normal | Hypotension (dekompensiert) |
| Atmung | Tachypnoe | Tachypnoe |
| Rekapillarisierungszeit | Normal | Verlängert |
| Herzfrequenz | Tachykardie | Tachykardie |
| Periphere Pulse | Normal | Schwach |
| Hautturgor | Vermindert | - |
| Urinausscheidung | Vermindert | - |
| Hautfarbe / Temperatur | Unverändert / Warme Extremitäten | Blass oder marmoriert / Kalte Extremitäten |
Flüssigkeitsreanimation
Wenn eine IV-Flüssigkeitsreanimation erforderlich ist, gelten folgende Vorgaben:
- Kinder und Jugendliche: Glukosefreie Kristalloide (Natrium 131–154 mmol/l), Bolus von 10 ml/kg über weniger als 10 Minuten.
- Neugeborene: Glukosefreie Kristalloide (Natrium 131–154 mmol/l), Bolus von 10–20 ml/kg über weniger als 10 Minuten.
- Kontraindikation: Tetrastärke darf nicht zur Flüssigkeitsreanimation verwendet werden.
- Expertenrat: Einholen, wenn 40–60 ml/kg oder mehr als initialer Volumenersatz benötigt werden.
Erhaltungstherapie
Für die routinemäßige Erhaltungstherapie sollten initial isotone Kristalloide (Natrium 131–154 mmol/l) verwendet werden.
Berechnung für Kinder und Jugendliche (Holliday-Segar-Formel)
| Körpergewicht | Täglicher Flüssigkeitsbedarf |
|---|---|
| Erste 10 kg | 100 ml/kg/Tag |
| Nächste 10 kg | 50 ml/kg/Tag |
| Gewicht über 20 kg | 20 ml/kg/Tag |
Hinweis: Über 24 Stunden benötigen männliche Jugendliche selten mehr als 2.500 ml und weibliche selten mehr als 2.000 ml.
Berechnung für Neugeborene (Termingeboren)
| Alter | Täglicher Flüssigkeitsbedarf |
|---|---|
| Tag 1 | 50–60 ml/kg/Tag |
| Tag 2 | 70–80 ml/kg/Tag |
| Tag 3 | 80–100 ml/kg/Tag |
| Tag 4 | 100–120 ml/kg/Tag |
| Tag 5–28 | 120–150 ml/kg/Tag |
Hinweis: Ab Tag 8 sollten isotone Kristalloide mit 5–10 % Glukose verwendet werden.
Management von Elektrolytstörungen
Hypernatriämie
- Bei fehlender Dehydratation unter isotonen Lösungen: Wechsel auf hypotone Lösung (z. B. 0,45 % NaCl mit Glukose).
- Bei Dehydratation: Wasserdefizit berechnen und über 48 Stunden ersetzen (initial mit 0,9 % NaCl).
- Wichtig: Der Abfall des Plasmanatriums darf 12 mmol/l in 24 Stunden nicht überschreiten.
Hyponatriämie
- Asymptomatisch: Wechsel von hypotoner auf isotone Lösung. Bei Hypervolämie Flüssigkeitsrestriktion auf 50–80 % des Erhaltungsbedarfs.
- Symptomatisch (Kopfschmerzen, Erbrechen, Verwirrtheit, Krämpfe):
- Sofortiger Bolus von 2 ml/kg (max. 100 ml) 2,7 % NaCl über 10–15 Minuten.
- Bei anhaltenden Symptomen bis zu zweimal wiederholen.
- Wichtig: Der Anstieg des Plasmanatriums darf nach Abklingen der Symptome 12 mmol/l in 24 Stunden nicht überschreiten.
💡Praxis-Tipp
Verwenden Sie zur Flüssigkeitsreanimation bei Kindern stets glukosefreie, isotone Kristalloide (10 ml/kg) und berechnen Sie den Erhaltungsbedarf strikt nach der Holliday-Segar-Formel, um iatrogene Hyponatriämien zu vermeiden.