Zahnimplantate bei Zahnnichtanlagen: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Eine frühzeitige kaufunktionelle Rehabilitation verbessert die Lebensqualität und Kaueffizienz signifikant.
- •Im Kindes- und Jugendalter sind non- oder minimalinvasive Verfahren (z.B. Adhäsivbrücken) die Therapie der Wahl.
- •Zahnimplantate vor dem 12. Lebensjahr sollten nur in absoluten Ausnahmefällen (z.B. Anodontie) gesetzt werden.
- •Implantationen in der oberen Front sollten bei jungen Erwachsenen aufgrund des späten vertikalen Kieferwachstums möglichst spät erfolgen.
- •Ein kieferorthopädischer Lückenschluss kann als primäre Therapie erwogen werden, um prothetische Versorgungen zu vermeiden.
Hintergrund
Das angeborene Fehlen bleibender Zähne (Zahnnichtanlagen) ist mit ca. 5,5 % Prävalenz die häufigste angeborene Fehlbildung. Man unterscheidet die Hypodontie (weniger als 6 fehlende Zähne) von der Oligodontie (6 oder mehr fehlende Zähne, exklusive Weisheitszähne). Eine frühzeitige kaufunktionelle Rehabilitation wird empfohlen, da sie Lebensqualität, Zufriedenheit, Selbstbewusstsein und Kaueffizienz nachweislich verbessert (Empfehlungsgrad B).
Therapieoptionen im Wachstumsalter
Für Kinder und Jugendliche stehen verschiedene, primär non-invasive oder minimalinvasive Therapieoptionen zur Verfügung:
| Therapieoption | Indikation / Bemerkung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Milchzahnerhalt | Temporäre Erhaltung bis zur Implantationsfähigkeit sinnvoll, um den Alveolarfortsatz zu erhalten. Bei Ankylose rechtzeitig entfernen. | Empfehlungsgrad 0 |
| Autotransplantation | Schon im Wachstum möglich, z.B. bei asymmetrisch verteilten Nichtanlagen (oft Prämolaren). | Empfehlungsgrad 0 |
| Konventionelle Prothetik | Non- oder minimalinvasive Verfahren (z.B. Adhäsivbrücken) sind im Kindes-/Adoleszentenalter zu bevorzugen. | Empfehlungsgrad A |
| KFO-Lückenschluss | Als primäre Therapie erwägen, um prothetische Folgekosten zu vermeiden. | Empfehlungsgrad 0 |
Implantatversorgung nach Altersgruppen
Die Implantation bei Patienten im Wachstum ist aufgrund der Gefahr der Infraokklusion (Implantat wächst nicht mit dem Kiefer mit) streng altersabhängig zu bewerten:
- Kinder (< 12 Jahre): Implantate sollten nur im absoluten Ausnahmefall (Anodontie, schwere Oligodontie) gesetzt werden (Empfehlungsgrad B).
- Adoleszenten (12-18 Jahre): Implantation im Einzelfall erwägen, wenn non-invasive Alternativen ausscheiden und der Nutzen die Nachteile des Restwachstums überwiegt (Empfehlungsgrad 0).
- Junge Erwachsene (> 18 Jahre): Auch nach dem 18. Lebensjahr findet regelhaft vertikales Alveolarfortsatzwachstum statt (besonders bei Männern im anterioren Oberkiefer). Implantate in der oberen Front sollten daher möglichst spät gesetzt werden (Empfehlungsgrad B).
- Nach Wachstumsabschluss: Pfeilerergänzung durch Implantate für bevorzugt festsitzenden Zahnersatz erwägen (Empfehlungsgrad 0). Definitive invasive Prothetik sollte erst nach Wachstumsabschluss erfolgen (Empfehlungsgrad B).
Kieferorthopädischer Lückenschluss vs. Lückenöffnung
Die Entscheidung für oder gegen einen kieferorthopädischen Lückenschluss muss patientenindividuell getroffen werden (Empfehlungsgrad B). Werden Frontzahnlücken geöffnet, sind Adhäsivbrücken die erste prothetische Wahl.
| Parameter | Für Lückenöffnung (Implantat/Prothetik) | Für Lückenschluss (KFO) |
|---|---|---|
| Platzangebot | Ausreichend Platz, neutrale Okklusion | Ausgeprägte Engstände, Extraktionsnotwendigkeit |
| Bisslage | Knapper Overjet, Klasse-III-Anomalien | Klasse-II-Anomalien, vergrößerter Overjet |
| Zahnmorphologie | Starke Formanpassung des Eckzahns nötig | Keine/geringe Formanpassung des Eckzahns nötig |
| Profil | Konkaves Profil, verkleinerter Nasolabialwinkel | Konvexes Profil, volle Lippen |
| Wachstum | Abgeschlossene Gebissentwicklung | Junge Patienten (Steuerung noch möglich) |
Zur Vermeidung von Komplikationen bei schwieriger Verankerung kann eine skelettale Verankerung (z.B. Miniimplantate) indiziert sein (Empfehlungsgrad 0).
💡Praxis-Tipp
Beachten Sie bei jungen Erwachsenen (>18 Jahre) das späte vertikale Kieferwachstum im anterioren Oberkiefer. Setzen Sie Implantate in dieser Region möglichst spät, um eine spätere Infraokklusion zu vermeiden.