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Hereditäres Angioödem (HAE): Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • HAE Typ I und II unterscheiden sich laborchemisch, aber nicht in ihrer klinischen Symptomatik.
  • Zur Diagnosestellung müssen C1-INH-Aktivität, C1-INH-Konzentration und C4 im Plasma bestimmt werden.
  • Kortikosteroide, Antihistaminika und Adrenalin sind bei akuten HAE-Attacken unwirksam.
  • Mittel der Wahl im Akutfall sind C1-INH-Konzentrate, Icatibant oder Conestat alfa.
  • ACE-Hemmer und östrogenhaltige Präparate sind kontraindiziert, da sie Attacken auslösen können.
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Hintergrund

Das hereditäre Angioödem (HAE) durch C1-Inhibitor-Mangel (C1-INH) ist eine seltene, autosomal-dominant vererbte Erkrankung. Sie ist durch rezidivierende, spontan rückläufige Ödeme an Haut, Magen-Darm-Trakt und den Luftwegen gekennzeichnet. Ein Larynxödem kann lebensbedrohlich sein.

Klassifikation und Pathogenese

Der C1-INH kontrolliert das Kallikrein-Kinin-System. Ein Mangel führt zu einer unzureichenden Inhibition von Kallikrein und damit zu einer vermehrten Bildung von Bradykinin, welches die Schwellungen verursacht.

TypHäufigkeitPathogeneseC1-INH-AktivitätC1-INH-Konzentration
Typ Ica. 85 %SynthesedefektVermindertVermindert
Typ IIca. 15 %Funktionelle InsuffizienzVermindertNormal oder erhöht

Klinik und Triggerfaktoren

Die Symptomatik manifestiert sich meist im ersten oder zweiten Lebensjahrzehnt. Die Attacken dauern unbehandelt 1 bis 3 (maximal 7) Tage.

  • Hautschwellungen: Meist an Gesicht, Extremitäten oder Genitalien. Spannungsgefühl, fast nie Juckreiz.
  • Magen-Darm-Trakt: Krampfartige Abdominalschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, wässrige Diarrhöen, teils Aszites.
  • Larynxödeme: Supraglottisches Ödem mit Erstickungsgefahr. Häufigste Todesursache.

Triggerfaktoren:

  • Traumen (Stöße, Druck, Operationen im Kopf-/Halsbereich)
  • Psychischer Stress und Infektionen
  • Kontraindiziert: ACE-Hemmer und östrogenhaltige Kontrazeptiva (verstärken die Krankheitsaktivität massiv)

Diagnostik

Bei Verdacht auf HAE-C1-INH dürfen keine "Suchtests" mit nur einem Parameter durchgeführt werden.

Empfohlene Basisdiagnostik:

  • C1-INH-Aktivität
  • C1-INH-Konzentration
  • C4-Konzentration (fast immer permanent erniedrigt)

Genetische Diagnostik: Nur bei widersprüchlichen Laborbefunden empfohlen.

Familienuntersuchung: Bei nachgewiesenem Mangel sollen alle blutsverwandten Familienmitglieder untersucht werden.

Akuttherapie

Wichtig: Kortikosteroide, Antihistaminika und Adrenalin sind bei HAE-Attacken unwirksam.

WirkstoffPräparatApplikationDosierung (Erwachsene)Bemerkung
C1-INH-KonzentratBerinerti.v.20 IE/kg KG (Kopf/Hals) oder 500-1000 IEMittel der Wahl, auch in Schwangerschaft
C1-INH-KonzentratCinryzei.v.1.000 IE-
IcatibantFirazyrs.c.30 mgBradykinin-B2-Rezeptor-Antagonist
Conestat alfaRuconesti.v.50 E/kg KG (bis 84 kg), max. 4.200 ERekombinanter C1-INH; Kontraindikation: Kaninchenallergie
Gefrorenes Frischplasma-i.v.-Nur im Notfall, wenn spezifische Medikamente fehlen

Prophylaxe

Kurzzeitprophylaxe

Vor mechanischen Einwirkungen auf die oberen Luftwege (z. B. Zahn-OPs, Intubation) soll 1 Stunde vorher C1-INH-Konzentrat verabreicht werden.

Langzeitprophylaxe

Indiziert, wenn die Bedarfstherapie nicht ausreicht (z. B. >12 schwere Attacken/Jahr).

WirkstoffTherapieBemerkung
C1-INH-KonzentratCinryze, Berinerti.v. Gabe (z. B. 2x wöchentlich)
Attenuierte AndrogeneDanazolMax. 200 mg/Tag; viele Nebenwirkungen (Hepatotoxizität, Virilisierung)
TranexamsäureCyklokapron20-50 mg/kg KG (max. 3 g); geringere Wirksamkeit als Androgene

💡Praxis-Tipp

Kortikosteroide, Antihistaminika und Adrenalin sind bei HAE-Attacken unwirksam. Verabreichen Sie bei Larynxödemen sofort C1-INH-Konzentrat oder Icatibant und überwachen Sie den Patienten stationär. Setzen Sie zudem ACE-Hemmer bei HAE-Patienten strikt ab.

Häufig gestellte Fragen

Mittel der Wahl sind C1-INH-Konzentrate (Berinert, Cinryze), der Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonist Icatibant (Firazyr) oder rekombinanter C1-INH (Ruconest).
Nein, Kortikosteroide, Antihistaminika und Adrenalin sind bei Angioödemen eines HAE-C1-INH absolut unwirksam.
ACE-Hemmer und östrogenhaltige hormonale Kontrazeptiva oder Hormonersatztherapien sind kontraindiziert, da sie die Krankheitsaktivität massiv verstärken können.
Es müssen immer drei Parameter bestimmt werden: C1-INH-Aktivität, C1-INH-Konzentration und C4-Konzentration. Suchtests mit nur einem Wert sind nicht aussagekräftig.
Möglichst eine Stunde vor Interventionen an den oberen Luft- und Speisewegen (z. B. Zahnextraktion, Intubation) sollte C1-INH-Konzentrat verabreicht werden.

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