Keuchhusten (Pertussis): Aktuelle ECDC-Risikobewertung
📋Auf einen Blick
- •Starker Anstieg der Pertussis-Fälle in der EU/EWR mit über 32.000 gemeldeten Fällen im ersten Quartal 2024.
- •Säuglinge unter 6 Monaten ohne vollständigen Impfschutz tragen das höchste Risiko für schwere Verläufe und Mortalität.
- •Die maternale Immunisierung (Impfung in der Schwangerschaft) ist eine der effektivsten Maßnahmen zum Schutz von Neugeborenen.
- •Eine antibiotische Therapie mit Makroliden sollte idealerweise innerhalb von 21 Tagen nach Hustenbeginn gestartet werden.
- •Erkrankte Personen sollten für 21 Tage (oder bis 5 Tage nach Beginn einer adäquaten Antibiose) Gemeinschaftseinrichtungen fernbleiben.
Hintergrund
Pertussis (Keuchhusten) ist eine endemische Erkrankung, bei der auch bei hoher Durchimpfungsrate alle drei bis fünf Jahre größere Epidemien auftreten. Nach einer Phase geringer Zirkulation während der COVID-19-Pandemie verzeichnet die EU/EWR einen massiven Anstieg: 2023 wurden über 25.000 Fälle gemeldet, allein zwischen Januar und März 2024 folgten mehr als 32.000 weitere Fälle.
Die höchste Inzidenz wird bei Säuglingen (unter 1 Jahr) sowie bei Jugendlichen (10-19 Jahre) beobachtet. Die Mehrzahl der Todesfälle betrifft Säuglinge.
Risikobewertung nach Altersgruppen
Das ECDC bewertet das Risiko basierend auf der Infektionswahrscheinlichkeit und den klinischen Auswirkungen (Impact):
| Populationsgruppe | Infektionswahrscheinlichkeit | Auswirkungen (Impact) | Gesamtrisiko |
|---|---|---|---|
| Säuglinge < 6 Monate (ungeimpft/teilgeimpft) | Hoch | Hoch | Hoch |
| Säuglinge > 6 Monate & Kinder bis 15 J. (ungeimpft/teilgeimpft) | Moderat | Niedrig | Moderat |
| Jugendliche > 16 J. & Erwachsene bis 64 J. | Moderat | Niedrig | Moderat |
| Ältere Erwachsene (≥ 65 J.) & Personen mit Vorerkrankungen | Moderat | Moderat | Moderat |
Hinweis: Bei vollständig nach nationalem Schema geimpften Kindern sowie kürzlich aufgefrischten Erwachsenen sinkt das Risiko auf "Niedrig".
Impfempfehlungen und Prävention
Das primäre Ziel der nationalen Impfprogramme ist die Senkung der Morbidität und Mortalität bei Neugeborenen. Das ECDC empfiehlt folgende Kernstrategien:
- Primärimmunisierung: Zeitgerechter und vollständiger Abschluss der Grundimmunisierung bei Säuglingen hat oberste Priorität.
- Maternale Immunisierung: Die Impfung in der Schwangerschaft ist eine hocheffektive Methode, um Säuglinge in den ersten Lebensmonaten (vor Abschluss der eigenen Grundimmunisierung) zu schützen.
- Auffrischungsimpfungen (Booster): Einhaltung der nationalen Empfehlungen für Auffrischungsimpfungen bei Jugendlichen und Erwachsenen.
Diagnostik
Die Wahl der Labordiagnostik richtet sich nach dem Zeitpunkt des Symptombeginns:
| Krankheitsphase | Bevorzugte Diagnostik | Bemerkung |
|---|---|---|
| < 21 Tage nach Symptombeginn | PCR oder Kultur | Hohe Bakterienlast in den oberen Atemwegen |
| ≥ 2 Wochen nach Symptombeginn | Serologie | Nachweis von B. pertussis-spezifischen Antikörpern |
Therapiemanagement und Infektionsschutz
Die klinische Präsentation kann je nach Alter und Immunstatus variieren. Bei Verdacht auf Pertussis gelten folgende Maßnahmen zur Therapie und zur Verhinderung der Transmission:
- Antibiotikatherapie: Behandlung mit einem Makrolid (Erythromycin, Clarithromycin, Azithromycin) innerhalb von 21 Tagen nach Hustenbeginn.
- Isolierung: Ausschluss von erkrankten Kindern und Personal aus Gemeinschaftseinrichtungen (Schule, Kita) oder Hochrisikobereichen (z.B. Entbindungsstationen) für 21 Tage nach Symptombeginn oder bis 5 Tage nach Beginn einer adäquaten Antibiotikatherapie.
- Postexpositionsprophylaxe (PEP): Eine antibiotische PEP kann für Haushaltskontakte und enge Kontakte mit hohem Risiko für schwere Verläufe (z.B. Säuglinge, Schwangere, Immunsupprimierte) erwogen werden.
💡Praxis-Tipp
Denken Sie bei protrahiertem Husten (>14 Tage) auch bei Erwachsenen an Pertussis. Starten Sie eine Makrolid-Therapie frühzeitig (innerhalb von 21 Tagen) und klären Sie Schwangere aktiv über die Wichtigkeit der maternalen Pertussis-Impfung auf.