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Adipositas bei GI- & Lebererkrankungen: ESPEN-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf ESPEN/UEG (European Society for Clinical Nutrition / United European Gastroenterology) Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Adipositas verschlechtert den Verlauf vieler GI-Erkrankungen und erfordert ein gezieltes Gewichtsmanagement unter Erhalt der Muskelmasse.
  • Bei CED (IBD) wird eine Gewichtsreduktion in der Remissionsphase empfohlen; das Medikament Orlistat ist kontraindiziert.
  • Bei Lebererkrankungen (NAFLD/Zirrhose) ist ein Screening auf Sarkopenie und Mangelernährung (z.B. mittels RFH-NPT) essenziell.
  • Die Proteinbedarfsermittlung sollte bei Adipositas auf Basis des angepassten Körpergewichts (Adjusted Body Weight, ABW) erfolgen.
  • Bariatrische Chirurgie ist möglich, das Verfahren muss jedoch an die Grunderkrankung angepasst werden (z.B. Sleeve-Gastrektomie bei CED, RYGB bei GERD).
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Hintergrund

Patienten mit chronischen gastrointestinalen Erkrankungen wie chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED/IBD), Reizdarmsyndrom (IBS), Zöliakie, gastroösophagealer Refluxkrankheit (GERD), Pankreatitis und chronischen Lebererkrankungen (CLD, insbesondere NAFLD) leiden häufig an einer begleitenden Adipositas. Die gemeinsame Leitlinie von ESPEN und UEG (2023) adressiert die spezifischen diagnostischen und therapeutischen Bedürfnisse dieser Patientengruppe. Das übergeordnete Ziel ist die Reduktion der Fettmasse bei gleichzeitigem Erhalt der Muskelmasse, um einer sarkopenischen Adipositas vorzubeugen.

Screening und Assessment

Ein regelmäßiges Screening auf Ernährungsrisiken, Sarkopenie und Mangelernährung ist bei allen GI-Erkrankungen obligatorisch. Bei adipösen Patienten kann eine Mangelernährung (insbesondere der Verlust von Muskelmasse) klinisch maskiert sein.

ErkrankungsgruppeEmpfohlenes Screening-ToolBemerkung
Allgemein / CEDNRS-2002 (stationär), MUST (ambulant)Ergänzend GLIM-Kriterien für detailliertes Assessment
Lebererkrankungen (CLD)RFH-NPT, LDUSTSpezifisch validiert; hohe Genauigkeit bei Zirrhose

Zur Berechnung des Energie- und Proteinbedarfs bei Adipositas sollte in Ermangelung einer indirekten Kalorimetrie das angepasste Körpergewicht (Adjusted Body Weight, ABW) verwendet werden. Formel: ABW = Referenzgewicht (bei BMI 25) + 0,33 × (Aktuelles Gewicht - Referenzgewicht).

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED / IBD)

Adipositas ist bei CED mit einer erhöhten Morbidität, schwereren Krankheitsverläufen und einem schlechteren Ansprechen auf Biologika assoziiert.

  • Gewichtsreduktion: Wird in der Remissionsphase empfohlen (Empfehlungsgrad B). Während eines akuten Schubs sollte keine Gewichtsreduktion angestrebt werden.
  • Medikamentöse Therapie: Anti-Adipositas-Medikamente können eingesetzt werden, Orlistat ist jedoch kontraindiziert, da es Malabsorption und gastrointestinale Nebenwirkungen verursacht.
  • Knochendichte: Bei Steroidtherapie müssen Calcium und Vitamin D überwacht und substituiert werden (Empfehlungsgrad B).
KrankheitsphaseEmpfohlene ProteinzufuhrBemerkung
Remission0,8 - 1,0 g/kg ABW/dStandardbedarf für Erwachsene
Aktiver Schub / Sarkopenie1,2 - 1,5 g/kg ABW/dErhöhter Bedarf zur Vermeidung von Muskelkatabolismus

Reizdarmsyndrom (IBS) und Zöliakie

  • IBS: Gewichtsverlust durch Lebensstilmodifikation (Diät, Bewegung) wird stark empfohlen (Empfehlungsgrad B), da dies die klinischen Symptome verbessert. Ausgewählte Probiotika können zur Symptomlinderung eingesetzt werden.
  • Zöliakie: Eine glutenfreie Diät führt häufig zu einer Gewichtszunahme (durch verbesserte Resorption und hochkalorische Ersatzprodukte). Empfohlen wird eine energie-reduzierte, mediterrane glutenfreie Diät unter Anleitung einer Ernährungsfachkraft.

Gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD)

Adipositas, insbesondere die abdominelle Adipositas (Taillenumfang), ist ein starker Risikofaktor für GERD und Komplikationen wie den Barrett-Ösophagus.

