Arzneimittelallergie Diagnostik: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Eine allergologische Diagnostik sollte idealerweise 4 Wochen bis 6 Monate nach der Reaktion erfolgen.
- •Typ-A-Reaktionen (pharmakologisch-toxisch) erfordern keine allergologische Abklärung, Typ-B-Reaktionen (Überempfindlichkeit) hingegen schon.
- •Bei Sofortreaktionen wird primär ein Pricktest empfohlen, bei Spätreaktionen ein Epikutantest oder Intradermaltest mit Spätablesung.
- •Der Provokationstest gilt als Goldstandard, ist aber bei schweren Hautreaktionen wie SJS, TEN oder DRESS absolut kontraindiziert.
- •Gesicherte Diagnosen und vertragene Alternativen müssen in einem Allergiepass dokumentiert werden.
Hintergrund
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) werden in zwei Hauptgruppen unterteilt. Eine allergologische Diagnostik soll nur bei Überempfindlichkeitsreaktionen (Typ B) erfolgen (Konsens).
| UAW-Typ | Bezeichnung | Mechanismus | Vorhersehbarkeit |
|---|---|---|---|
| Typ A | Pharmakologisch-toxisch | Dosisabhängig, "on-target" | Vorhersehbar |
| Typ B | Überempfindlichkeit | Individuelle Disposition, "off-target" | Nicht vorhersehbar |
Typ-B-Reaktionen unterteilen sich weiter in allergische (immunologisch vermittelte) und nicht-allergische Überempfindlichkeitsreaktionen.
Klinische Einteilung und Zeitverlauf
Die Einordnung der Reaktion bestimmt die Planung der Diagnostik (starker Konsens). Der zeitliche Abstand zwischen Arzneimitteleinnahme und Symptombeginn liefert entscheidende Hinweise auf den Pathomechanismus:
| Reaktionsmuster | Typisches Zeitintervall | Pathomechanismus |
|---|---|---|
| Urtikaria, Anaphylaxie | Sofort bis 1 h (selten bis 6 h) | IgE-vermittelt (Soforttyp) oder nicht-allergisch |
| Fixes Arzneimittelexanthem | Bis 48 h | T-Zell-vermittelt (Spättyp) |
| Makulopapulöses Exanthem | 4-14 Tage | T-Zell-vermittelt (Spättyp) |
| AGEP | 1-12 Tage | T-Zell-vermittelt (Spättyp) |
| SJS / TEN | 4-28 Tage | T-Zell-vermittelt (Spättyp) |
| DRESS | 2-8 Wochen | T-Zell-vermittelt (Spättyp) |
Diagnostisches Vorgehen
Die allergologische Diagnostik sollte innerhalb von vier Wochen bis sechs Monaten nach der Reaktion angestrebt werden (starker Konsens). Eine "prophetische Testung" ohne stattgehabte Reaktion in der Vorgeschichte wird aufgrund des Risikos einer iatrogenen Sensibilisierung ausdrücklich nicht empfohlen.
Hauttests
Hauttests dienen dem Nachweis einer Sensibilisierung. Es sollen stets nicht-irritative Testkonzentrationen verwendet werden (Konsens).
| Verdachtsdiagnose | Empfohlenes Testverfahren | Bemerkung |
|---|---|---|
| Sofortreaktion | Pricktest, ggf. Intradermaltest | Ablesung nach 15-20 Minuten (starker Konsens) |
| Spätreaktion | Epikutantest, Intradermaltest | Spätablesung nach 24, 48 und mind. 72 Stunden (starker Konsens) |
| Photoinduzierte Reaktion | Photopatchtest | Kombination mit UV-Bestrahlung (starker Konsens) |
- Bei Kindern sollten Intradermaltests aufgrund der Schmerzhaftigkeit zurückhaltend eingesetzt werden (starker Konsens).
- Das medizinische Personal muss auf Notfallsituationen (bis hin zur Anaphylaxie) vorbereitet sein.
In-vitro-Diagnostik
- Spezifisches IgE: Validierte Tests existieren nur für wenige Arzneimittel (v. a. Betalaktamantibiotika). Nicht-validierte IgE-Bestimmungen sollen nicht erfolgen (starker Konsens).
- Tryptase: Bei fraglicher Anaphylaxie sollte die Blutabnahme 1-2 Stunden nach Reaktionsbeginn sowie 2-3 Tage später (Basiswert) erfolgen (Konsens). Ein Anstieg um 2 ng/ml + 20% des Basalwertes spricht für eine Mastzellaktivierung.
- Pharmakogenetik: Vor Gabe von Abacavir (HLA B5701) oder Carbamazepin bei asiatischer Herkunft (HLA B1502) wird eine genetische Untersuchung empfohlen.
Provokationstests
Der Provokationstest ist der Goldstandard und soll durchgeführt werden, wenn Anamnese, Haut- und Labortests keine sichere Diagnose erlauben und der Nutzen das Risiko übersteigt (starker Konsens).
Indikationen:
- Ausschluss einer Überempfindlichkeit bei unklarer Anamnese
- Bestätigung der Diagnose bei negativer oder unklarer Vorfelddiagnostik
- Ausschluss von Kreuzreaktionen bei strukturell ähnlichen Wirkstoffen
Absolute Kontraindikationen:
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Gefahr sehr schwerer Reaktionen (SJS, TEN, DRESS, medikamentös induzierte Hepatitis)
- Begleiterkrankungen, die eine Reaktion gefährlich machen (z. B. unkontrolliertes Asthma, schwere KHK)
Dokumentation
Das Ergebnis der Gesamtbeurteilung soll mit dem Patienten besprochen und in einem Allergiepass dokumentiert werden (starker Konsens). Dieser muss Auslöser (INN), klinische Manifestation, mögliche Kreuzreaktionen und getestete Ausweichpräparate (inkl. maximal vertragener Dosis) enthalten.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei Kindern mit einem milden makulopapulösen Exanthem (oft infektassoziiert) nach Nutzen-Risiko-Abwägung direkt eine orale Provokation ohne vorherige Hauttestung durch, um eine ungerechtfertigte Penicillinallergie-Diagnose ('Labeling') rasch zu revidieren.