Knochenersatzmaterialien in der Implantologie: AWMF-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Autologer Knochen gilt biologisch als Goldstandard, ist aber mit einer Entnahmemorbidität verbunden.
- •Bei einfachen Defekten (Sinuslift, Dehiszenzen) zeigen Knochenersatzmaterialien vergleichbare Erfolgsraten wie autologer Knochen.
- •Für komplexe Defekte (>3 mm) werden autologe Blöcke oder GBR-Techniken mit stabilen Barrieren empfohlen.
- •Systemische Risikofaktoren (Rauchen, Diabetes, Bisphosphonate) beeinflussen den Augmentationserfolg maßgeblich.
Hintergrund
Die Atrophie des Kieferknochens kann durch Zahnverlust, Parodontitis oder natürliche Alterungsprozesse entstehen. Für eine erfolgreiche Implantation muss ein ausreichendes Knochen- und Weichteilangebot vorliegen. Ist dies nicht der Fall, sind augmentative Maßnahmen indiziert.
Vor jedem Eingriff soll eine spezifische Anamnese der Risikofaktoren erfolgen (Starker Konsens). Faktoren wie Nikotinabusus, schlecht eingestellter Diabetes, Parodontitis, Bestrahlung oder die Einnahme von Bisphosphonaten, SSRI und PPI können die Erfolgsaussichten reduzieren. Wenn möglich, sollen Maßnahmen zur Risikominderung vor der Augmentation durchgeführt werden.
Implantate in gut eingeheilten augmentierten Arealen zeigen bei systemisch nicht-kompromittierten Patienten keine schlechtere Langzeitüberlebensrate als im ortsständigen Knochen (Starker Konsens).
Defektklassifikation nach ITI
Die Wahl der Augmentationstechnik hängt maßgeblich von der Defektgeometrie ab. Je mehr der Defekt knöchern begrenzt ist, desto besser ist das biologische Regenerationspotential.
| Defekttyp | Einzelzahnlücke | Ausgedehnte Lücke / Zahnloser Kiefer |
|---|---|---|
| 1/4 | Dehiszenzdefekt, selbstbegrenzend | Mehrere Dehiszenzdefekte, selbstbegrenzend |
| 2/4 | Horizontaler Defekt, nicht selbstbegrenzend | Scharfkantiger Alveolarkamm |
| 3/4 | Kombinierter Defekt (horizontal und vertikal) | Scharfkantiger Kamm mit vertikalem Defizit |
| 4/4 | Durchgängiger Defekt | Vollständige Alveolarkammatrophie |
Einteilung der Biomaterialien
| Materialgruppe | Herkunft | Eigenschaften & Bemerkungen |
|---|---|---|
| Autolog | Patient selbst | Goldstandard, osteoinduktiv, immunologisch unbedenklich. Nachteil: Entnahmemorbidität. |
| Allogen | Gleiche Spezies (Mensch) | Unbegrenzt verfügbar, keine Entnahmemorbidität. Strenge Aufbereitung nötig. |
| Xenogen | Fremde Spezies (Rind, Schwein, Equin) | Sehr geringe Resorption, gut als Resorptionsschutz geeignet. |
| Alloplastisch | Synthetisch (z.B. TCP, HA) | Immunologisch unbedenklich, keine Entnahmemorbidität. |
Augmentation einfacher Defekte
Einfache Defekte zeichnen sich durch ein hohes primäres Regenerationspotential aus. Materialwahl und Operationstechnik spielen hier eine geringere Rolle als bei komplexen Defekten.
- Ridge Preservation: Wenn ein Alveolarkammerhalt nach Zahnverlust durchgeführt wird, sollte ein Ersatzmaterial eingesetzt werden (Starker Konsens). Bei Defekten der Alveolenwände verbessert eine Barrieremembran das Ergebnis.
- Dehiszenzdefekte: Knochenersatzmaterial und Membran sollten zusammen eingesetzt werden (Starker Konsens). Es können alle zur Verfügung stehenden Knochenersatzmaterialien verwendet werden.
- Sinusbodenelevation: Beim Sinuslift kann ein Knochenersatzmaterial verwendet werden (Starker Konsens). Alle Materialien und Techniken zeigen vergleichbare Erfolgsraten. Bei einem zweizeitigen Vorgehen ist ein Material mit Resorptionsstabilität von Vorteil.
Augmentation komplexer Defekte
Komplexe Defekte (Klasse 3/4 und 4/4) haben ein geringes primäres Regenerationspotential. Die komplexe vertikale Augmentation ist anspruchsvoller als die horizontale.
- Defekte bis 3 mm: Es kann eine Kombination aus partikulärem Material und Membran verwendet werden (Starker Konsens). Die Implantation sollte sekundär (zweizeitig) erfolgen.
- Defekte > 3 mm: Zur Regeneration können GBR-Techniken (Guided Bone Regeneration) oder stabile Platzhalter (z.B. Titangitter, titanverstärkte Membranen) verwendet werden (Starker Konsens).
- Blocktransplantate: Xenogene und alloplastische Blocktransplantate sind dem autologen Knochenblock unterlegen (Starker Konsens). Für große Defekte gelten autologe Knochenblöcke (z.B. aus dem Beckenkamm oder intraoral) weiterhin als Goldstandard.
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Patienten vor einer Augmentation detailliert über systemische Risikofaktoren (wie Rauchen oder Medikamenteneinnahme) auf. Bevorzugen Sie bei komplexen Defekten über 3 mm autologe Knochenblöcke oder formstabile Titangitter, da xenogene Blöcke hier unterlegen sind.