Intravenöse Flüssigkeitstherapie: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Therapieplanung basiert auf den 5 Rs: Resuscitation, Routine maintenance, Replacement, Redistribution und Reassessment.
- •Für die akute Volumensubstitution werden kristalline Lösungen (Na 130-154 mmol/l) als 500-ml-Bolus in <15 Minuten empfohlen.
- •Der tägliche Erhaltungsbedarf liegt bei 25-30 ml/kg Wasser sowie ca. 1 mmol/kg Natrium, Kalium und Chlorid.
- •Kalium darf aufgrund absoluter Lebensgefahr niemals manuell in Infusionsbeutel gespritzt werden.
- •Eine mindestens tägliche Reevaluation des klinischen Flüssigkeitsstatus, der Laborwerte und der Flüssigkeitsbilanz ist obligatorisch.
Hintergrund
Die intravenöse (IV) Flüssigkeitstherapie ist eine der häufigsten Interventionen im Krankenhaus. Fehlmanagement führt jedoch regelmäßig zu Komplikationen wie Überwässerung oder Dehydratation. Diese Leitlinie richtet sich an erwachsene Patienten im regulären Stationsalltag. Ausgeschlossen sind Patienten unter 16 Jahren, Schwangere sowie Patienten mit schweren Leber- oder Nierenerkrankungen, Diabetes, Verbrennungen oder Schädel-Hirn-Trauma.
Die 5 R der Flüssigkeitstherapie
Jede IV-Flüssigkeitsverordnung sollte auf den folgenden fünf Prinzipien basieren:
- Resuscitation (Notfallmäßige Volumensubstitution)
- Routine maintenance (Erhaltungsbedarf)
- Replacement (Ersatz bestehender Defizite)
- Redistribution (Umverteilung)
- Reassessment (Reevaluation)
Initiale Beurteilung und Monitoring
Vor jeder Verordnung muss der Flüssigkeits- und Elektrolytstatus klinisch und laborchemisch evaluiert werden.
| Parameter | Untersuchungsmethode |
|---|---|
| Klinik | Puls, Blutdruck, Rekapillarisierungszeit, Jugularvenendruck, Ödeme, posturale Hypotonie |
| Monitoring | NEWS (National Early Warning Score), Flüssigkeitsbilanz, Körpergewicht |
| Labor | Blutbild, Harnstoff, Kreatinin, Elektrolyte |
Indikatoren für akuten Volumenbedarf
Ein dringender Bedarf zur Volumensubstitution besteht bei einem oder mehreren der folgenden Kriterien:
- Systolischer Blutdruck < 100 mmHg
- Herzfrequenz > 90/min
- Rekapillarisierungszeit > 2 Sekunden oder kalte Peripherie
- Atemfrequenz > 20/min
- NEWS ≥ 5
- Positiver "Passive Leg Raising"-Test
Volumensubstitution (Resuscitation)
Wenn eine akute Volumensubstitution erforderlich ist, gelten folgende Empfehlungen:
- Mittel der Wahl: Kristalloide Lösungen mit einem Natriumgehalt von 130-154 mmol/l.
- Dosierung: 500 ml als Bolus über weniger als 15 Minuten.
- Kontraindikation: Tetrastärke darf nicht zur Volumensubstitution verwendet werden.
- Ausnahme: Humanalbumin (4-5 %) sollte nur bei Patienten mit schwerer Sepsis erwogen werden.
Täglicher Erhaltungsbedarf (Routine maintenance)
Wenn Patienten IV-Flüssigkeit ausschließlich zur Erhaltung benötigen, sollte die initiale Verordnung wie folgt limitiert werden:
| Komponente | Täglicher Bedarf | Bemerkung |
|---|---|---|
| Wasser | 25-30 ml/kg | Bei Adipositas Idealgewicht nutzen (max. 3 Liter/Tag) |
| Natrium, Kalium, Chlorid | ca. 1 mmol/kg | Kalium niemals manuell in Beutel spritzen! |
| Glukose | 50-100 g | Zur Vermeidung einer Hunger-Ketose |
Besondere Patientengruppen: Eine reduzierte Flüssigkeitsmenge von 20-25 ml/kg/Tag sollte erwogen werden bei:
- Älteren oder gebrechlichen Patienten
- Nieren- oder Herzinsuffizienz
- Mangelernährung und Risiko für ein Refeeding-Syndrom
Reevaluation und Komplikationen
Alle Patienten mit laufender IV-Therapie benötigen ein regelmäßiges Monitoring. Dies umfasst mindestens tägliche klinische Beurteilungen, Laborkontrollen und Flüssigkeitsbilanzen sowie zweimal wöchentliche Gewichtskontrollen.
| Komplikation | Diagnostische Kriterien |
|---|---|
| Hypovolämie | Dehydratationszeichen, Oligurie, Harnstoff/Kreatinin-Anstieg >50% |
| Lungenödem | Atemnot unter Infusion, klinische/radiologische Zeichen |
| Hyponatriämie | Serum-Natrium < 130 mmol/l ohne andere Ursache |
| Hypernatriämie | Serum-Natrium ≥ 155 mmol/l (oft durch 0,9% NaCl induziert) |
| Hypokaliämie | Serum-Kalium < 3,0 mmol/l durch unzureichende Substitution |
Alle Vorfälle von Flüssigkeits-Fehlmanagement sollten als "Critical Incidents" gemeldet werden, um die Patientensicherheit zu verbessern.
💡Praxis-Tipp
Runden Sie kaliumhaltige Infusionen auf die nächstverfügbare Standardgröße ab oder auf. Fügen Sie Kalium niemals manuell einem Infusionsbeutel hinzu, da dies lebensgefährlich sein kann.