ClariMedClariMed

Herzfrequenz & HRV in der Arbeitsmedizin: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Herzschlagfrequenz (zentral) ist strikt von der Pulsfrequenz (peripher) zu unterscheiden.
  • Zur Bestimmung der maximalen Herzfrequenz wird eine individuelle ergometrische Ausbelastung empfohlen, da Faustformeln ungenau sind.
  • Für die HRV-Analyse sollte eine EKG-basierte Messung mit hoher Abtastrate (idealerweise 1000 Hz) genutzt werden.
  • Die Dauerleistungsgrenze (DLG) bei körperlicher Arbeit liegt im Bereich von 105-110 Schlägen/min.
  • Zahlreiche Faktoren wie Alter, Erkrankungen (z.B. Diabetes, KHK) und Nachtschichtarbeit reduzieren die HRV messbar.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Die Herzschlagfrequenz (Hf) und die Herzfrequenzvariabilität (HRV) dienen in der Arbeitsmedizin und Arbeitswissenschaft zur Einschätzung von Belastungen und Gefährdungen am Arbeitsplatz. Sie liefern objektive physiologische Beanspruchungsparameter.

  • Herzschlagfrequenz (Hf): Zentral gemessene Anzahl der Herzaktionen pro Minute.
  • Pulsfrequenz: Peripher gemessene Anzahl der Pulswellen. Eine Differenz zur Hf wird als Pulsdefizit bezeichnet.
  • Ruheherzschlagfrequenz (Hf_Ruhe): Liegt beim Erwachsenen in der Regel zwischen 60 und 80 Schlägen/min. Bei Ausdauertrainierten können Werte deutlich unter 50 Schlägen/min auftreten.

Physiologische Mechanismen

Die Hf unterliegt auch bei konstanter Belastung einer physiologischen Variabilität, die das Zusammenspiel des vegetativen Nervensystems widerspiegelt:

  • Sympathikus: Führt über Adrenalin- und Noradrenalinfreisetzung zu einer reduzierten HRV und erhöhten Hf.
  • Parasympathikus (N. vagus): Führt über Acetylcholinfreisetzung zu einer Erhöhung der HRV und Senkung der Hf. Er überwiegt unter Ruhebedingungen und bei geringer Belastung.

Messung und Datenerfassung

Für die HRV-Analyse ist eine "beat-to-beat-Aufzeichnung" der NN-Intervalle (Normal-to-Normal) erforderlich. Es wird empfohlen, eine EKG-basierte Messung mit einer hohen Abtastrate (idealerweise 1000 Hz) zu nutzen.

MesssystemVorteileNachteile
Stationäres/Mobiles EKGEKG-Aufzeichnung, visuelle Überprüfbarkeit, nicht invasivStörende Kabel, Medizinprodukt nach MPG
BrustgurtsystemeTragbar, hohe RückwirkungsfreiheitKeine EKG-Aufzeichnung, störanfällig bei Datenübertragung
Pulsoximeter/OhrclipsTragbar, nicht invasivFormal keine NN-Intervallerfassung, zur Messung der HRV nicht geeignet

Wichtige HRV-Parameter

Die Quantifizierung der HRV kann mittels Methoden des Zeit- und Frequenzbereichs sowie der nichtlinearen Analyse erfolgen.

ParameterMethodeBedeutung
SDNNZeitbereichStandardabweichung der NN-Intervalle (Gesamtvariabilität)
RMSSDZeitbereichMaß für die parasympathische Aktivität (Kurzzeitvariabilität)
LF (Low Frequency)FrequenzbereichSpiegelt Sympathikus und Parasympathikus wider
HF (High Frequency)FrequenzbereichSpiegelt parasympathische Aktivität wider (respiratorische Sinusarrhythmie)
LF/HF-RatioFrequenzbereichQuotient aus LF und HF (vegetative Balance)

Einflussfaktoren auf Hf und HRV

Hf und HRV werden unabhängig von der akuten Belastung durch zahlreiche veränderbare und unveränderbare Faktoren beeinflusst.

KategorieFaktorAuswirkung auf HRV
PhysiologischAlterHRV fällt mit zunehmendem Alter nicht-linear ab
KrankheitenKHK, Herzinsuffizienz, DiabetesHRV ist in der Regel reduziert
LebensstilAusdauertrainingHRV steigt (Parasympathikustonus erhöht)
LebensstilRauchen, mentaler StressHRV ist reduziert
Äußere FaktorenHitze, Lärm, Schichtarbeit (Nacht)HRV ist reduziert

Arbeitsmedizinische Anwendung

Dauerleistungsgrenze (DLG)

Die DLG definiert die maximale körperliche Arbeit, die über eine 8-stündige Arbeitsschicht ohne fortschreitende Ermüdung geleistet werden kann.

  • Bei allgemeiner dynamischer Belastung liegt die DLG bei etwa 105-110 Schlägen/min.
  • Alternativ kann sie als Hf_Ruhe + 30 bis 35 Schläge/min bestimmt werden.
  • Wird die DLG ständig deutlich überschritten, spricht man von schwerer körperlicher Arbeit. Es kommt zum sogenannten Ermüdungsanstieg der Hf.

Maximale Herzschlagfrequenz (Hf_max)

Es wird empfohlen, die Hf_max individuell im Rahmen einer ergometrischen Ausbelastung zu ermitteln. Die Nutzung von Faustformeln (wie 220 minus Lebensalter) sollte aufgrund der sehr breiten interindividuellen Streuung sehr zurückhaltend eingesetzt werden.

Psychische Belastungen

Zur Erfassung psychischer Belastungen eignen sich besonders die HRV-Parameter RMSSD, LF, HF und LF/HF. Eine Mindestaufnahmedauer von 5 Minuten wird hierfür empfohlen.

💡Praxis-Tipp

Verwenden Sie zur Bestimmung der maximalen Herzfrequenz keine Faustformeln wie '220 minus Lebensalter', sondern führen Sie eine individuelle ergometrische Ausbelastung durch. Achten Sie bei HRV-Messungen darauf, EKG-basierte Systeme zu nutzen, da reine Pulswellenmessungen (z.B. Smartwatches ohne EKG) für medizinische HRV-Analysen ungeeignet sind.

Häufig gestellte Fragen

Die Herzschlagfrequenz wird zentral am Herzen gemessen (z.B. EKG), während die Pulsfrequenz peripher (z.B. am Handgelenk) erfasst wird. Bei Rhythmusstörungen kann es zu einem Pulsdefizit kommen, bei dem beide Werte voneinander abweichen.
Empfohlen werden EKG-basierte Messsysteme mit einer hohen Abtastrate von idealerweise 1000 Hz. Optische Pulsoximeter oder Ohrclips sind für eine exakte HRV-Analyse nicht geeignet, da sie die Pulsratenvariabilität und nicht die echte HRV messen.
Bei allgemeiner dynamischer Belastung liegt die DLG bei etwa 105 bis 110 Schlägen pro Minute oder bei der individuellen Ruheherzfrequenz plus 30 bis 35 Schläge.
Schichtarbeit mit Nachtschichten führt zu einer Aktivierung des Sympathikus und einer Reduzierung des Parasympathikus, was eine messbare Reduzierung der HRV zur Folge hat.

Verwandte Leitlinien