Fieberkrämpfe im Kindesalter: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Fieberkrämpfe sind die häufigsten provozierten epileptischen Anfälle bei Kindern (Altersgipfel: 2. Lebensjahr).
- •Einfache Fieberkrämpfe dauern ≤ 5 Minuten, enden spontan und haben eine exzellente Prognose ohne kognitive Einschränkungen.
- •Eine medikamentöse Akutunterbrechung wird erst ab einer Anfallsdauer von 5 Minuten empfohlen.
- •Routinemäßige Blutentnahmen, EEGs oder MRTs sind bei einfachen Fieberkrämpfen nicht indiziert.
- •Eine Lumbalpunktion sollte bei Säuglingen unter 12 Monaten, komplizierten Verläufen oder unklarem Meningismus großzügig erfolgen.
- •Antipyretika senken das Fieber und verbessern das Wohlbefinden, verhindern aber nicht das Auftreten von Fieberkrämpfen.
Hintergrund
Fieberkrämpfe (FK) sind eine altersabhängige Antwort des unreifen Zentralnervensystems auf Fieber (Temperatur ≥ 38 °C) und stellen die häufigsten provozierten epileptischen Anfälle beim Menschen dar. Sie treten bei 2 % bis 5 % aller Kinder auf, meist zwischen dem 6. Lebensmonat und dem 6. Lebensjahr (Gipfel um das 2. Lebensjahr). Ein Fieberkrampf ist keine Epilepsie, da diese durch wiederholte afebrile Anfälle definiert ist.
Klassifikation
Die Leitlinie schlägt basierend auf klinischer Erfahrung eine Anpassung der zeitlichen Definition vor, da Anfälle von mehr als 5 Minuten Dauer in der Regel nicht mehr spontan sistieren:
| Klassifikation | Kriterien |
|---|---|
| Einfacher Fieberkrampf (72 %) | Dauer ≤ 5 Minuten (früher < 15 Min.), primär generalisiert, kein Rezidiv innerhalb von 24 Stunden. |
| Komplizierter Fieberkrampf (28 %) | Dauer ≥ 5 Minuten, fokale Symptome (z.B. Todd'sche Parese) und/oder wiederholtes Auftreten innerhalb von 24 Stunden. |
| Prolongierter Fieberkrampf | Dauer > 30 Minuten (Status epilepticus). |
Risikofaktoren für Rezidive
Bei etwa einem Drittel der Kinder kommt es zu weiteren Fieberkrämpfen. Das Rezidivrisiko steigt bei folgenden Faktoren:
- Alter: 1. FK vor Ende des 1. Lebensjahres (50 % Rezidivrisiko)
- Fieberdauer: Kurze Fieberperiode (< 1 h) vor dem Anfall (46 % Rezidivrisiko)
- Temperaturhöhe: Je niedriger die Temperatur beim 1. FK, desto höher das Rezidivrisiko (bei 38,3 °C: 42 % Risiko)
- Familienanamnese: Positive Familienanamnese für Fieberkrämpfe
Diagnostik
Nach einem Fieberkrampf stehen Anamnese und klinische Untersuchung im Vordergrund. Die wichtigste Frage lautet: Liegt eine ZNS-Infektion (Meningitis/Enzephalitis) vor?
Lumbalpunktion (LP)
Eine Routine-LP bei Kindern > 12 Monate wird nicht empfohlen. Die Indikation ergibt sich aus dem klinischen Bild.
| Indikation zur Lumbalpunktion | Bemerkung |
|---|---|
| Säuglinge < 12 Monate | Großzügige Indikation ("sicherheitshalber"), da Meningismus fehlen kann. |
| Komplizierter / Prolongierter FK | Erhöhtes Risiko für ZNS-Infektionen. |
| Verzögerte Erholung | Postiktal zögerliches Aufklaren oder fokale Zeichen. |
| Vorbehandlung | Bei antibiotisch vorbehandelten oder ungenügend geimpften Kindern. |
Apparative Diagnostik
- Labor: Keine Routinediagnostik bei unkompliziertem FK und klinisch unauffälligem Kind.
- EEG: Keine Evidenz für Routine-EEG nach einfachem FK. Bei kompliziertem FK oder neurologischen Auffälligkeiten kann ein EEG sinnvoll sein (idealerweise 2-3 Wochen nach dem Akutereignis).
- MRT: Keine Routine-Bildgebung. Nur bei fokalen neurologischen Defiziten oder fokalen EEG-Veränderungen indiziert.
Akuttherapie
Die meisten Fieberkrämpfe sistieren spontan innerhalb von 3 Minuten. Eine medikamentöse Unterbrechung sollte erfolgen, wenn der Anfall länger als 5 Minuten andauert.
| Wirkstoff | Dosierung | Applikation | Indikation / Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Diazepam | Säuglinge / Kinder < 15 kg: 5 mg<br>Kinder > 15 kg: 10 mg | rektal | 1. Wahl zur Akutunterbrechung. Wirkeintritt nach 2-4 Min. |
| Midazolam | 3 Mon. - < 1 Jahr: 2,5 mg<br>1 - < 5 Jahre: 5 mg<br>5 - < 10 Jahre: 7,5 mg<br>10 - < 18 Jahre: 10 mg | bukkal | Off-Label-Use (Heilversuch) bei reinen Fieberkrämpfen. |
| Lorazepam | 0,05 mg/kg KG | i.v. | Bei Versagen der 1. Gabe (Kliniksetting). |
| Clonazepam | 0,01 - 0,05 mg/kg KG | i.v. | Bei Versagen der 1. Gabe (Kliniksetting). |
Hinweis: Sistiert der Anfall nach 5 Minuten nicht, kann die Dosis wiederholt werden. Danach muss eine ärztliche Vorstellung erfolgen.
Antipyrese und Prophylaxe
- Fiebersenkung: Paracetamol (15 mg/kg KG alle 6h) oder Ibuprofen (7,5 mg/kg KG alle 6h) verbessern das Wohlbefinden. Wichtig: Eine Fiebersenkung verhindert das Auftreten von Fieberkrämpfen nicht.
- Dauertherapie: Es gibt keine Evidenz für eine kontinuierliche oder intermittierende antiepileptische Prophylaxe. Die Nebenwirkungen überwiegen den Nutzen deutlich.
Prognose
Die Prognose ist exzellent. Das Mortalitätsrisiko bei einfachen Fieberkrämpfen ist nicht erhöht. Die kognitive Entwicklung unterscheidet sich nicht von gesunden Kindern. Das Risiko für eine spätere Epilepsie ist nach einfachen Fieberkrämpfen mit ca. 2,7 % (vs. 0,5 % in der Allgemeinbevölkerung) nur geringfügig erhöht.
💡Praxis-Tipp
Beruhigen Sie die Eltern aktiv: Ein einfacher Fieberkrampf verursacht keine Hirnschäden und beeinträchtigt die kognitive Entwicklung nicht. Entlasten Sie die Eltern von dem Irrglauben, sie hätten den Krampf durch früheres Fiebersenken verhindern können.