Neugeborenenscreening auf Sichelzellkrankheit: IQWiG
Hintergrund
Die Sichelzellkrankheit (SCD) ist eine autosomal-rezessiv vererbte Erkrankung, die auf einer Hämoglobin-S-Mutation beruht. Neben der homozygoten Form (SCD-S/S) existieren kombinierte heterozygote Formen wie die SCD-S/β-Thalassämie oder die SCD-S/C.
Da Föten vorwiegend fetales Hämoglobin (HbF) bilden, treten erste Symptome meist erst ab dem dritten Lebensmonat auf, wenn das HbF durch das mutierte HbS ersetzt wird. Dies führt zu einer hämolytischen Anämie, einer erhöhten Blutviskosität und rezidivierenden Gefäßverschlüssen.
In Deutschland gehört die Sichelzellkrankheit bislang nicht zu den Zielerkrankungen des regulären erweiterten Neugeborenenscreenings. Die Diagnosestellung erfolgt laut Routinedaten oft spät, im Median erst im siebten Lebensquartal.
Empfehlungen
Der IQWiG-Bericht S18-01 bewertet den Nutzen eines Neugeborenenscreenings auf Sichelzellkrankheit. Im Fokus steht die Kombination aus Screening, früher Diagnosestellung und rechtzeitigem Behandlungsbeginn.
Nutzenbewertung des Screenings
Es zeigt sich ein Anhaltspunkt für einen Nutzen hinsichtlich der Vermeidung von Todesfällen bei betroffenen Kindern. Der Effekt zugunsten des Screenings wird als dramatisch groß beschrieben, auch wenn die zugrundeliegende Evidenz ein hohes Verzerrungspotenzial aufweist.
Die Überlebenswahrscheinlichkeit in den ersten Lebensjahren ist in der Screening-Kohorte signifikant höher als in der ungescreenten historischen Kontrollgruppe.
| Altersgruppe | Mortalitätsrate mit Screening (Intervention) | Mortalitätsrate ohne Screening (Kontrolle) |
|---|---|---|
| Bis 1. Lebensjahr | 0,01 % | 0,10 % |
| Bis 2. Lebensjahr | 0,01 % | 0,14 % |
| Bis 3. Lebensjahr | 0,01 % | 0,17 % |
| Bis 5. Lebensjahr | 0,02 % | 0,19 % |
Bestandteile der Frühintervention
Der bewertete Nutzen bezieht sich auf eine Screeningkette, an die sich unmittelbar weitere Maßnahmen anschließen. Dazu gehören laut Bericht:
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Eine frühzeitige Schulung der Eltern bezüglich der Erkrankung
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Die Anleitung der Eltern zur eigenständigen Milzpalpation beim Kind
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Der Beginn einer Penicillin-Prophylaxe ab dem vierten Lebensmonat
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Eine engmaschige, routinemäßige Überwachung der Kinder
Diagnostische Testverfahren
Zur Identifikation von Neugeborenen mit Sichelzellkrankheit aus Trockenblutkarten stehen geeignete Testverfahren zur Verfügung.
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Die Tandem-Massenspektrometrie (MS/MS) und die Hochleistungsflüssigkeitschromatografie (HPLC) werden als geeignete Methoden genannt
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Der positive prädiktive Wert dieser Verfahren ist hoch
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In den bewerteten Studien waren alle mittels MS/MS und HPLC positiv getesteten Säuglinge tatsächlich von der Erkrankung betroffen
💡Praxis-Tipp
Der IQWiG-Bericht betont, dass ein Screening nur in Kombination mit einer funktionierenden Interventionskette einen Überlebensvorteil bietet. Es wird hervorgehoben, dass infektionsprophylaktische Maßnahmen wie eine Penicillin-Gabe ab dem vierten Lebensmonat sowie die Schulung der Eltern essenziell für die Senkung der Mortalität sind.
Häufig gestellte Fragen
Laut IQWiG-Bericht macht sich die Erkrankung meist erst ab dem dritten Lebensmonat bemerkbar. Zu diesem Zeitpunkt wird das pränatal dominierende fetale Hämoglobin (HbF) zunehmend durch das mutierte Sichelzellhämoglobin (HbS) ersetzt.
Die Erkrankung führt zu einer chronischen Schädigung fast aller Organe durch eine verminderte Sauerstoffversorgung. Zu den akuten Komplikationen zählen zerebrale Infarkte, das akute Thoraxsyndrom, Milzsequestration und Sepsis.
Der Bericht identifiziert die Tandem-Massenspektrometrie (MS/MS) und die Hochleistungsflüssigkeitschromatografie (HPLC) als geeignete Verfahren. Diese Methoden weisen in den untersuchten Studien einen sehr hohen positiven prädiktiven Wert auf.
Die bewertete Evidenz zeigt einen dramatischen Effekt zugunsten des Screenings. Bis zum fünften Lebensjahr lag die Mortalitätsrate in der gescreenten und behandelten Gruppe bei 0,02 %, verglichen mit 0,19 % in der ungescreenten Kontrollgruppe.
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Quelle: IQWiG S18-01: Screening auf Sichelzellkrankheit bei Neugeborenen (IQWiG, 2019). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.