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Chronischer Pruritus: S2k-Leitlinie Diagnostik & Therapie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Chronischer Pruritus (CP) ist definiert als Juckreiz, der länger als 6 Wochen anhält.
  • Die Einteilung erfolgt nach IFSI in CP auf läsionaler Haut, auf nicht-läsionaler Haut und CP mit Kratzläsionen (z.B. chronische Prurigo).
  • Eine Basistherapie mit Emollientien wird bei jedem chronischen Pruritus empfohlen.
  • Topische Glukokortikoide werden bei Pruritus ohne entzündliche Hautveränderungen ausdrücklich nicht empfohlen.
  • Für die moderate bis schwere chronische Prurigo wird das Biologikum Dupilumab empfohlen.
  • Bei nephrogenem Pruritus unter Hämodialyse wird der kappa-Opioidrezeptor-Agonist Difelikefalin empfohlen.
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Hintergrund

Chronischer Pruritus (CP) ist ein fachübergreifendes Leitsymptom, das definiert ist als Juckreiz, der länger als 6 Wochen anhält. Mit zunehmender Dauer kann das Symptom seine Warnfunktion verlieren und einen eigenständigen Krankheitswert erlangen. Die Versorgung erfordert einen interdisziplinären Ansatz aus symptomatischer Therapie, Behandlung der Grunderkrankung und Therapie der Folgesymptome (z.B. Schlafstörungen, psychische Belastung).

Klassifikation

Die Einteilung erfolgt primär nach dem klinischen Phänotyp gemäß der IFSI-Klassifikation (International Forum for the Study of Itch):

Klinische GruppeBeschreibung
CPLChronischer Pruritus auf primär läsionaler Haut (Hauterkrankung liegt initial vor)
CPNLChronischer Pruritus auf primär nicht-läsionaler (unveränderter) Haut
CP mit KratzläsionenVorherrschen von sekundären Kratzläsionen (z.B. chronische Prurigo, Lichen simplex)

Diagnostik

Die Diagnostik umfasst eine ausführliche Anamnese (z.B. mittels AGP-Fragebogen) und eine vollständige klinische Untersuchung der Haut, Schleimhäute und Lymphknoten.

  • Verlaufsbeurteilung: Zur Erfassung der Pruritusintensität werden visuelle (VAS), numerische (NRS) oder verbale Ratingskalen (VRS) empfohlen.
  • Lebensqualität: Der Einsatz von Fragebögen wie dem DLQI oder ItchyQoL sowie dem HADS (für Angst und Depressivität) wird empfohlen.
  • Labordiagnostik: Bei CPNL (ohne primäre Hautveränderungen) muss eine Stufendiagnostik zum Ausschluss systemischer, neurologischer oder psychiatrischer Ursachen erfolgen. Bei unklarer Genese sollte der Fokus auf Tumoren des Gallengangsystems und hämatologische Neoplasien gelegt werden.

Topische Therapie

Eine wirkstoffhaltige topische Therapie sollte stets mit einer Basistherapie kombiniert werden.

WirkstoffIndikationEmpfehlung
Basistherapie (Emollientien)Jeder chronische PruritusEmpfohlen
Menthol / PolidocanolTopische symptomatische TherapieEmpfohlen
LidocainTopische symptomatische TherapieEmpfohlen
GlukokortikoideSteroidresponsive Dermatosen, entzündliche KratzläsionenEmpfohlen (Kurzzeit)
GlukokortikoidePruritus ohne entzündliche HautveränderungenNicht empfohlen
Capsaicin (8% Pflaster)Brachioradialer Pruritus, Notalgia parästheticaKann erwogen werden
CalcineurininhibitorenAtopisches Ekzem (ab 2 J.)Empfohlen

Systemische Therapie

Die systemische Therapie richtet sich stark nach der zugrundeliegenden Ätiologie. Die Therapie erfordert oft Geduld, da ein Ansprechen bis zu 12 Wochen dauern kann.

Chronische Prurigo (CPG)

  • Biologika: Dupilumab wird zur Therapie bei moderater bis schwerer chronischer Prurigo empfohlen.
  • Immunsuppressiva: Ciclosporin wird empfohlen. Methotrexat und Azathioprin können erwogen werden. Thalidomid wird nicht empfohlen.

Nephrogener Pruritus

  • Opioid-Agonisten: Difelikefalin (i.v.) wird bei Erwachsenen mit moderatem bis schwerem nephrogenem Pruritus bei Hämodialyse empfohlen.
  • Gabapentinoide: Gabapentin und Pregabalin werden empfohlen.

Cholestatischer Pruritus

  • Austauscherharze: Colestyramin wird als zugelassene Therapie empfohlen.
  • PPAR-Agonisten & Rifampicin: Bezafibrat und Rifampicin werden bei primär biliärer Cholangitis (PBC) und sklerosierender Cholangitis (PSC) empfohlen.
  • IBAT-Inhibitoren: Maralixibat und Odevixibat werden bei Alagille-Syndrom und progressiver familiärer intrahepatischer Cholestase empfohlen.

Weitere systemische Optionen

  • Antidepressiva: SSRI (z.B. Paroxetin, Sertralin) werden bei chronischem Pruritus (Off-label) empfohlen. Mirtazapin und Doxepin können erwogen werden.
  • Antihistaminika: Nicht-sedierende Antihistaminika können erwogen werden (ggf. bis zur 4-fachen Standarddosis).
  • Systemische Glukokortikoide: Können nur als Kurzzeittherapie bei schwerstem Pruritus in Ausnahmefällen erwogen werden.

Nicht empfohlene Therapien

Serotonin-Rezeptorantagonisten (z.B. Ondansetron) und Leukotrienrezeptor-Antagonisten werden zur Therapie des chronischen Pruritus nicht empfohlen.

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie standardisierte Skalen (VAS, NRS) zur Verlaufsdokumentation und evaluieren Sie stets die psychosomatische Belastung. Chronischer Pruritus geht häufig mit massiven Einschränkungen der Lebensqualität, Schlafstörungen und Depressionen einher.

Häufig gestellte Fragen

Von chronischem Pruritus spricht man, wenn das Symptom (der Juckreiz) länger als 6 Wochen anhält.
Nein. Bei Pruritus ohne entzündliche kutane Veränderungen werden topische Glukokortikoide ausdrücklich nicht empfohlen. Sie sind nur bei steroidresponsiven Dermatosen oder entzündlichen Kratzläsionen indiziert.
Bei moderater bis schwerer chronischer Prurigo wird das Biologikum Dupilumab empfohlen. Als klassisches Immunsuppressivum wird zudem Ciclosporin empfohlen.
Für Hämodialyse-Patienten mit moderatem bis schwerem Pruritus wird der intravenöse kappa-Opioidrezeptor-Agonist Difelikefalin empfohlen. Alternativ werden Gabapentinoide (Gabapentin, Pregabalin) empfohlen.
Eine Basistherapie mit Emollientien (ggf. mit hydratisierenden Zusätzen wie Urea oder Glyzerin) wird bei jedem chronischen Pruritus empfohlen, um die Hautbarriere zu stabilisieren.

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