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Fieberkrämpfe im Kindesalter: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Fieberkrämpfe sind die häufigsten provozierten epileptischen Anfälle bei Kindern (Altersgipfel: 2. Lebensjahr).
  • Einfache Fieberkrämpfe dauern ≤ 5 Minuten, enden spontan und haben eine exzellente Prognose ohne kognitive Einschränkungen.
  • Eine medikamentöse Akutunterbrechung wird erst ab einer Anfallsdauer von 5 Minuten empfohlen.
  • Routinemäßige Blutentnahmen, EEGs oder MRTs sind bei einfachen Fieberkrämpfen nicht indiziert.
  • Eine Lumbalpunktion sollte bei Säuglingen unter 12 Monaten, komplizierten Verläufen oder unklarem Meningismus großzügig erfolgen.
  • Antipyretika senken das Fieber und verbessern das Wohlbefinden, verhindern aber nicht das Auftreten von Fieberkrämpfen.
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Hintergrund

Fieberkrämpfe (FK) sind eine altersabhängige Antwort des unreifen Zentralnervensystems auf Fieber (Temperatur ≥ 38 °C) und stellen die häufigsten provozierten epileptischen Anfälle beim Menschen dar. Sie treten bei 2 % bis 5 % aller Kinder auf, meist zwischen dem 6. Lebensmonat und dem 6. Lebensjahr (Gipfel um das 2. Lebensjahr). Ein Fieberkrampf ist keine Epilepsie, da diese durch wiederholte afebrile Anfälle definiert ist.

Klassifikation

Die Leitlinie schlägt basierend auf klinischer Erfahrung eine Anpassung der zeitlichen Definition vor, da Anfälle von mehr als 5 Minuten Dauer in der Regel nicht mehr spontan sistieren:

KlassifikationKriterien
Einfacher Fieberkrampf (72 %)Dauer ≤ 5 Minuten (früher < 15 Min.), primär generalisiert, kein Rezidiv innerhalb von 24 Stunden.
Komplizierter Fieberkrampf (28 %)Dauer ≥ 5 Minuten, fokale Symptome (z.B. Todd'sche Parese) und/oder wiederholtes Auftreten innerhalb von 24 Stunden.
Prolongierter FieberkrampfDauer > 30 Minuten (Status epilepticus).

Risikofaktoren für Rezidive

Bei etwa einem Drittel der Kinder kommt es zu weiteren Fieberkrämpfen. Das Rezidivrisiko steigt bei folgenden Faktoren:

  • Alter: 1. FK vor Ende des 1. Lebensjahres (50 % Rezidivrisiko)
  • Fieberdauer: Kurze Fieberperiode (< 1 h) vor dem Anfall (46 % Rezidivrisiko)
  • Temperaturhöhe: Je niedriger die Temperatur beim 1. FK, desto höher das Rezidivrisiko (bei 38,3 °C: 42 % Risiko)
  • Familienanamnese: Positive Familienanamnese für Fieberkrämpfe

Diagnostik

Nach einem Fieberkrampf stehen Anamnese und klinische Untersuchung im Vordergrund. Die wichtigste Frage lautet: Liegt eine ZNS-Infektion (Meningitis/Enzephalitis) vor?

Lumbalpunktion (LP)

Eine Routine-LP bei Kindern > 12 Monate wird nicht empfohlen. Die Indikation ergibt sich aus dem klinischen Bild.

Indikation zur LumbalpunktionBemerkung
Säuglinge < 12 MonateGroßzügige Indikation ("sicherheitshalber"), da Meningismus fehlen kann.
Komplizierter / Prolongierter FKErhöhtes Risiko für ZNS-Infektionen.
Verzögerte ErholungPostiktal zögerliches Aufklaren oder fokale Zeichen.
VorbehandlungBei antibiotisch vorbehandelten oder ungenügend geimpften Kindern.

Apparative Diagnostik

  • Labor: Keine Routinediagnostik bei unkompliziertem FK und klinisch unauffälligem Kind.
  • EEG: Keine Evidenz für Routine-EEG nach einfachem FK. Bei kompliziertem FK oder neurologischen Auffälligkeiten kann ein EEG sinnvoll sein (idealerweise 2-3 Wochen nach dem Akutereignis).
  • MRT: Keine Routine-Bildgebung. Nur bei fokalen neurologischen Defiziten oder fokalen EEG-Veränderungen indiziert.

