Seromukotympanum (Paukenerguss): S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Bei Kindern ohne Risikofaktoren wird zunächst ein konservatives Abwarten von 3 Monaten empfohlen.
- •Systemische Steroide, Antibiotika und Antihistaminika sollen nicht zur primären Behandlung eingesetzt werden.
- •Bei persistierendem Erguss (> 3 Monate) mit Hörproblemen ist eine Parazentese mit oder ohne Paukenröhrcheneinlage indiziert.
- •Bei Erwachsenen mit einseitigem, persistierendem Paukenerguss muss zwingend ein Nasenrachen-Tumor ausgeschlossen werden.
- •Bei liegenden Paukenröhrchen ist ein genereller Wasserschutz (Ohrstöpsel) beim Schwimmen nicht erforderlich.
Hintergrund
Das Seromukotympanum (Paukenerguss) ist definiert als nicht-eitrige Flüssigkeit im Mittelohr hinter einem intakten, reizlosen Trommelfell. Es ist eine der häufigsten Erkrankungen im Kindesalter (Prävalenz im 2. Lebensjahr ca. 20 %). Eine anhaltende Tubenfunktionsstörung führt zu einem Unterdruck und einer Schleimhautmetaplasie. Die Folge ist eine Schallleitungsschwerhörigkeit (durchschnittlich 20-30 dB), die bei längerer Persistenz zu Sprachentwicklungsstörungen führen kann.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursachen für eine Tubenbelüftungsstörung sind vielfältig.
| Altersgruppe / Patientengruppe | Häufige Ursachen & Risikofaktoren |
|---|---|
| Kinder | Adenoide Vegetationen, rezidivierende Infekte, kurze/unreife Tube, Passivrauchen, Kita-Besuch |
| Erwachsene | Chronische Sinusitis, Septumdeviation, Allergien, Nasenrachenkarzinom (Ausschlussdiagnostik!) |
| Spezielle Risikogruppen | Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Down-Syndrom (Prävalenz 60-85 %), Zilienfunktionsstörungen |
Diagnostik
Die Diagnostik stützt sich auf Anamnese, Klinik und apparative Untersuchungen:
- Otoskopie/Mikroskopie: Retrahiertes Trommelfell, gelblich/klare Flüssigkeit, teils Luftbläschen.
- Tympanometrie: Wichtigste Funktionsuntersuchung bei unklarem Befund.
- Audiometrie: Tonaudiogramm (meist ab dem 4. Lebensjahr möglich).
| Tympanogramm-Typ | Befund | Wahrscheinlichkeit für Paukenerguss |
|---|---|---|
| Typ B | Flache Kurve | 85-100 % |
| Typ C | Nach links verschoben (-100 bis -199 mm H2O) | ca. 17 % |
| Typ C (stark) | Nach links verschoben (< -200 mm H2O) | bis zu 55 % |
Kernaussage: Beim Erwachsenen mit persistierendem Paukenerguss ohne erkennbare Ursache soll zwingend eine weiterführende Diagnostik des Nasenrachens zum Ausschluss eines Tumors erfolgen.
Konservative Therapie
Aufgrund der hohen Spontanheilungsrate steht zunächst das Abwarten im Vordergrund.
- Watchful Waiting: Bei Kindern ohne Risikofaktoren sollte zunächst ca. 3 Monate abgewartet werden.
- Tubenbelüftung: Valsalva-Manöver oder nasales Aufblasen eines Luftballons können unterstützend wirken.
- Medikamente: Systemische Steroide, Antibiotika oder Antihistaminika sollen nicht zur Behandlung eines isolierten Paukenergusses verwendet werden. Topische Steroide sind nur bei begleitender allergischer Rhinitis sinnvoll.
Operative Therapie
Persistiert der Erguss über 3 Monate und bestehen Hörprobleme, ist eine operative Intervention indiziert. Bei Risikokindern (z. B. Spaltbildungen, Down-Syndrom, bestehende Sprachentwicklungsstörung) erfolgt die Indikation großzügiger und frühzeitiger.
| Stufe / Alter | Empfohlene Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Kinder < 4 Jahre | Parazentese + Paukenröhrchen | Adenotomie nur bei spezifischen Beschwerden (z. B. Nasenatmungsbehinderung) |
| Kinder > 4 Jahre | Adenotomie + Parazentese (+ Paukenröhrchen) | Kombination zeigt bessere Langzeitergebnisse bei adenoider Hyperplasie |
| Erwachsene | Parazentese / Paukenröhrchen | Ggf. Ballondilatation der Tuba Eustachii (Evidenz noch im Aufbau) |
Bei hochviskösem Sekret oder Rezidiven ist die Einlage eines Paukenröhrchens der alleinigen Parazentese vorzuziehen.
Postoperative Betreuung und Komplikationen
- Wasserschutz: Bei liegenden Paukenröhrchen kann beim normalen Schwimmen, Baden oder Duschen im Allgemeinen auf Ohrstöpsel verzichtet werden. Tauchen ist jedoch zu vermeiden.
- Otorrhoe: Tritt eine unkomplizierte Otorrhoe auf, werden primär antibiotische Ohrentropfen (z. B. Ciprofloxacin) empfohlen.
- Kontraindikation: Aminoglykosid-haltige Ohrentropfen sollen wegen potenzieller Ototoxizität bei liegendem Röhrchen nicht eingesetzt werden.
💡Praxis-Tipp
Verschreiben Sie bei einem unkomplizierten Paukenerguss keine Antibiotika oder systemischen Steroide. Denken Sie bei Erwachsenen mit neu aufgetretenem, persistierendem Paukenerguss immer an ein Nasenrachenkarzinom und schließen Sie dieses endoskopisch aus.