Delir-Management: Leitlinie zur Prävention & Therapie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Risikofaktoren für ein Delir umfassen ein Alter ab 65 Jahren, Demenz, aktuelle Hüftfrakturen und schwere akute Erkrankungen.
- •Die Diagnostik erfolgt standardmäßig mit dem 4AT-Score, auf Intensivstationen werden CAM-ICU oder ICDSC empfohlen.
- •Bei Risikopatienten muss innerhalb von 24 Stunden eine multimodale, nicht-medikamentöse Präventionsstrategie eingeleitet werden.
- •Haloperidol darf nur kurzzeitig (max. 1 Woche) bei Eigen- oder Fremdgefährdung nach erfolgloser Deeskalation eingesetzt werden.
Hintergrund
Das Delir ist ein häufiges klinisches Syndrom, das durch eine akute und fluktuierende Störung von Bewusstsein, kognitiver Funktion oder Wahrnehmung gekennzeichnet ist. Es entwickelt sich meist innerhalb von ein bis zwei Tagen. Ein Delir ist mit schlechten klinischen Outcomes assoziiert, darunter verlängerte Krankenhausaufenthalte, erhöhte Mortalität und ein höheres Risiko für Demenz und Pflegebedürftigkeit.
Risikofaktoren
Bei Aufnahme in ein Krankenhaus oder eine Pflegeeinrichtung müssen Patienten auf folgende Risikofaktoren gescreent werden:
| Risikofaktor | Beschreibung |
|---|---|
| Alter | ≥ 65 Jahre |
| Kognition | Bekannte kognitive Einschränkung oder Demenz |
| Trauma | Aktuelle Hüftfraktur |
| Erkrankungsschwere | Schwere akute Erkrankung mit klinischer Verschlechterung |
Klinische Präsentation und Beobachtung
Patienten sollten mindestens täglich auf akute Veränderungen (innerhalb von Stunden oder Tagen) in folgenden Bereichen überwacht werden:
- Kognitive Funktion: Verschlechterte Konzentration, verlangsamte Reaktionen, Verwirrtheit
- Wahrnehmung: Visuelle oder auditive Halluzinationen
- Körperliche Funktion: Reduzierte Mobilität, Unruhe, Agitation, Appetitveränderungen, Schlafstörungen
- Sozialverhalten: Schwierigkeiten bei der Kommunikation, Rückzug, Stimmungsveränderungen
Wichtig: Besondere Aufmerksamkeit gilt dem hypoaktiven Delir (Rückzug, verlangsamte Reaktionen, reduzierte Mobilität), da dieses im klinischen Alltag häufig übersehen wird.
Diagnostik
Wenn Indikatoren für ein Delir vorliegen, muss ein formales Assessment durch geschultes Personal erfolgen:
| Setting | Empfohlenes Assessment-Tool |
|---|---|
| Normalstation / Pflegeeinrichtung | 4AT |
| Intensivstation (ICU) / Aufwachraum | CAM-ICU oder ICDSC |
Hinweis: Bei Schwierigkeiten in der Unterscheidung zwischen Delir, Demenz oder einem Delir bei bestehender Demenz sollte primär das Delir behandelt werden.
Prävention: Multikomponenten-Intervention
Bei Patienten mit erhöhtem Risiko muss innerhalb von 24 Stunden nach Aufnahme ein maßgeschneidertes Maßnahmenpaket durch ein multidisziplinäres Team eingeleitet werden:
| Bereich | Empfohlene Maßnahmen |
|---|---|
| Kognition & Orientierung | Angemessene Beleuchtung, sichtbare Uhr/Kalender, Reorientierungsgespräche, kognitiv stimulierende Aktivitäten, Besuche von Angehörigen |
| Flüssigkeit & Ernährung | Ausreichende Trinkmenge fördern (ggf. s.c./i.v.), auf passenden Sitz von Zahnprothesen achten |
| Hypoxie | Sauerstoffsättigung optimieren (Vorsicht bei Pulsoxymetrie bei dunkler Hautfarbe) |
| Infektionen | Infektionen suchen und behandeln, unnötige Katheterisierungen vermeiden |
| Mobilität | Frühmobilisation nach Operationen, aktive Bewegungsübungen auch bei Bettlägerigkeit |
| Schmerz | Schmerzassessment (auch non-verbal), adäquate Analgesie einleiten |
| Medikation | Medikamenten-Review bei Polypharmazie |
| Sensorik | Reversible Ursachen beheben (z.B. Cerumen), Nutzung von Seh- und Hörhilfen sicherstellen |
| Schlafhygiene | Medizinische/pflegerische Maßnahmen nachts minimieren, Lärm reduzieren |
Therapie des Delirs
1. Initiale Maßnahmen
- Identifikation und Behandlung der zugrundeliegenden Ursachen.
- Effektive Kommunikation, Reorientierung und Beruhigung des Patienten.
- Einbindung von Familie und Angehörigen.
2. Stufenschema bei unruhigem/agitiertem Patienten
| Stufe | Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| Stufe 1 | Verbale und non-verbale Deeskalation | Primäre Maßnahme bei Distress oder Eigen-/Fremdgefährdung. |
| Stufe 2 | Kurzzeitige Gabe von Haloperidol | Nur wenn Stufe 1 ineffektiv. Maximal 1 Woche. Niedrigste Dosis, vorsichtige Titration. |
Achtung: Strenge Indikationsstellung für Haloperidol aufgrund kardialer und neurologischer Nebenwirkungen. Besondere Vorsicht bei Patienten mit Parkinson-Krankheit oder Lewy-Körperchen-Demenz.
3. Bei persistierendem Delir
- Erneute Evaluation möglicher zugrundeliegender Ursachen.
- Follow-up und Assessment auf eine mögliche Demenz.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei der täglichen Visite besonders auf das oft übersehene hypoaktive Delir (Rückzug, Apathie). Setzen Sie Haloperidol bei Patienten mit Parkinson-Krankheit oder Lewy-Körperchen-Demenz äußerst restriktiv ein.