Implantationszeitpunkte: S2k-Leitlinie (AWMF/DGI)
📋Auf einen Blick
- •Die Wahl des Implantationszeitpunktes erfordert eine individuelle Risikobewertung basierend auf lokalen und systemischen Faktoren.
- •Spätimplantationen weisen hohe Überlebensraten auf; zum Erhalt des Knochenangebots wird eine Alveolar Ridge Preservation (ARP) empfohlen.
- •Sofortimplantationen haben eine leicht reduzierte Überlebensrate und erfordern hohe chirurgische Expertise.
- •Bei Patienten mit reduzierter Knochenumbaurate (z. B. durch Antiresorptiva oder Radiatio) sind Sofort- und Frühimplantationen kontraindiziert.
- •Eine 3D-Röntgendiagnostik (DVT) liefert besonders bei geplanten Sofortimplantationen wertvolle präoperative Hinweise.
Hintergrund
Die kaufunktionelle Rehabilitation mit Zahnimplantaten nach einer Zahnextraktion ist ein Standardverfahren. Die Entfernung eines Zahns führt jedoch zu einem kontinuierlichen Ab- und Umbauprozess des Alveolarkamms (horizontaler Knochenverlust 29-63 %, vertikaler Knochenverlust 11-22 %). Die Wahl des optimalen Implantationszeitpunktes ist multifaktoriell und hat direkten Einfluss auf das Implantatüberleben.
Klassifikation der Implantationszeitpunkte
Die Einteilung erfolgt nach der ITI-Konsensuskonferenz in Relation zur physiologischen Heilungsphase der Extraktionsalveole:
| Typ | Implantationszeitpunkt | Zeitfenster | Physiologische Heilungsphase |
|---|---|---|---|
| Typ I | Sofortimplantation | < 1 Tag | Blutkoagel |
| Typ II | Frühimplantation | 4–8 Wochen | Weichgewebliche Abheilung abgeschlossen |
| Typ III | Frühimplantation | 12–16 Wochen | Partielle knöcherne Ausheilung (ca. 2/3 der Alveole) |
| Typ IV | Spätimplantation | > 16 Wochen | Knöcherne Ausheilung der Alveole abgeschlossen |
Diagnostik und Therapieplanung
Die Planung beginnt, sobald die Indikation zur Zahnextraktion besteht. Es muss eine patientenindividuelle Risikoevaluation erfolgen.
- Klinische Untersuchung: Beurteilung von Qualität, Quantität und Morphologie des Hart- und Weichgewebes sowie lokaler Pathologien.
- Radiologische Bildgebung: Die Anfertigung eines 3D-Röntgenbildes (DVT) kann besonders bei der Entscheidungsfindung zur Sofortimplantation wertvolle Hinweise liefern (starker Konsens).
- Parodontaltherapie: Ein unbehandeltes parodontal infiziertes Restgebiss stellt ein Risiko dar und soll vor der Implantation therapiert werden.
Spät- und Frühimplantation
Spätimplantation
Die Spätimplantation weist auch bei Vorliegen von Risikofaktoren hohe Implantatüberlebensraten auf.
- Da es nach der Extraktion zu Resorptionsvorgängen kommt, sollte ein Verfahren zur Erhaltung des Alveolarkamms (Alveolar Ridge Preservation, ARP) empfohlen werden, wenn eine Spätimplantation indiziert ist.
Frühimplantation
- Sollte empfohlen werden, wenn eine Sofortimplantation aufgrund akuter entzündlicher Prozesse oder anatomischer Kompromittierung nicht indiziert ist.
- Vorteil: Die abgeschlossene Weichgewebsheilung ermöglicht eine einfachere Lappenbildung für augmentative Maßnahmen bei geringerem Resorptionsgrad als bei der Spätimplantation.
Sofortimplantation
Sofortimplantationen zum Ersatz einzelner Zähne weisen im Vergleich zu Früh- bzw. Spätimplantationen eine reduzierte Überlebensrate auf. Das Verfahren ist komplex und erfordert entsprechende klinische Expertise.
Chirurgisches Vorgehen und lokale Faktoren
- Die Zahnextraktion soll so atraumatisch wie möglich erfolgen, gefolgt von einer sorgfältigen Entfernung des Granulationsgewebes.
- In der Oberkieferfront sollte die Implantatinsertion palatinal orientiert sein.
- Bei ausgedehnten knöchernen Defekten, die eine Primärstabilität verhindern, soll keine Sofortimplantation durchgeführt werden.
- Eine Sofortimplantation in einer chronisch infizierten Alveole (ohne akute Symptomatik) ist möglich, wenn das infizierte Gewebe vollständig entfernt und eine perioperative systemische Antibiotikaapplikation durchgeführt wird.
Indikation zur simultanen Augmentation
| Lokale Ausgangssituation | Augmentation erforderlich? |
|---|---|
| Dicker Gingivatyp, intakte vestibuläre Knochenlamelle (>1mm), Spalt <2mm | Nein (Verzicht auf simultane Augmentation möglich) |
| Dünner Gingivatyp, dünne Knochenlamelle, vertikales Gewebedefizit | Ja (Simultane weich- und/oder hartgewebliche Augmentation empfohlen) |
Systemische Risikofaktoren
Erkrankungen oder Therapien, die zu einer reduzierten Knochenumbau- und Knochenneubildungsrate führen, erfordern eine strenge Indikationsstellung:
- Diabetes mellitus / Immundefizienz: Die Indikation für eine Sofortimplantation soll kritisch gestellt werden.
- Antiresorptiva / Radiatio: Bei Patienten unter medikamentöser Behandlung mit Knochenantiresorptiva (inkl. Bisphosphonate) oder mit Radiatio im Kopf-Halsbereich sollte die Indikation für eine Sofort- und Frühimplantation nicht gestellt werden (starker Konsens).
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei Patienten mit geplanter Spätimplantation direkt nach der Zahnextraktion eine Alveolar Ridge Preservation (ARP) durch, um den Knochenabbau zu minimieren. Verzichten Sie bei Patienten unter Antiresorptiva-Therapie oder nach Kopf-Hals-Bestrahlung strikt auf Sofort- und Frühimplantationen.