Fetale Überwachung unter der Geburt: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Bei unkomplizierten Schwangerschaften wird die intermittierende Auskultation empfohlen, um unnötige Interventionen zu vermeiden.
- •Ein kontinuierliches CTG ist bei Vorliegen von antenatalen oder intrapartalen Risikofaktoren indiziert.
- •Die CTG-Beurteilung erfolgt standardisiert anhand von vier Parametern: Wehen, Grundfrequenz, Variabilität und Dezelerationen.
- •Fetale Blutentnahmen (Fetal Blood Sampling) werden aufgrund unzureichender Evidenz aktuell nicht mehr empfohlen.
Hintergrund
Die Überwachung der fetalen Herzfrequenz unter der Geburt ist ein essenzielles Instrument zur Beurteilung des fetalen Zustands, darf jedoch nicht als alleiniges Diagnostikum betrachtet werden. Die NICE-Leitlinie betont die Wichtigkeit einer ganzheitlichen Betrachtung des klinischen Bildes.
Initiale Beurteilung und Wahl der Überwachung
Zu Beginn der Geburt muss eine systematische Risikobewertung erfolgen. Bei Frauen ohne identifizierte Risikofaktoren wird die intermittierende Auskultation empfohlen, da ein kontinuierliches CTG das Risiko für Interventionen ohne klaren Nutzen erhöhen kann.
Intermittierende Auskultation
Bei unkomplizierten Schwangerschaften erfolgt die Überwachung mittels Pinard-Stethoskop oder Doppler-Ultraschall:
- Eröffnungsphase: Mindestens alle 15 Minuten für mindestens 1 Minute unmittelbar nach einer Wehe.
- Austreibungsphase: Mindestens alle 5 Minuten für mindestens 1 Minute unmittelbar nach einer Wehe.
- Wichtig: Zur Unterscheidung zwischen mütterlichem und fetalem Puls muss zeitgleich der mütterliche Puls getastet werden.
Indikationen für kontinuierliches CTG
Ein kontinuierliches CTG ist indiziert, wenn antenatale oder intrapartale Risikofaktoren vorliegen oder sich neu entwickeln.
| Antenatale Risikofaktoren | Intrapartale Risikofaktoren |
|---|---|
| Z.n. Sectio oder Uterusnarbe | Tachysystolie (≥ 5 Wehen in 10 Min. oder > 2 Min. Dauer) |
| Hypertensive Erkrankungen | Mekoniumhaltiges Fruchtwasser |
| Diabetes mellitus (Typ 1, 2 oder Gestationsdiabetes mit Medikation) | Mütterliches Fieber (≥ 38°C oder 2x ≥ 37,5°C) |
| Fetale Wachstumsrestriktion (< 3. Perzentile) | Frische vaginale Blutung |
| Übertragung (> 42+0 SSW) | Mütterliche Tachykardie (> 120 bpm) |
| Verminderte Kindsbewegungen vor Wehenbeginn | Verzögerter Geburtsfortschritt oder Oxytocin-Gabe |
CTG-Beurteilung und Klassifikation
Die Beurteilung des intrapartalen CTGs erfolgt anhand von vier Parametern, die in drei Warnstufen (Weiß, Amber, Rot) eingeteilt werden.
| Parameter | Weiß (Normal) | Amber (Warnsignal) | Rot (Kritisch) |
|---|---|---|---|
| Wehen | < 5 in 10 Min. | ≥ 5 in 10 Min. | - |
| Grundfrequenz | 110-160 bpm | Anstieg um ≥ 20 bpm, oder 100-109 bpm | < 100 bpm oder > 160 bpm |
| Variabilität | 5-25 bpm | < 5 bpm für 30-50 Min., oder > 25 bpm für bis 10 Min. | < 5 bpm für > 50 Min., oder > 25 bpm für > 10 Min., oder sinusoidal |
| Dezelerationen | Keine, frühe, oder unauffällige variable | Repetitiv variabel mit bedenklichen Zeichen < 30 Min., oder nicht-repetitiv > 30 Min. | Repetitiv variabel mit bedenklichen Zeichen > 30 Min., späte Dezelerationen, akute Bradykardie |
Hinweis: Bedenkliche Zeichen bei variablen Dezelerationen sind u.a. Dauer > 60 Sekunden, reduzierte Variabilität innerhalb der Dezeleration oder langsamer Rückgang zur Grundfrequenz.
Basierend auf diesen Parametern wird das CTG klassifiziert:
| Kategorie | Definition |
|---|---|
| Normal | Alle 4 Parameter sind "Weiß" |
| Suspicious | Genau 1 Parameter ist "Amber" |
| Pathological | 1 Parameter ist "Rot" ODER ≥ 2 Parameter sind "Amber" |
Klinisches Management
Das Management richtet sich nach der CTG-Klassifikation und dem klinischen Gesamtbild:
- Normal: Fortführung der regulären Überwachung.
- Suspicious: Ursachensuche, konservative Maßnahmen prüfen. Bei zusätzlichen Risikofaktoren (z.B. Mekonium) ärztliches Review anfordern.
- Pathological: Dringendes Review durch Facharzt/erfahrene Hebamme. Akute Ereignisse (z.B. Nabelschnurvorfall, Plazentalösung) ausschließen. Konservative Maßnahmen einleiten. Bei Persistenz großzügige Indikation zur zügigen Entbindung.
Konservative Maßnahmen
- Lagerung: Mobilisation oder Positionswechsel (Vermeidung der Rückenlage).
- Tachysystolie: Reduktion/Stopp von Oxytocin, ggf. Tokolyse (z.B. Terbutalin 0,25 mg s.c.).
- Hypotonie: i.v.-Flüssigkeit (nur bei Hypotonie oder Sepsis-Verdacht).
- Sauerstoff: Keine routinemäßige mütterliche Sauerstoffgabe zur fetalen Reanimation.
Fetale Kopfstimulation und Blutentnahme
Bei einem suspekten CTG kann die digitale fetale Kopfstimulation erwogen werden. Eine daraus resultierende Akzeleration ist ein beruhigendes Zeichen.
Wichtig: Die NICE-Leitlinie spricht aufgrund unzureichender Evidenz keine Empfehlung für die fetale Blutentnahme (Fetal Blood Sampling) aus.
💡Praxis-Tipp
Unterscheiden Sie stets sorgfältig zwischen mütterlicher und fetaler Herzfrequenz, besonders in der Austreibungsphase. Tasten Sie parallel den mütterlichen Puls. Bei Unklarheiten ziehen Sie frühzeitig ein Ultraschallgerät oder ein fetales Skalpelektroden-Monitoring heran.