Virusinfektionen nach Transplantation: AWMF-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Vor SOT und allo-SZT wird ein serologisches Screening (IgG) auf HSV, VZV, CMV und EBV empfohlen.
- •Ein routinemäßiges virologisches Monitoring auf HSV nach Transplantation wird nicht empfohlen.
- •Bei allo-SZT erhalten HSV-seropositive Empfänger standardmäßig eine antivirale Prophylaxe mit Aciclovir bis Tag 100.
- •Die Diagnostik akuter HSV-Infektionen erfolgt über den direkten Virusnachweis (PCR/NAT), Serologien sind post-transplant wenig aussagekräftig.
- •Bei Therapieversagen nach 10 Tagen Aciclovir-Gabe sollte eine Resistenztestung erfolgen und auf Foscarnet umgestellt werden.
Hintergrund
Patienten nach solider Organtransplantation (SOT) und allogener Stammzelltransplantation (allo-SZT) sind durch die therapiebedingte Immunsuppression stark durch Virusinfektionen gefährdet. Ohne Prophylaxe treten HSV-Infektionen bei bis zu 80 % der allo-SZT-Patienten auf, meist in der frühen Aplasiephase. Nach SOT kommt es in den ersten 30 Tagen bei 40 bis 50 % zu Reaktivierungen. Die vorliegende Leitlinie definiert Standards für Diagnostik, Prophylaxe und Therapie.
Serologisches Screening vor Transplantation
Vor der Transplantation soll der Serostatus erhoben werden, um das Risiko zu stratifizieren. IgM-Nachweise spielen vor Transplantation keine Rolle und werden nicht empfohlen.
| Virus | Spender (SOT/allo-SZT) | Empfänger SOT | Empfänger allo-SZT |
|---|---|---|---|
| HSV-IgG | nicht empfohlen (↓) | empfohlen (↑) | stark empfohlen (↑↑) |
| VZV-IgG | nicht empfohlen (↓) | empfohlen (↑) | stark empfohlen (↑↑) |
| CMV-IgG | stark empfohlen (↑↑) | empfohlen (↑) | stark empfohlen (↑↑) |
| EBV-VCA-IgG | stark empfohlen (↑↑) | stark empfohlen (↑↑) | stark empfohlen (↑↑) |
Virologisches Monitoring
Ein routinemäßiges virologisches Monitoring nach Transplantation wird für HSV nicht empfohlen (↓). Bei anderen Viren (z. B. CMV, EBV, AdV, BKPyV) erfolgt ein risikoadaptiertes Monitoring mittels quantitativer PCR (qNAT).
Antivirale Prophylaxe (Fokus HSV)
Die Indikation zur Prophylaxe unterscheidet sich je nach Transplantationsart deutlich:
| Transplantationsart | Empfehlung | Medikament & Dosierung (Erwachsene) |
|---|---|---|
| SOT | Nicht routinemäßig empfohlen (↓) | Nur in Ausnahmefällen bei häufigen/schweren Reaktivierungen. |
| allo-SZT | Stark empfohlen (↑↑) für HSV-seropositive Empfänger | Aciclovir p.o. 2x 800 mg/d oder i.v. 2x 5 mg/kg/d. Dauer: Bis Tag 100, bei Risiko länger. |
Diagnostik bei Symptomatik
Bei klinischem Verdacht auf eine akute HSV-Infektion ist der direkte Virusnachweis mittels PCR (NAT) der Goldstandard. Serologische Untersuchungen sind unter Immunsuppression nicht aussagekräftig und sollten nicht angefordert werden.
| Material | Indikation |
|---|---|
| Bläscheninhalt / Abstrich | Mukokutane Läsionen, Herpes labialis/genitalis |
| Liquor | Verdacht auf Meningoenzephalitis |
| BAL / Trachealsekret | Verdacht auf Pneumonitis / Tracheobronchitis |
| EDTA-Blut / Plasma | Verdacht auf disseminierte Infektion |
| Gewebebiopsie | Verdacht auf gewebsinvasive Erkrankung (z. B. Hepatitis) |
Therapie der HSV-Infektion
Die Therapie richtet sich nach der Schwere der Infektion. Wenn möglich, sollte die Immunsuppression reduziert werden.
| Schweregrad | 1. Wahl | Alternativen |
|---|---|---|
| Lokalisierte Infektion | Aciclovir i.v. (3x 5 mg/kg/d) oder p.o. (5x 400 mg/d) für 7 Tage | Valaciclovir p.o., Famciclovir p.o. |
| Disseminierte / schwere Infektion | Aciclovir i.v. (3x 10-15 mg/kg/d) für 14-21 Tage | Umstellung auf p.o. erst bei klinischer Stabilität |
| Aciclovir-Resistenz | Foscarnet (FOS) i.v. (3x 40 mg/kg/d oder 2x 60 mg/kg/d) | Cidofovir (CDV) i.v. (Off-label) |
Virusresistenz
Bei fehlender klinischer Besserung innerhalb von 10 Tagen unter antiviraler Therapie besteht der Verdacht auf eine Resistenz (↑).
- Es soll eine genotypische oder phänotypische Resistenztestung erfolgen.
- Bei schwerwiegenden Erkrankungen sollte das Ergebnis der Testung nicht abgewartet, sondern direkt auf Foscarnet umgestellt werden.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei immunsupprimierten Patienten nach Transplantation auf die HSV-Serologie zur Akutdiagnostik. Nutzen Sie stattdessen immer den direkten Virusnachweis (PCR) aus dem Läsionsabstrich, Liquor oder Blut.