Lipödem: S2k-Leitlinie zu Diagnostik & Klinik (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Das Lipödem ist eine schmerzhafte, disproportionale und symmetrische Fettverteilungsstörung der Extremitäten bei Frauen.
- •Die Diagnose wird rein klinisch gestellt; apparative Diagnostik dient nur dem Ausschluss von Differenzialdiagnosen.
- •Das Lipödem ist nicht prinzipiell progredient; eine Verschlechterung korreliert meist mit einer Gewichtszunahme.
- •Der BMI ist zur Beurteilung oft ungeeignet, empfohlen wird die Waist-to-Height-Ratio (WHtR).
Hintergrund
Das Lipödem ist eine schmerzhafte, disproportionale und symmetrische Fettgewebsverteilungsstörung der Extremitäten, die fast ausschließlich bei Frauen auftritt. Die Erstmanifestation oder Beschwerdezunahme ereignet sich meist in Phasen hormoneller Veränderungen (Pubertät, Schwangerschaft, Klimakterium).
Kernaussagen zur Definition:
- Das Lipödem ist immer schmerzhaft (Druck-, Berührungs- oder Spontanschmerz).
- Es betrifft nur die Extremitäten (Kopf, Hals, Stamm, Hände und Füße sind nicht betroffen).
- Eine schmerzfreie disproportionale Fettverteilung wird als Lipohypertrophie bezeichnet und ist kein Lipödem.
- Das Lipödem wird nicht durch Adipositas bedingt, kann aber mit ihr koinzidieren.
Klinik und Symptomatik
Die morphologische Ausprägung hat beschreibenden Charakter und dient nicht als Maß für die Schwere der Krankheit. Eine Stadieneinteilung für Beschwerden existiert bislang nicht.
Typische morphologische Zeichen:
- Symmetrische Fettvermehrung an Beinen und/oder Armen.
- Kalibersprung zur angrenzenden gesunden Region ("Muff-" oder "Kragenbildung").
- "Wammenbildung" (dolente Fettvermehrungen z. B. oberhalb/unterhalb der Knie).
- Das Kriterium des "knotigen" Fettgewebes soll wegen fehlender Validität nicht mehr zur Diagnosestellung herangezogen werden.
Diagnostik
Die Diagnose des Lipödems wird rein klinisch gestellt (Starker Konsens). Es gibt keine richtungsweisenden apparativen oder laborchemischen Verfahren, die ein Lipödem beweisen können.
- Ultraschall: Kann zum Ausschluss anderer Ödeme (z. B. phlebologischer Ursache) verwendet werden. Rückschlüsse auf die Ätiologie eines subkutanen Ödems sollen aus dem B-Bild nicht gezogen werden.
- Schnittbilddiagnostik (MRT/CT) & Szintigraphie: Bieten keinen spezifischen Nachweis für ein Lipödem.
- Labor: Dient nur dem Ausschluss von Differenzialdiagnosen (z. B. TSH bei Hypothyreose, NT-proBNP bei Herzinsuffizienz).
Differenzialdiagnosen
Die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen des Fettgewebes und Ödemen ist essenziell:
| Kriterium | Lipödem | Lipohypertrophie | Adipositas | Lymphödem |
|---|---|---|---|---|
| Fettvermehrung | +++ | +++ | +++ | (+) |
| Disproportion (Extremitäten/Stamm) | +++ | +++ | (+) | + |
| Ödem | ø | ø | (+) | +++ |
| Druckschmerz | +++ | ø | ø | ø |
| Symmetrie | + | + | + | ø |
Messmethoden und Indizes
Der Body-Mass-Index (BMI) ist bei Lipödem-Patientinnen oft nicht aussagekräftig, da er durch die extremitätenbetonte Fettvermehrung falsch hohe Werte liefert.
Empfohlene Parameter zur Dokumentation:
- Körpergewicht und Körpergröße
- Taillen- und Hüftumfang
- Waist-to-Height-Ratio (WHtR): Taillenumfang [cm] / Körpergröße [cm]
- Lipohypertrophiequotient (LipQ): Umfang proximaler Oberschenkel [cm] / Körpergröße [cm]
Krankheitsverlauf und Psychosomatik
Das Lipödem soll nicht als prinzipiell progrediente Erkrankung aufgefasst werden (Starker Konsens). Bei weitgehender Gewichtsstabilität bleibt das Lipödem oft über viele Jahre stabil. Eine Progredienz korreliert meist mit einer Gewichtszunahme oder hormonellen Triggern.
Zudem spielen psychische Faktoren eine wesentliche Rolle. Bei der Erstvorstellung sollten psychische Belastungen erfasst werden, da diese das Schmerzerleben verstärken können und oft bereits vor den Lipödem-Symptomen bestehen.
💡Praxis-Tipp
Stellen Sie die Diagnose rein klinisch. Nutzen Sie zur Beurteilung von Übergewicht bei Lipödem-Patientinnen nicht den BMI, sondern die Waist-to-Height-Ratio (WHtR), da der BMI durch die extremitätenbetonte Fettverteilung falsch hoch ausfällt.