Hereditäres Angioödem (HAE): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •HAE Typ I und II unterscheiden sich laborchemisch, aber nicht in ihrer klinischen Symptomatik.
- •Zur Diagnosestellung müssen C1-INH-Aktivität, C1-INH-Konzentration und C4 im Plasma bestimmt werden.
- •Kortikosteroide, Antihistaminika und Adrenalin sind bei akuten HAE-Attacken unwirksam.
- •Mittel der Wahl im Akutfall sind C1-INH-Konzentrate, Icatibant oder Conestat alfa.
- •ACE-Hemmer und östrogenhaltige Präparate sind kontraindiziert, da sie Attacken auslösen können.
Hintergrund
Das hereditäre Angioödem (HAE) durch C1-Inhibitor-Mangel (C1-INH) ist eine seltene, autosomal-dominant vererbte Erkrankung. Sie ist durch rezidivierende, spontan rückläufige Ödeme an Haut, Magen-Darm-Trakt und den Luftwegen gekennzeichnet. Ein Larynxödem kann lebensbedrohlich sein.
Klassifikation und Pathogenese
Der C1-INH kontrolliert das Kallikrein-Kinin-System. Ein Mangel führt zu einer unzureichenden Inhibition von Kallikrein und damit zu einer vermehrten Bildung von Bradykinin, welches die Schwellungen verursacht.
| Typ | Häufigkeit | Pathogenese | C1-INH-Aktivität | C1-INH-Konzentration |
|---|---|---|---|---|
| Typ I | ca. 85 % | Synthesedefekt | Vermindert | Vermindert |
| Typ II | ca. 15 % | Funktionelle Insuffizienz | Vermindert | Normal oder erhöht |
Klinik und Triggerfaktoren
Die Symptomatik manifestiert sich meist im ersten oder zweiten Lebensjahrzehnt. Die Attacken dauern unbehandelt 1 bis 3 (maximal 7) Tage.
- Hautschwellungen: Meist an Gesicht, Extremitäten oder Genitalien. Spannungsgefühl, fast nie Juckreiz.
- Magen-Darm-Trakt: Krampfartige Abdominalschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, wässrige Diarrhöen, teils Aszites.
- Larynxödeme: Supraglottisches Ödem mit Erstickungsgefahr. Häufigste Todesursache.
Triggerfaktoren:
- Traumen (Stöße, Druck, Operationen im Kopf-/Halsbereich)
- Psychischer Stress und Infektionen
- Kontraindiziert: ACE-Hemmer und östrogenhaltige Kontrazeptiva (verstärken die Krankheitsaktivität massiv)
Diagnostik
Bei Verdacht auf HAE-C1-INH dürfen keine "Suchtests" mit nur einem Parameter durchgeführt werden.
Empfohlene Basisdiagnostik:
- C1-INH-Aktivität
- C1-INH-Konzentration
- C4-Konzentration (fast immer permanent erniedrigt)
Genetische Diagnostik: Nur bei widersprüchlichen Laborbefunden empfohlen.
Familienuntersuchung: Bei nachgewiesenem Mangel sollen alle blutsverwandten Familienmitglieder untersucht werden.
Akuttherapie
Wichtig: Kortikosteroide, Antihistaminika und Adrenalin sind bei HAE-Attacken unwirksam.
| Wirkstoff | Präparat | Applikation | Dosierung (Erwachsene) | Bemerkung |
|---|---|---|---|---|
| C1-INH-Konzentrat | Berinert | i.v. | 20 IE/kg KG (Kopf/Hals) oder 500-1000 IE | Mittel der Wahl, auch in Schwangerschaft |
| C1-INH-Konzentrat | Cinryze | i.v. | 1.000 IE | - |
| Icatibant | Firazyr | s.c. | 30 mg | Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonist |
| Conestat alfa | Ruconest | i.v. | 50 E/kg KG (bis 84 kg), max. 4.200 E | Rekombinanter C1-INH; Kontraindikation: Kaninchenallergie |
| Gefrorenes Frischplasma | - | i.v. | - | Nur im Notfall, wenn spezifische Medikamente fehlen |
Prophylaxe
Kurzzeitprophylaxe
Vor mechanischen Einwirkungen auf die oberen Luftwege (z. B. Zahn-OPs, Intubation) soll 1 Stunde vorher C1-INH-Konzentrat verabreicht werden.
Langzeitprophylaxe
Indiziert, wenn die Bedarfstherapie nicht ausreicht (z. B. >12 schwere Attacken/Jahr).
| Wirkstoff | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| C1-INH-Konzentrat | Cinryze, Berinert | i.v. Gabe (z. B. 2x wöchentlich) |
| Attenuierte Androgene | Danazol | Max. 200 mg/Tag; viele Nebenwirkungen (Hepatotoxizität, Virilisierung) |
| Tranexamsäure | Cyklokapron | 20-50 mg/kg KG (max. 3 g); geringere Wirksamkeit als Androgene |
💡Praxis-Tipp
Kortikosteroide, Antihistaminika und Adrenalin sind bei HAE-Attacken unwirksam. Verabreichen Sie bei Larynxödemen sofort C1-INH-Konzentrat oder Icatibant und überwachen Sie den Patienten stationär. Setzen Sie zudem ACE-Hemmer bei HAE-Patienten strikt ab.