Fissurenversiegelung: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Fissuren- und Grübchenversiegelung (FGV) ist eine zahnflächenspezifische Maßnahme zur Kariesprävention und Arretierung nicht kavitierter Läsionen.
- •Vor der Versiegelung muss zwingend eine visuelle Kariesdiagnostik am gereinigten und getrockneten Zahn erfolgen.
- •Bevorzugt werden niedrigvisköse, methacrylatbasierte Kunststoffe in Kombination mit einer Phosphorsäure-Konditionierung.
- •Die Säureeinwirkzeit am unbehandelten Schmelz sollte mindestens 30 Sekunden betragen, bis ein kreidig-weißes Ätzmuster entsteht.
- •Bei manifesten Kavitationen oder Dentinkaries ist die FGV kontraindiziert; hier erfolgt eine minimalinvasive Füllungstherapie.
Hintergrund
Die Fissuren- und Grübchenversiegelung (FGV) ist eine zahnflächenspezifische Präventionsmaßnahme. Sie dient dem dauerhaften Verschluss kariesanfälliger Fissuren und Grübchen mit Kunststoff, um einer Kariesinitiation vorzubeugen oder kariöse Frühstadien zu arretieren. Obwohl bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland ein kontinuierlicher Kariesrückgang verzeichnet wird, konzentriert sich der Kariesbefall auf Risikogruppen und spezifische Prädilektionsstellen, insbesondere die Fissuren der bleibenden Molaren.
Diagnostik und Kariesrisiko
Vor jeder Indikationsstellung soll eine klinische Untersuchung der gereinigten und getrockneten Zähne erfolgen. Die traditionelle taktile Sondierung mit einer spitzen Sonde wird kritisch gesehen, da sie iatrogene Schmelzdefekte verursachen kann. Empfohlen wird stattdessen die visuelle Inspektion (z. B. nach ICDAS-Kriterien) unter Zuhilfenahme einer stumpfen Parodontalsonde.
| Diagnostikmethode | Bewertung / Empfehlung |
|---|---|
| Visuelle Inspektion | Methode der Wahl am gereinigten, getrockneten Zahn. |
| Sondierung | Nur mit stumpfer Sonde (z. B. CPI-Sonde) zum drucklosen Abtasten. Spitze Sonden vermeiden! |
| Bissflügelröntgen | Nur zur erweiterten Diagnostik bei Verdacht auf versteckte Läsionen oder zur Ausdehnungsbestimmung. Keine routinemäßige Anfertigung vor FGV. |
Zusätzlich sollte eine patientenbezogene Kariesrisiko-Einschätzung durchgeführt werden, um den Einsatz der FGV auf Individuen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko zu priorisieren.
Indikationen und Kontraindikationen
Die Entscheidung zur Versiegelung oder Füllungstherapie richtet sich nach dem klinischen Befund der Fissur und dem individuellen Kariesrisiko.
| Befund | Kariesrisiko | Therapieentscheidung |
|---|---|---|
| Gesunde Fissur | Niedrig | FGV restriktiv einsetzbar (Fokus auf Basisprophylaxe) |
| Gesunde Fissur | Erhöht | FGV indiziert |
| Nicht kavitierte Läsion | Unabhängig vom Risiko | FGV indiziert (zur Arretierung) |
| Kavitation / Dentinkaries | Unabhängig vom Risiko | Kontraindiziert (minimalinvasive Füllungstherapie) |
Weitere Indikationen:
- Fissuren an hypomineralisierten Zähnen (MIH)
- Patienten mit Behinderungen oder eingeschränkter Mundhygienefähigkeit
- Reparatur partiell verloren gegangener Versiegelungen
Relative Kontraindikationen:
- Zähne kurz vor der Exfoliation
- Unvollständiger Zahndurchbruch (hier ggf. temporäre Prä-Versiegelung mit Glasionomerzement)
Klinisches Vorgehen und Materialien
Zur Qualitätssicherung müssen alle Arbeitsschritte sorgfältig ausgeführt werden. Eine Vierhand-Technik wird empfohlen, da sie eine konsequente Einhaltung der Trockenlegung ermöglicht.
| Arbeitsschritt | Empfehlung laut Leitlinie |
|---|---|
| Trockenlegung | Relative Trockenlegung mit vierhändigem Arbeiten ist der absoluten Trockenlegung gleichwertig. |
| Konditionierung | Soll mit ~35-37%iger Phosphorsäure erfolgen. |
| Einwirkzeit | Sollte am unbehandelten Zahnschmelz mindestens 30 Sekunden betragen. Ziel: kreidig-weiße Oberfläche. |
| Materialwahl | Bevorzugt niedrigvisköse, methacrylatbasierte Versiegelungskunststoffe. |
| Applikation | Sparsam und möglichst blasenfrei, um Überschüsse, okklusale Vorkontakte und Retentionsverluste zu vermeiden. |
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf die spitze Sonde zur Kariesdiagnostik in Fissuren, um iatrogene Schmelzdefekte zu vermeiden. Nutzen Sie stattdessen eine stumpfe Parodontalsonde (z.B. CPI-Sonde) am gereinigten und getrockneten Zahn.