Anaphylaxie Akuttherapie & Management: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Adrenalin intramuskulär ist das Medikament der ersten Wahl und sollte bei respiratorischen oder kardiovaskulären Symptomen sofort gegeben werden.
- •Die Schweregradeinteilung (Grad I-IV) richtet sich immer nach den schwersten aufgetretenen Symptomen.
- •Antihistaminika und Glukokortikoide sind zweitrangig und dürfen lebensrettende Sofortmaßnahmen nicht verzögern.
- •Eine forcierte Volumensubstitution mit balancierten Vollelektrolytlösungen ist bei Kreislaufreaktionen essenziell.
- •Nach einer schweren Anaphylaxie ist die Verordnung eines Notfallsets (inkl. Adrenalin-Autoinjektor) sowie eine Patientenschulung obligatorisch.
Hintergrund
Die Anaphylaxie ist eine akute, potenziell lebensbedrohliche systemische Reaktion, die meist auf einer IgE-vermittelten Allergie basiert. Die häufigsten Auslöser unterscheiden sich je nach Altersgruppe deutlich:
| Auslöser | Kinder | Erwachsene |
|---|---|---|
| Nahrungsmittel | 60 % | 16 % |
| Insektengifte | 22 % | 52 % |
| Arzneimittel | 7 % | 22 % |
Zu den wichtigsten Risikofaktoren für schwere Verläufe zählen ein hohes Lebensalter, kardiovaskuläre Erkrankungen, ein schlecht eingestelltes Asthma bronchiale sowie die Einnahme von β-Blockern oder ACE-Hemmern.
Diagnostik und Schweregrade
Die klinische Diagnose erfolgt symptomorientiert. Die Einteilung der Schweregrade richtet sich stets nach den schwersten aufgetretenen Symptomen (modifiziert nach Ring/Meßmer):
| Grad | Haut / Allgemein | Abdomen | Respirationstrakt | Herz-Kreislauf |
|---|---|---|---|---|
| I | Juckreiz, Flush, Urtikaria, Angioödem | - | - | - |
| II | wie Grad I | Nausea, Krämpfe, Erbrechen | Rhinorrhö, Heiserkeit, Dyspnoe | Tachykardie (>20/min), Hypotonie (>20 mmHg systolisch), Arrhythmie |
| III | wie Grad I | Erbrechen, Defäkation | Larynxödem, Bronchospasmus, Zyanose | Schock |
| IV | wie Grad I | Erbrechen | Atemstillstand | Kreislaufstillstand |
Akuttherapie
Die Therapie richtet sich nach dem führenden Leitsymptom. Adrenalin (Epinephrin) ist das wichtigste Medikament in der Akuttherapie und antagonisiert alle wesentlichen Pathomechanismen.
Basismaßnahmen
- Allergenzufuhr stoppen: z. B. laufende Infusionen sofort abbrechen.
- Hilfe anfordern: Notarzt und Rettungsdienst alarmieren.
- Symptomorientierte Lagerung: Flachlagerung bei Kreislaufproblemen (ggf. Trendelenburg), sitzende Position bei Atemnot, stabile Seitenlage bei Bewusstlosigkeit.
- Sauerstoffgabe: 100 % Sauerstoff mit hohem Fluss (FiO2 > 0,5) über Maske mit Reservoir.
Medikamentöse Stufentherapie
| Wirkstoff | Indikation | Dosierung / Applikation | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Adrenalin i.m. | Ab Grad II (Kreislauf/Atemwege) | 0,15 - 0,6 mg i.m. (Oberschenkel) | Mittel der 1. Wahl! Wiederholung nach 5-10 Min. möglich. |
| Volumen | Relative Hypovolämie, Schock | 500-1000 ml (Erwachsene) bzw. 20 ml/kg (Kinder) als Bolus | Balancierte Vollelektrolytlösung über großlumigen Zugang. |
| Adrenalin i.v. | Reanimation / refraktärer Schock | 1 mg (Erwachsene) bzw. 0,01 mg/kg (Kinder) | Nur unter Monitorkontrolle titrierend! |
| β2-Mimetika | Bronchiale Obstruktion | z. B. Salbutamol 2-8 Hübe inhalativ | Bei Bedarf zusätzlich zu Adrenalin i.m. |
| Antihistaminika | Hautsymptome, Begleittherapie | z. B. Dimetinden 0,1 mg/kg i.v. | Erst nach Kreislaufstabilisierung! |
| Glukokortikoide | Begleittherapie, Asthmaschutz | z. B. Prednisolon 250-1000 mg i.v. | Wirkeintritt erst nach 10-30 Minuten. |
Hinweis: Antihistaminika und Glukokortikoide sind zweitrangig und dürfen die lebensrettende Adrenalingabe niemals verzögern!
Entlassmanagement und Selbstmedikation
Nach einer erfolgreich behandelten Anaphylaxie müssen Patienten ein Notfallset zur Soforthilfe verordnet bekommen und im Umgang damit geschult werden.
Bestandteile des Notfallsets
- Adrenalin-Autoinjektor (gewichtsadaptiert: 150 µg, 300 µg oder 500/600 µg)
- H1-Antihistaminikum (oral, z. B. Schmelztablette oder Tropfen)
- Glukokortikoid (oral oder rektal, 50-100 mg Prednisolonäquivalent)
- Optional: Inhalatives β2-Mimetikum (bei bekanntem Asthma)
Indikationen für einen zweiten Autoinjektor
- Körpergewicht > 100 kg
- Unkontrolliertes Asthma bronchiale
- Besonders schwere Anaphylaxie in der Vorgeschichte
- Mastozytose (bei Erwachsenen)
- Schlechte Erreichbarkeit notfallmedizinischer Versorgung
💡Praxis-Tipp
Zögern Sie nicht mit der intramuskulären Adrenalingabe in den lateralen Oberschenkel – es gibt bei lebensbedrohlicher Anaphylaxie keine absolute Kontraindikation. Antihistaminika und Kortison wirken zu langsam und ersetzen Adrenalin nicht.