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Status epilepticus bei Erwachsenen: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Jeder epileptische Anfall, der länger als 5 Minuten anhält, wird als Status epilepticus definiert und erfordert eine akute medikamentöse Therapie.
  • Die Initialtherapie (Stufe 1) erfolgt mit Benzodiazepinen, z. B. Lorazepam i.v. oder Midazolam i.m./i.n. bei fehlendem Zugang.
  • In Stufe 2 (Benzodiazepin-refraktär) sind Levetiracetam, Valproat oder Fosphenytoin i.v. die Mittel der ersten Wahl.
  • Der refraktäre Status (Stufe 3) erfordert eine intensivmedizinische Behandlung mit Anästhetika (Propofol, Midazolam, Thiopental) und kontinuierlichem EEG-Monitoring.
  • Zur Diagnostik gehören neben Labor und cCT/MRT zwingend EEG-Ableitungen, insbesondere bei Verdacht auf einen nonkonvulsiven Status.
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Hintergrund

Ein Status epilepticus (SE) ist ein prolongierter epileptischer Anfall. Die AWMF-Leitlinie definiert aus pragmatischen Gründen jeden epileptischen Anfall, der länger als 5 Minuten anhält (oder ≥ 2 aufeinanderfolgende Anfälle über > 5 Minuten ohne Wiedererlangen des präiktalen Bewusstseins), als Status epilepticus. Dieser erfordert eine sofortige antiepileptische Therapie (Empfehlungsstärke: stark).

Die Zeitpunkte für das Eingreifen (T1) und das Risiko bleibender Schäden (T2) variieren je nach Form:

Form des SET1 (Therapiebeginn)T2 (Risiko neuronaler Schäden)
Generalisiert konvulsiv5 Minuten30 Minuten
Fokal, nicht bewusst erlebt10 Minuten> 60 Minuten
Absence10–15 Minutenunbekannt

Klassifikation

Die Klassifikation erfolgt nach den ILAE-Kriterien (2015) anhand von vier Achsen:

  • Semiologie: Konvulsiv vs. nonkonvulsiv, mit oder ohne Bewusstseinsstörung.
  • Ätiologie: Strukturell, metabolisch, infektiös, immunvermittelt, unbekannt.
  • EEG-Korrelate: Spezifische Muster, wichtig zur Abgrenzung von Enzephalopathien.
  • Alter: Berücksichtigung altersspezifischer Epilepsiesyndrome.

Diagnostik

Die Diagnostik zielt auf die Ursachenklärung und die Erkennung von Komplikationen ab.

  • Klinik & EEG: Konvulsive Formen werden klinisch diagnostiziert. Bei nonkonvulsiven Formen oder zur Abgrenzung psychogener Anfälle ist das EEG essenziell. Bei Verdacht auf nonkonvulsiven SE soll die Sensitivität durch längere/wiederholte Ableitungen erhöht werden (Empfehlungsstärke: stark).
  • Bildgebung: In der Akutsituation soll ein cCT (alternativ MRT) zum Ausschluss akuter symptomatischer Ätiologien erfolgen. Im Verlauf ist ein MRT indiziert (Empfehlungsstärke: stark).
  • Labor: Standardmäßig Blutbild, Elektrolyte (inkl. Magnesium), Leber-/Nierenwerte, CK, Glukose, Schilddrüsenhormone und Toxikologie. Bei bekannter Epilepsie: Spiegel der Antiepileptika.

Therapie: Stufenschema

Die Therapie erfolgt eskalierend in vier Stufen. Die Sicherung der Vitalparameter (ABCDE-Schema) ist obligat.

Stufe 1: Initialtherapie (Prähospital/Klinik)

Mittel der Wahl sind Benzodiazepine. Häufigster Fehler ist eine Unterdosierung.