  • Therapie: Gewichtsreduktion und Reduktion des Taillenumfangs werden dringend empfohlen (Empfehlungsgrad A).

Pankreatitis

Bei akuter Pankreatitis und Adipositas gelten grundsätzlich die gleichen Ernährungsempfehlungen wie bei normalgewichtigen Patienten. Bei schwerer akuter Pankreatitis kann in der Akutphase eine isokalorische, proteinreiche Diät (>1,3 g/kg ABW/d) erwogen werden.

Bei chronischer Pankreatitis und Verdacht auf exokrine Pankreasinsuffizienz erfolgt eine Pankreasenzym-Ersatztherapie (PERT):

StufeDosierung (Lipase-Einheiten)Bemerkung
Startdosis25.000 - 50.000 pro Hauptmahlzeit25.000 Einheiten pro Snack
EskalationBis zu 75.000 pro HauptmahlzeitDosisanpassung nach klinischem Bedarf
TherapieversagenWechsel des Präparats oder PPI-ZugabeBei unzureichender Fettabsorption trotz Standard-PERT

Chronische Lebererkrankungen (CLD) und NAFLD

Die nicht-alkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD) ist eng mit dem metabolischen Syndrom verknüpft. Eine Gewichtsreduktion verbessert das Outcome, die Steatose und die Fibrose signifikant (Empfehlungsgrad A).

Diagnostik-Besonderheiten bei Adipositas:

BMI-KlasseEmpfohlene BildgebungBemerkung
< 35 kg/m²UltraschallStandard-Screening
> 35 kg/m² (Grad II/III)CT oder MRI-PDFFUltraschall verliert massiv an Sensitivität/Spezifität
Unklarer BefundCAP (Controlled Attenuation Parameter)Zur Diagnostik und Stadieneinteilung der Steatose

Hinweis: Transaminasen (ALT, AST, GGT) dürfen nicht verwendet werden, um eine NAFLD auszuschließen (Empfehlungsgrad B).

Proteinzufuhr bei Lebererkrankungen: Gewichtsstabile NAFLD/NASH-Patienten sollten mindestens 1 g/kg ABW/d Protein aufnehmen, um einer Sarkopenie entgegenzuwirken. Bei Vorliegen von Aszites muss das Aszites-Gewicht vom Körpergewicht abgezogen werden.

Bariatrische Chirurgie

Bariatrische Eingriffe sind bei Patienten mit GI-Erkrankungen und einem BMI >40 kg/m² (oder >35 kg/m² mit Komorbiditäten) nach Ausschöpfen konservativer Maßnahmen indiziert. Die Wahl des Verfahrens ist jedoch krankheitsspezifisch:

GrunderkrankungBevorzugtes VerfahrenBegründung
CED (IBD)Sleeve-Gastrektomie (SG)Dünndarm-sparende Verfahren senken das Risiko für Malabsorption und erleichtern zukünftige Darm-OPs.
GERDRoux-en-Y Gastric Bypass (RYGB)SG kann Refluxsymptome de novo auslösen oder verschlechtern; RYGB ist hier überlegen.
IBSIndividuellBariatrische Chirurgie kann IBS-ähnliche Symptome postoperativ verschlechtern.

💡Praxis-Tipp

Berechnen Sie den Energie- und Proteinbedarf bei adipösen Patienten stets mit dem angepassten Körpergewicht (Adjusted Body Weight = Referenzgewicht + 0,33 × Übergewicht). So vermeiden Sie eine Überernährung, stellen aber gleichzeitig den Erhalt der Muskelmasse sicher.

Häufig gestellte Fragen

Bei CED (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) wird die Sleeve-Gastrektomie (Schlauchmagen) bevorzugt. Dünndarm-sparende Verfahren senken das Risiko für Komplikationen und erleichtern eventuell später notwendige darmchirurgische Eingriffe.
Nein. Orlistat sollte bei CED aufgrund seines Wirkmechanismus und der häufigen gastrointestinalen Nebenwirkungen (wie Malabsorption und Diarrhö) vermieden werden.
Da der Standard-Ultraschall bei einem BMI >35 kg/m² stark an diagnostischer Genauigkeit verliert, sollten bei diesen Patienten alternative Verfahren wie CT oder MRT (MRI-PDFF) zur Diagnosesicherung herangezogen werden.
Gewichtsstabile Patienten mit NAFLD/NASH sollten mindestens 1 g/kg angepasstes Körpergewicht (ABW) pro Tag erhalten, um einer Sarkopenie vorzubeugen. Bei Vorliegen von Aszites muss dessen Gewicht vorher abgezogen werden.
Ja, eine Gewichtsreduktion (insbesondere die Reduktion des Bauchumfangs) wird stark empfohlen (Empfehlungsgrad A), da sie den intraabdominellen Druck senkt und Refluxsymptome signifikant verbessert.

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