Akuttherapie

Die meisten Fieberkrämpfe sistieren spontan innerhalb von 3 Minuten. Eine medikamentöse Unterbrechung sollte erfolgen, wenn der Anfall länger als 5 Minuten andauert.

WirkstoffDosierungApplikationIndikation / Bemerkung
DiazepamSäuglinge / Kinder < 15 kg: 5 mg<br>Kinder > 15 kg: 10 mgrektal1. Wahl zur Akutunterbrechung. Wirkeintritt nach 2-4 Min.
Midazolam3 Mon. - < 1 Jahr: 2,5 mg<br>1 - < 5 Jahre: 5 mg<br>5 - < 10 Jahre: 7,5 mg<br>10 - < 18 Jahre: 10 mgbukkalOff-Label-Use (Heilversuch) bei reinen Fieberkrämpfen.
Lorazepam0,05 mg/kg KGi.v.Bei Versagen der 1. Gabe (Kliniksetting).
Clonazepam0,01 - 0,05 mg/kg KGi.v.Bei Versagen der 1. Gabe (Kliniksetting).

Hinweis: Sistiert der Anfall nach 5 Minuten nicht, kann die Dosis wiederholt werden. Danach muss eine ärztliche Vorstellung erfolgen.

Antipyrese und Prophylaxe

  • Fiebersenkung: Paracetamol (15 mg/kg KG alle 6h) oder Ibuprofen (7,5 mg/kg KG alle 6h) verbessern das Wohlbefinden. Wichtig: Eine Fiebersenkung verhindert das Auftreten von Fieberkrämpfen nicht.
  • Dauertherapie: Es gibt keine Evidenz für eine kontinuierliche oder intermittierende antiepileptische Prophylaxe. Die Nebenwirkungen überwiegen den Nutzen deutlich.

Prognose

Die Prognose ist exzellent. Das Mortalitätsrisiko bei einfachen Fieberkrämpfen ist nicht erhöht. Die kognitive Entwicklung unterscheidet sich nicht von gesunden Kindern. Das Risiko für eine spätere Epilepsie ist nach einfachen Fieberkrämpfen mit ca. 2,7 % (vs. 0,5 % in der Allgemeinbevölkerung) nur geringfügig erhöht.

💡Praxis-Tipp

Beruhigen Sie die Eltern aktiv: Ein einfacher Fieberkrampf verursacht keine Hirnschäden und beeinträchtigt die kognitive Entwicklung nicht. Entlasten Sie die Eltern von dem Irrglauben, sie hätten den Krampf durch früheres Fiebersenken verhindern können.

Häufig gestellte Fragen

Eine medikamentöse Unterbrechung (z.B. mit rektalem Diazepam oder bukkalem Midazolam) wird ab einer Anfallsdauer von 5 Minuten empfohlen, da Anfälle danach meist nicht mehr spontan sistieren.
Nein. Antipyretika wie Paracetamol oder Ibuprofen senken das Fieber und verbessern das Wohlbefinden des Kindes, sie können das Auftreten eines Fieberkrampfs jedoch nicht verhindern.
Eine Lumbalpunktion sollte bei Säuglingen unter 12 Monaten, bei komplizierten Fieberkrämpfen, bei verzögerter postiktaler Erholung sowie bei unzureichend geimpften oder antibiotisch vorbehandelten Kindern erfolgen.
Nein, nach einem einfachen Fieberkrampf gibt es keine Evidenz für eine routinemäßige EEG-Ableitung. Bei komplizierten Verläufen kann ein EEG im Verlauf (nach 2-3 Wochen) sinnvoll sein.
Bei einfachen Fieberkrämpfen ist das Risiko für eine spätere Epilepsie mit ca. 2,7 % nur minimal gegenüber der Allgemeinbevölkerung (0,5 %) erhöht. Eine antiepileptische Dauertherapie wird nicht empfohlen.

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