Allergieprävention: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ausschließliches Stillen in den ersten 4-6 Monaten wird empfohlen; diätetische Restriktionen in Schwangerschaft und Stillzeit sind obsolet.
- •Die Beikosteinführung sollte zwischen dem 5. und 7. Lebensmonat erfolgen, inklusive durcherhitztem Hühnerei.
- •Prä- und Probiotika sowie Vitamin-D-Supplemente (über die Rachitisprophylaxe hinaus) haben keinen präventiven Nutzen.
- •Familien mit erhöhtem Allergierisiko sollten keine neue Katze anschaffen; Hunde sind hingegen unbedenklich.
- •Aktive und passive Tabakrauchexposition erhöht das Asthmarisiko signifikant und muss vermieden werden.
Hintergrund
Die S3-Leitlinie zur Allergieprävention richtet sich an medizinisches Fachpersonal und bietet evidenzbasierte Empfehlungen zur Primärprävention atopischer Erkrankungen (atopisches Ekzem, Nahrungsmittelallergie, allergische Rhinokonjunktivitis, Asthma). Zielgruppen sind sowohl die Allgemeinbevölkerung als auch Familien mit genetischer Vorbelastung.
Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit
Eine ausgewogene Ernährung ist essenziell. Diätetische Restriktionen zur Allergieprävention sind obsolet.
- Empfehlungsgrad A: Diätetische Restriktionen (Meidung potenter Nahrungsmittelallergene) während der Schwangerschaft oder Stillzeit sollen nicht erfolgen.
- Empfehlungsgrad A: Für den Zeitraum der ersten vier bis sechs Monate soll nach Möglichkeit ausschließlich gestillt werden. Auch mit Einführung von Beikost soll weitergestillt werden.
- Empfehlungsgrad B: Ein Zufüttern von kuhmilchbasierter Formulanahrung in den ersten Lebenstagen sollte bei Stillwunsch vermieden werden.
- Empfehlungsgrad A: Übergewicht und Adipositas bei Frauen vor und in der Schwangerschaft sollen vermieden werden.
Säuglingsernährung und Beikost
Wenn nicht gestillt wird, kommen Ersatznahrungen zum Einsatz. Die Beikost sollte vielfältig sein.
| Maßnahme / Nahrungsmittel | Empfehlung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Säuglingsanfangsnahrung | Bei Risikokindern prüfen, ob Nahrung mit nachgewiesener präventiver Wirksamkeit verfügbar ist. | B |
| Soja-basierte Nahrung | Zur Allergieprävention ungeeignet, soll nicht gegeben werden. | A |
| Tiermilch / Getreidedrinks | Ziegen-, Schafs-, Stutenmilch oder Getreidedrinks sollen nicht zur Prävention gegeben werden. | B |
| Beikosteinführung | Frühestens ab Beginn des 5., spätestens ab Beginn des 7. Lebensmonats. | B |
| Hühnerei | Durcherhitztes (z.B. hartgekochtes), aber kein rohes/weiches Ei regelmäßig mit Beikost geben. | B |
| Erdnuss | Bei Säuglingen mit atopischer Dermatitis (AD) in Familien mit Erdnusskonsum erwägen. Vorher Allergie ausschließen! | C (bzw. A für Ausschluss) |
Nahrungsergänzungsmittel
Die Leitlinie spricht sich klar gegen den präventiven Einsatz der meisten Supplemente aus.
| Supplement | Empfehlung zur Allergieprävention | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Prä- und Probiotika | Sollen weder Schwangeren noch Säuglingen verabreicht werden. | A |
| Vitamin D | Keine zusätzliche Gabe zur Allergieprävention (Standard-Rachitisprophylaxe bleibt unberührt). | A |
| Vitamine (A, C, E, K) | Keine Supplementierung zur Allergieprävention. Folsäure nach Standardempfehlung beibehalten. | A |
| Omega-3-Fettsäuren | Keine abschließende Empfehlung möglich (Datenlage heterogen). | - |
Umweltfaktoren und Lebensstil
Die häusliche Umgebung und Schadstoffe spielen eine zentrale Rolle in der Primärprävention.
| Faktor | Empfehlung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Hunde | Keine Einschränkung für Nicht-Risikopersonen (A). Auch bei erhöhtem Risiko wird nicht abgeraten (B). | A / B |
| Katzen | Risikofamilien oder Kinder mit bestehender AD sollten keine Katze neu anschaffen. | B |
| Tabakrauch | Aktive und passive Exposition strikt vermeiden (bereits in der Schwangerschaft). | A |
| Schimmel / Feuchtigkeit | Innenraumklima, das Schimmel begünstigt, vermeiden. | B |
| Luftschadstoffe | Exposition gegenüber KFZ-Emissionen (NOx, Ozon, PM 2,5) gering halten. | B |
Spezifische Interventionen
- Milben: Maßnahmen zur Milbenallergenreduktion (z.B. Encasings) sollten nicht zur Primärprävention erfolgen (B). Bei bestehender Allergie (Tertiärprävention) sind sie indiziert (A).
- Hautpflege: Eine tägliche Rückfettung der gesunden Säuglingshaut zur Primärprävention wird nicht empfohlen. Sichtbar trockene Haut sollte jedoch gepflegt werden.
- Impfungen: Alle Kinder sollen nach STIKO geimpft werden; Impfungen erhöhen das Allergierisiko nicht.
- Kaiserschnitt: Ein elektiver Kaiserschnitt geht mit einem gering erhöhten Asthmarisiko einher; dies sollte bei der Beratung berücksichtigt werden.
💡Praxis-Tipp
Raten Sie Eltern von restriktiven Diäten in der Schwangerschaft und Stillzeit ab. Die aktive Einführung potenter Allergene wie durcherhitztes Hühnerei in der Beikost ist präventiv sinnvoller als deren Vermeidung.