Neonatale Cholestase: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Jeder Ikterus, der über den 14. Lebenstag hinausgeht (Ikterus prolongatus), erfordert den Ausschluss einer neonatalen Cholestase.
- •Ein konjugiertes (direktes) Bilirubin >1 mg/dl (17 µmol/l) gilt als pathologisch und erfordert zwingend weitere Diagnostik.
- •Acholische (entfärbte) Stühle und dunkler Urin sind absolute Warnsignale für eine obstruktive Cholestase (z.B. Gallengangatresie).
- •Die Gallengangatresie (GGA) ist die häufigste Ursache und erfordert eine frühzeitige Hepatoportoenterostomie nach Kasai.
- •Die Ernährungstherapie umfasst eine hochkalorische Zufuhr (120-150 kcal/kg) mit MCT-Fetten und die Substitution fettlöslicher Vitamine.
Hintergrund
Die neonatale Cholestase ist durch eine verminderte Klärung von Substraten gekennzeichnet, die über die Galle ausgeschieden werden (z.B. konjugiertes Bilirubin, Gallensäuren). Klinisch präsentiert sie sich meist als Ikterus prolongatus (über den 14. Lebenstag hinaus persistierend). Die Inzidenz liegt bei ca. 1:2500. Eine konjugierte Hyperbilirubinämie ist in jedem Lebensalter pathologisch und erfordert eine rasche Abklärung, um lebensbedrohliche Erkrankungen frühzeitig zu behandeln.
| Diagnose | Anteil in % | Bemerkung |
|---|---|---|
| Gallengangatresie (GGA) | 20-41% | Häufigste Ursache, erfordert rasche OP |
| Idiopathische neonatale Hepatitis | 15-24% | Ausschlussdiagnose |
| Familiäre Cholestase Syndrome | 7-12% | z.B. Alagille Syndrom, PFIC |
| α1-Antitrypsinmangel | 3-10% | Genetische Abklärung |
| Infektionen | 1-9% | Bakteriell oder viral (z.B. CMV, HSV) |
| Metabolisch/endokrine Ursachen | 2-23% | z.B. Galaktosämie, Hypothyreose |
Klinische Symptomatik
- Starker Konsens: Bei einem Ikterus über den 14. Lebenstag hinaus soll eine neonatale Cholestase ausgeschlossen werden.
- Starker Konsens: Bei ausschließlich gestillten Säuglingen ohne Warnhinweise kann die Bilirubindifferenzierung bis zur 3. Lebenswoche aufgeschoben werden.
- Acholischer (entfärbter) Stuhl und dunkel gefärbter Urin sind dringende Warnhinweise auf eine obstruktive Cholestase.
- Starker Konsens: Zur Früherkennung einer Gallengangatresie soll ein Screening mit einer Stuhlfarbkarte erfolgen.
Diagnostik
Sobald das konjugierte Bilirubin erhöht ist (>1 mg/dl bzw. 17 µmol/l), soll eine strukturierte Stufendiagnostik erfolgen, um akut lebensbedrohliche Erkrankungen auszuschließen.
| Stufe | Parameter / Maßnahme | Differentialdiagnostische Überlegung |
|---|---|---|
| Umgehend | AST, ALT, gGT, Albumin, Quick/INR, PTT | Ausmaß der Leberschädigung und Syntheseleistung |
| Umgehend | BGA, Glukose, Laktat, Blutbild, CRP, Ferritin, HSV/CMV-PCR, Blut-/Urinkultur | Konnatale Infektionen, Sepsis, GALD |
| Umgehend | Ammoniak | Harnstoffzyklusdefekt |
| Am Folgetag | Neugeborenenscreening einholen, Aminosäuren, organische Säuren, Acylcarnitinprofil | Stoffwechselerkrankungen (Galaktosämie, Tyrosinämie) |
| Am Folgetag | Endokrinologische Basis (TSH, fT4, Cortisol) | Hypothyreose, Panhypopituitarismus |
Bildgebung und Histologie
- Sonographie: Starker Konsens für eine frühzeitige Sonographie beim nüchternen Patienten. Hinweise auf eine GGA sind eine fehlende/kleine Gallenblase, unzureichende Kontraktilität und das "Triangular Cord Sign" (TCS).
- Leberbiopsie: Gilt als zuverlässigste Maßnahme (Präzision 97%), um zwischen idiopathischer neonataler Hepatitis und GGA zu unterscheiden.
- Visualisierung der Gallenwege: Starker Konsens, dass bei fehlendem Nachweis von Gallefluss in den Darm zeitnah eine Visualisierung (z.B. intraoperatives Cholangiogramm, ERCP) erfolgen soll.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach der zugrundeliegenden Ätiologie. Generelle supportive und spezifische Maßnahmen umfassen:
| Maßnahme | Indikation / Durchführung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Ernährung | 120-150 kcal/kg, MCT-Fette, Substitution fettlöslicher Vitamine (A, D, E, K) | Starker Konsens |
| Ursodeoxycholsäure (UDCA) | Zur Besserung der Laborparameter und Stimulation der hepatobiliären Sekretion | Starker Konsens |
| Juckreiz-Therapie | Stufenweise Eskalation (UDCA, Rifampicin, Colestyramin, Naltrexon) | Starker Konsens |
| Phototherapie | Bei gemischter Hyperbilirubinämie nach Überschreiten der Grenzwerte | Starker Konsens |
Chirurgische Therapie (Gallengangatresie)
- Starker Konsens: Patienten mit Verdacht auf GGA sollen frühzeitig in einem Leberzentrum für Kinder evaluiert werden.
- Starker Konsens: Es soll eine offene Hepatoportoenterostomie nach Kasai durchgeführt werden (laparoskopische Verfahren zeigen schlechtere Überlebensraten mit nativer Leber).
- Konsens: Routinemäßig sollten keine Steroide nach der Kasai-OP verabreicht werden.
- Starker Konsens: Eine perioperative antibiotische Therapie soll durchgeführt werden.
💡Praxis-Tipp
Verlassen Sie sich bei einem Ikterus prolongatus (>14 Tage) nicht auf die klinische Einschätzung allein. Führen Sie zwingend eine Bilirubindifferenzierung durch und nutzen Sie Stuhlfarbkarten, um acholische Stühle als Warnsignal für eine Gallengangatresie nicht zu übersehen.