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Zervikale spondylotische Myelopathie: Leitlinie (AWMF/DGN)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die sorgfältige interdisziplinäre Differenzialdiagnose (v.a. Abgrenzung zu SVE und Vitamin-B12-Mangel) ist vor jeder Therapieentscheidung essenziell.
  • Das MRT der Halswirbelsäule ist die Standarduntersuchung bei Verdacht auf ZSM.
  • Bei geringer Funktionsstörung (JOA-Score >13-14) und fehlender Progredienz ist ein konservativer Therapieversuch gerechtfertigt.
  • Akute oder rasch progrediente neurologische Defizite stellen eine absolute Operationsindikation dar.
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Hintergrund

Die zervikale spondylotische Myelopathie (ZSM) ist eine altersabhängige, degenerative Erkrankung der Halswirbelsäule. Sie führt durch eine Einengung des Spinalkanals zu einer mechanischen Kompression des zervikalen Rückenmarks und dessen Blutgefäßen. Charakteristisch für die Pathogenese ist die Trias aus Kompression des Rückenmarks, Kompression der Gefäße/Ischämie und intramedullärem Ödem.

Klinisches Bild

Das klinische Bild ist oft eine Kombination aus radikulären Ausfällen und Symptomen einer Rückenmarksschädigung. Typische Symptome umfassen:

  • Feinmotorikstörungen, Schwäche und Gefühlsstörungen der Hände
  • Zentrale Parese der Beine mit Paraspastik
  • Tiefensensibilitätsstörungen der Beine und breitbasig-ataktischer Gang
  • Blasen-, Mastdarm- und Potenzstörungen
  • Schmerzen in HWS, Schulter und Arm (radikuläre Syndrome)

Diagnostik

Das MRT der HWS ist die Standarduntersuchung. In T2-gewichteten Sequenzen zeigen sich oft hyperintense Signale des Myelons (Gliose/Ödem).

Zusätzliche Diagnostik bei spezifischen Fragestellungen:

  • EMG/NLG: Bei Verdacht auf Läsion zervikaler Wurzeln (Differenzialdiagnose Karpaltunnelsyndrom).
  • SSEP/MEP: Zur Objektivierung und Quantifizierung der Beschwerden.
  • Restharnsonographie: Bei Inkontinenz oder imperativem Harndrang.

Differenzialdiagnosen

Da die ZSM vor allem ältere Menschen betrifft, ist die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen zwingend erforderlich, um fehlindizierte Eingriffe zu vermeiden:

DifferenzialdiagnoseDiagnostischer SchrittBemerkung
Subkortikale vaskuläre Enzephalopathie (SVE)Kraniales MRTKlinisches Bild (Sensibilität, Motorik, Blase) kann sehr ähnlich sein.
Funikuläre Myelose (Vitamin-B12-Mangel)Holo-Transcobalamin, MethylmalonsäureBetrifft ca. 25% der über 80-Jährigen. Risikogruppen: atrophische Gastritis, PPI-Dauertherapie, Veganer.
Chronisch entzündliche ZNS-ErkrankungenLiquoruntersuchungBei kernspintomografischem Verdacht.

JOA-Score (Japanese Orthopaedic Association)

Zur Quantifizierung der Funktionseinbußen und Erfassung von Therapieeffekten wird international der JOA-Score verwendet. Er bewertet vier Hauptbereiche (Maximalpunktzahl: 17 = Normalbefund):

Geprüfte FunktionKriterien (Auszug)Max. Punkte
Motorik Obere ExtremitätEssen mit Besteck, Knöpfen von Kleidung4
Motorik Untere ExtremitätGehfähigkeit, Treppensteigen4
SensibilitätObere Extremität, Stamm, Untere ExtremitätJeweils 2 (Gesamt 6)
BlasenfunktionHarnretention, Inkontinenz, Pollakisurie3

Therapie

Die Therapieplanung muss individuell in Abhängigkeit von Alter, Ausprägung, Dauer der Symptomatik und Progredienz erfolgen.

Konservative Therapie

Ein konservativer Therapieversuch ist gerechtfertigt bei geringer Funktionsstörung (JOA >13-14), fehlender oder geringer Progredienz und höherem Lebensalter.

  • Immobilisation: Halskrawatte im Akutstadium (besonders nachts), jedoch nicht länger als 2 Monate.
  • Physiotherapie: Frühzeitige Einleitung bei fehlenden Schmerzen zum Muskelaufbau und zur Afferenzkontrolle des Gangs.
  • Verlaufskontrollen: Anfänglich alle 6 Wochen, später alle 6 Monate. MRT-Kontrolle nach 3-6 Monaten.
  • Pharmakotherapie: Analgetika, Antiphlogistika oder Muskelrelaxanzien bei radikulären Syndromen oder sekundären Myalgien.

Operative Therapie

Ziel ist die Dekompression des Rückenmarks zur Vermeidung bleibender Ausfälle. Die Indikation sollte nicht rein bildmorphologisch gestellt werden.

Operationsindikationen:

  • Rasche akute Progredienz der klinischen Symptomatik
  • Auftreten signifikanter autonomer Störungen (Blase, Mastdarm)
  • Unzureichender Erfolg der konservativen Therapie bei Progredienz
OperationsverfahrenIndikationBemerkung
Anteriorer ZugangUmschriebene Stenosen (1-2 Segmente), mediane Vorfälle, ventrale Osteophyten, zervikale InstabilitätDekompression von ventral, ggf. mit Fusion (Eigenknochen, PEEK, Titan).
Posteriorer ZugangStenosen >2 Segmente, überwiegend dorsale Kompression, fehlende kyphotische FehlstellungLaminoplastie oder Laminektomie, meist mit Schrauben-Stab-System zur Stabilisierung.

💡Praxis-Tipp

Schließen Sie vor jeder Operationsindikation bei älteren Patienten zwingend einen Vitamin-B12-Mangel (Bestimmung von Holo-Transcobalamin) und eine subkortikale vaskuläre Enzephalopathie (mittels cMRT) aus, um unnötige Eingriffe zu vermeiden.

Häufig gestellte Fragen

Es handelt sich um eine altersabhängige, degenerative Erkrankung der Halswirbelsäule, die durch eine Einengung des Spinalkanals zu einer Kompression und Schädigung des Rückenmarks führt.
Eine Operation ist indiziert bei rascher akuter Progredienz der neurologischen Ausfälle, bei signifikanten Blasen- oder Mastdarmstörungen sowie bei unzureichendem Erfolg einer konservativen Therapie.
Der JOA-Score (Japanese Orthopaedic Association Scoring System). Er bewertet die motorische und sensible Funktion der Extremitäten sowie die Blasenfunktion mit maximal 17 Punkten.
Eine Halskrawatte sollte zur Ruhigstellung im Akutstadium besonders nachts getragen werden, jedoch insgesamt nicht länger als 2 Monate.

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