WirkstoffDosierung (Erwachsene / > 13 kg)Bemerkung
Lorazepam0,1 mg/kg i.v. (max. 4 mg/Bolus)Ggf. nach 5 Min. 1x wiederholen. Evidenzbasierte 1. Wahl.
Midazolam10 mg i.m. oder i.n. (> 40 kg)Bei fehlendem i.v.-Zugang. Sehr effektiv.
Clonazepam0,015 mg/kg i.v. (max. 1 mg/Bolus)Langsame Injektion.
Diazepam0,15–0,2 mg/kg i.v. (max. 10 mg/Bolus)Ggf. nach 5 Min. 1x wiederholen.

Stufe 2: Benzodiazepin-refraktärer SE

Besteht der SE nach adäquater Benzodiazepin-Gabe fort, werden intravenöse Antiepileptika eingesetzt (Empfehlungsstärke: stark).

WirkstoffDosierungInfusionsdauer
Levetiracetam60 mg/kg (max. 4500 mg)> 10 Minuten
Valproat40 mg/kg (max. 3000 mg)> 10 Minuten
Fosphenytoin20 mg/kg (max. 1500 mg)> 10 Minuten

Alternative Optionen (2. Wahl): Phenytoin (20 mg/kg i.v.), Phenobarbital (15–20 mg/kg i.v.) oder Lacosamid (5 mg/kg i.v.).

Stufe 3: Refraktärer Status epilepticus (RSE)

Ein RSE erfordert die Intubation und Behandlung auf der Intensivstation mit kontinuierlichem EEG-Monitoring (Empfehlungsstärke: stark).

WirkstoffInitialer BolusErhaltungsdosis (EEG-gesteuert)
Midazolam0,2 mg/kg i.v.bis 2,9 mg/kg/h
Propofol2 mg/kg i.v.4–10 mg/kg/h (Cave: PRIS)
Thiopental5 mg/kg i.v.0,5–5 mg/kg/h

Beim fokalen nonkonvulsiven RSE kann im Einzelfall auf ein therapeutisches Koma verzichtet werden.

Stufe 4: Superrefraktärer Status epilepticus (SRSE)

Besteht der SE trotz Anästhetika fort oder rezidiviert beim Ausschleichen, liegt ein SRSE vor. Die Evidenz für Therapien ist hier gering.

  • Empfohlen: Ketogene Diät (über Magensonde gut umsetzbar).
  • Erwogen werden können: Ketamin i.v., hochdosierte Barbiturate (Thiopental), Inhalationsanästhetika (Isofluran), enterale Antiepileptika (Perampanel, Topiramat), Epilepsiechirurgie oder Elektrokonvulsionstherapie.
  • Nicht empfohlen: Systemische Hypothermie zur Anfallsunterbrechung und Allopregnanolon (Empfehlungsstärke: stark).

💡Praxis-Tipp

Achten Sie in der Initialtherapie auf eine ausreichend hohe Benzodiazepin-Dosis (z. B. Lorazepam 4 mg i.v. bei Erwachsenen). Unterdosierungen sind der häufigste Fehler und reduzieren die Durchbrechungsrate signifikant.

Häufig gestellte Fragen

Jeder epileptische Anfall, der länger als 5 Minuten dauert, oder zwei aufeinanderfolgende Anfälle ohne zwischenzeitliches Wiedererlangen des Bewusstseins, wird als Status epilepticus definiert.
Midazolam intramuskulär oder intranasal (10 mg bei über 40 kg Körpergewicht) ist die empfohlene Alternative bei fehlendem i.v.-Zugang.
Mittel der ersten Wahl sind Levetiracetam (60 mg/kg), Valproat (40 mg/kg) oder Fosphenytoin (20 mg/kg) als intravenöse Kurzinfusion über mindestens 10 Minuten.
Ein SRSE liegt vor, wenn die Anfallsaktivität trotz Einleitung einer Therapie mit kontinuierlich applizierten Anästhetika (Stufe 3) anhält oder beim Ausschleichen wieder auftritt.
Nein, die Leitlinie spricht eine starke Empfehlung gegen den Einsatz der systemischen Hypothermie zur Anfallsunterbrechung beim SRSE aus.

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