Urtikaria: Leitlinie zu Diagnostik und Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Urtikaria wird nach Dauer in akut (≤ 6 Wochen) und chronisch (> 6 Wochen) sowie nach Auslösern in spontan und induzierbar eingeteilt.
- •Bei akuter Urtikaria wird keine routinemäßige Labordiagnostik empfohlen.
- •Therapie der ersten Wahl sind moderne, nicht-sedierende H1-Antihistaminika der 2. Generation.
- •Bei unzureichendem Ansprechen wird eine Dosissteigerung der H1-Antihistaminika auf das bis zu 4-fache empfohlen (Off-Label).
- •Omalizumab ist die Add-on-Therapie der Wahl, wenn hochdosierte Antihistaminika nicht ausreichen.
Hintergrund
Die Urtikaria ist eine vornehmlich durch Mastzellen gesteuerte Erkrankung, die durch das Auftreten von Quaddeln und/oder Angioödemen gekennzeichnet ist. Die Lebenszeitprävalenz liegt bei nahezu 20 %. Die Erkrankung kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränken.
Klassifikation
Die Urtikaria wird primär anhand ihrer Dauer und der Relevanz auslösender Faktoren eingeteilt.
Einteilung nach Dauer:
- Akute Urtikaria: Auftreten von Quaddeln/Angioödemen für ≤ 6 Wochen.
- Chronische Urtikaria (CU): Auftreten für > 6 Wochen.
Einteilung nach Auslösern (Chronische Urtikaria):
| Unterform | Charakteristik | Beispiele |
|---|---|---|
| Chronische spontane Urtikaria (CSU) | Spontane Ausbildung ohne definierten Auslöser | Bekannte Ursachen (z.B. Autoimmunität Typ I/IIb) oder unbekannte Ursachen |
| Chronische induzierbare Urtikaria (CIndU) | Spezifischer, definierter Auslöser vorhanden | Symptomatischer Dermographismus, Kälteurtikaria, Druckurtikaria, Lichturtikaria, cholinergische Urtikaria |
Diagnostik
Die Diagnostik basiert auf einer gründlichen Anamnese und körperlichen Untersuchung. Die apparative und laborchemische Diagnostik richtet sich nach der Urtikariaform.
- Akute Urtikaria: Es wird stark nicht empfohlen, grundsätzlich diagnostische Routinemaßnahmen durchzuführen, da die Erkrankung meist selbstlimitierend ist.
- Chronische spontane Urtikaria (CSU): Es wird empfohlen, Basisuntersuchungen durchzuführen. Dazu gehören ein Differentialblutbild sowie CRP und/oder BSG. In der fachärztlichen Versorgung sollten zusätzlich Gesamt-IgE und IgG-Anti-TPO bestimmt werden.
- Chronische induzierbare Urtikaria (CIndU): Es wird empfohlen, spezifische Provokationstests und Schwellenmessungen durchzuführen.
Scoring-Systeme zur Verlaufskontrolle
Zur objektiven Beurteilung von Krankheitsaktivität und -kontrolle sollten validierte Fragebögen eingesetzt werden:
| Score | Zielgruppe | Anwendung |
|---|---|---|
| UAS7 (Urtikaria-Aktivitäts-Score) | CSU-Patienten mit Quaddeln | Erfasst Quaddeln und Juckreiz über 7 aufeinanderfolgende Tage (Maximalwert 42) |
| AAS (Angioödem-Aktivitäts-Score) | CSU-Patienten mit Angioödemen | Erfasst Schwellungen und deren Auswirkungen |
| UCT (Urtikaria-Kontroll-Test) | Alle CU-Patienten | Misst die Krankheitskontrolle (Cut-off: ≥ 12 Punkte = gut kontrolliert) |
Therapie
Das übergeordnete Ziel der Behandlung ist die vollständige Kontrolle der Urtikaria (UAS7 = 0) und eine Normalisierung der Lebensqualität. Medikamente, die im Verdacht stehen, die Erkrankung zu aggravieren (z.B. NSAR), sollten abgesetzt werden.
Stufenschema der medikamentösen Therapie
| Stufe | Therapie | Empfehlungsgrad & Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Wahl | H1-Antihistaminika der 2. Generation (Standarddosis) | Starke Empfehlung. Kontinuierliche Einnahme wird empfohlen. |
| 2. Wahl | H1-Antihistaminika der 2. Generation (bis zu 4-fache Dosis) | Konsens. Off-Label-Use bei unzureichendem Ansprechen auf die Standarddosis. |
| 3. Wahl | Omalizumab (Add-on) | Starke Empfehlung. Bei Therapieversagen der hochdosierten Antihistaminika. |
| 4. Wahl | Ciclosporin A (Add-on) | Schwache Empfehlung. Off-Label-Use bei schweren, refraktären Verläufen. |
Wichtige klinische Hinweise zur medikamentösen Therapie:
- Keine Kombinationen: Die gleichzeitige Anwendung verschiedener H1-Antihistaminika wird nicht empfohlen.
- Keine alten Antihistaminika: Sedierende H1-Antihistaminika der 1. Generation sollen aufgrund von Nebenwirkungen nicht routinemäßig eingesetzt werden.
- Systemische Glukokortikoide: Ein langfristiger Einsatz wird stark nicht empfohlen. Eine Kurzzeitbehandlung (max. 10 Tage) kann lediglich bei akuten Exazerbationen erwogen werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie standardisierte Fragebögen wie den UAS7 oder den UCT (Urtikaria-Kontroll-Test) in der Praxis. Sie dauern nur wenige Minuten, objektivieren die Krankheitsaktivität und liefern eine solide Begründung für Therapieeskalationen (z.B. Off-Label-Dosissteigerung von Antihistaminika oder Omalizumab-Verordnung).