Arbeitsplatzbezogener Inhalationstest (AIT): AWMF-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Der AIT dient der Diagnostik von arbeitsplatzbezogenem Asthma und exogen-allergischer Alveolitis (EAA).
- •Eine schwere Atemwegsobstruktion (FEV1 < 70 % vom Soll) ist eine relative Kontraindikation für die Durchführung.
- •Ein positiver Test liegt vor bei einem FEV1-Abfall von ≥ 20 % oder einer Verdopplung des spezifischen Atemwegswiderstands.
- •Die Expositionsdosis wird stufenweise gesteigert, mit mindestens 10-minütigen Pausen für Lungenfunktionsmessungen.
- •Notfallausrüstung zur Behandlung schwerer Asthmaanfälle oder Anaphylaxien muss zwingend in unmittelbarer Nähe bereitstehen.
Hintergrund
Der arbeitsplatzbezogene Inhalationstest (AIT), international auch als "specific inhalation challenge" (SIC) bezeichnet, dient der Identifizierung von allergischem bzw. immunologischem Asthma sowie der exogen-allergischen Alveolitis (EAA) mit Arbeitsplatzbezug. Er ist ein aufwändiges Verfahren, bei dem Patienten unter kontrollierten Laborbedingungen gegenüber einem potenziell auslösenden Arbeitsstoff exponiert werden.
Indikationen und Kontraindikationen
Der AIT ist indiziert bei:
- Unklaren arbeitsplatzbezogenen Atembeschwerden
- Verdacht auf Berufskrankheiten (BK 4301, BK 1315, BK 4201)
- Begründung von Präventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz (Individualprävention)
Kontraindikationen umfassen unter anderem:
- Akute Atemwegsinfekte
- Höhergradige Atemwegsobstruktion (FEV1 < 70 % des Sollmittelwertes)
- Höhergradige restriktive Lungenerkrankungen oder Gasaustauschstörungen
- Schwere kardiale Erkrankungen oder unkontrollierte Krampfleiden
- Schwangerschaft
- Einnahme von Betablockern oder Bronchodilatatoren am Untersuchungstag
Vorbereitung und Sicherheit
Vor dem Test müssen atemwegswirksame Medikamente (Bronchodilatatoren, Antihistaminika, ggf. inhalative Kortikosteroide) rechtzeitig abgesetzt werden. Da der AIT schwere Asthmaanfälle oder (selten) anaphylaktische Reaktionen auslösen kann, gelten strenge Sicherheitsvorkehrungen:
- Notfallinstrumente (Sauerstoff, BGA) und Notfallmedikamente (inkl. Adrenalin) müssen in unmittelbarer Nähe bereitstehen.
- Die Anlage eines venösen Zugangs vor Testbeginn ist individuell zu prüfen.
- Die Exposition sollte in einem geschlossenen, gut einsehbaren Expositionslabor stattfinden.
Testprotokolle
Je nach Spontanvariabilität der Lungenfunktion und erwarteter Reaktion kommen verschiedene Protokolle zum Einsatz:
| Protokoll | Dauer | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| A (Vereinfacht) | 2 Tage | Geringe Spontanvariabilität, nur Sofortreaktion erwartet | Keine Spätmessung, kein Kontrolltag |
| B (Standard) | 2,5 Tage | Geringe Spontanvariabilität, Spätreaktion möglich | Inklusive Spätmessung |
| C (Ausnahmefall) | 3,5 Tage | Hohe Spontanvariabilität, irritative Stimuli erwartet | Mit vorgeschaltetem Kontrolltag (Leerexposition) |
Durchführung der Exposition
Die Exposition erfolgt schrittweise, um schwere Reaktionen zu vermeiden. Bevorzugt sollten kommerziell erhältliche Provokationslösungen verwendet werden, alternativ native Arbeitsstoffe vom Arbeitsplatz.
- Dosissteigerung: Schrittweise Steigerung (Faktor 2 bis 4) der Konzentration oder Expositionsdauer.
- Intervalle: Mindestens 10 Minuten Pause zwischen den Stufen zur Erkennung von Sofortreaktionen.
- Dauer: Gesamtexpositionsdauer gewöhnlich 30-60 Minuten (maximal 120 Minuten).
- Abbruch: Bei Erreichen der Positivkriterien, extrapulmonalen Reaktionen oder auf Patientenwunsch.
Positivkriterien und Auswertung
Die Beurteilung erfolgt synoptisch. Ein Abfall der Vitalkapazität (FVC) allein durch nachlassende Mitarbeit oder Reizhusten darf nicht als positiver Test gewertet werden.
| Parameter | Positivkriterium | Bemerkung |
|---|---|---|
| Spirometrie | FEV1-Abfall ≥ 20 % | FVC muss weitgehend konstant bleiben |
| Bodyplethysmographie | sRtot verdoppelt UND ≥ 2 kPa*s | Sensitiver, aber weniger spezifisch als FEV1 |
| FeNO | Anstieg um ca. 15 ppb | Messung 24h nach AIT |
| EAA (Alveolitis) | VC-Abfall ≥ 20 %, DLCO-Abfall ≥ 15 % | Plus systemische Symptome (Fieber, Leukozyten ↑) |
Bei allergisierenden Arbeitsstoffen sollte zusätzlich eine nasale Reaktion (z.B. Rhinomanometrie, Symptomscore) erfasst werden.
💡Praxis-Tipp
Setzen Sie atemwegswirksame Medikamente vor dem AIT rechtzeitig ab und halten Sie bei jeder Testung eine vollständige Notfallausrüstung (inklusive Adrenalin) zur Behandlung schwerer Asthmaanfälle oder Anaphylaxien bereit.