Angststoerungen Leitlinie: Therapie & Diagnostik (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und Pharmakotherapie (SSRI/SNRI) sind die primaeren Behandlungsoptionen bei Angststoerungen.
- •Die Praeferenz des informierten Patienten entscheidet ueber die Wahl zwischen Psycho- und Pharmakotherapie.
- •Benzodiazepine sollen aufgrund des Abhaengigkeitspotenzials nur in streng begruendeten Ausnahmefaellen verordnet werden.
- •Internetbasierte Interventionen koennen zur Ueberbrueckung der Wartezeit genutzt werden, jedoch nicht als alleinige Therapie.
- •Bei Nichtansprechen einer Therapieform soll die jeweils andere oder eine Kombination aus KVT und Medikation angeboten werden.
Hintergrund
Angststoerungen gehoeren zu den haeufigsten psychischen Erkrankungen. Die S3-Leitlinie umfasst Empfehlungen fuer die Panikstoerung/Agoraphobie, die generalisierte Angststoerung (GAD), die soziale Phobie und spezifische Phobien. Die Diagnosestellung erfolgt nach ICD-10.
| Angststoerung | ICD-10 | Leitsymptome |
|---|---|---|
| Panikstoerung | F41.0 | Ploetzliche Angstanfaelle mit koerperlichen Symptomen (Herzrasen, Atemnot) und Todesangst. |
| Agoraphobie | F40.0 | Angst vor Orten/Situationen, in denen Flucht schwer moeglich ist (Menschenmengen, enge Raeume). |
| Generalisierte Angststoerung | F41.1 | Unterschwelliger Dauerzustand von Angst, staendige Sorgen, koerperliche Anspannung. |
| Soziale Phobie | F40.1 | Angst vor Situationen mit negativer Bewertung durch andere (Sprechen in Oeffentlichkeit). |
| Spezifische Phobie | F40.2 | Isolierte Angst vor umschriebenen Situationen/Objekten (Spinnen, Hoehe, Blut). |
Diagnostik und Differenzialdiagnostik
Vor der Diagnosestellung muessen organische Ursachen ausgeschlossen werden. Zu den Basisuntersuchungen gehoeren:
- Ausfuehrliche Anamnese und koerperliche Untersuchung
- Blutbild, Blutzucker, Elektrolyte (Ca++, K+), TSH
- EKG mit Rhythmusstreifen
- Ggf. Lungenfunktion, kranielle Bildgebung (MRT, CT) oder EEG
Allgemeine Therapieprinzipien
Patienten mit Angststoerungen soll grundsaetzlich Psychotherapie und Pharmakotherapie angeboten werden (Empfehlungsgrad A). Die Wahl richtet sich nach der Praeferenz des informierten Patienten.
- Kombinationstherapie: Bei Nichtansprechen einer Monotherapie soll die jeweils andere Form oder eine Kombination angeboten werden (KKP).
- Internetinterventionen: KVT-basierte Online-Programme koennen zur Ueberbrueckung bis zum Therapiebeginn genutzt werden, sollen aber nicht als alleinige Massnahme dienen (KKP).
- Benzodiazepine: Sollen aufgrund gravierender Nebenwirkungen (Abhaengigkeit) nicht angeboten werden, ausser in streng begruendeten Ausnahmefaellen (KKP).
Panikstoerung und Agoraphobie
Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) mit Expositionselementen ist die psychotherapeutische Methode der Wahl (A).
| Wirkstoffklasse | Medikament | Tagesdosis | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|---|
| SSRI | Citalopram | 20-40 mg | A |
| SSRI | Escitalopram | 10-20 mg | A |
| SSRI | Paroxetin | 20-50 mg | A |
| SSRI | Sertralin | 50-150 mg | A |
| SNRI | Venlafaxin | 75-225 mg | A |
| TZA | Clomipramin | 75-250 mg | B (Zweitlinientherapie) |
Generalisierte Angststoerung (GAD)
Auch hier ist die KVT die primaere psychotherapeutische Intervention (A).
| Wirkstoffklasse | Medikament | Tagesdosis | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|---|
| SSRI | Escitalopram | 10-20 mg | A |
| SSRI | Paroxetin | 20-50 mg | A |
| SNRI | Duloxetin | 60-120 mg | A |
| SNRI | Venlafaxin | 75-225 mg | A |
| Kalziummodulator | Pregabalin | 150-600 mg | B |
| Trizyklisches Anxiolytikum | Opipramol | 50-300 mg | 0 (Reserve) |
| Azapiron | Buspiron | 15-60 mg | 0 (Reserve) |
Soziale Phobie
Die KVT soll als Einzel- oder Gruppentherapie angeboten werden (A).
| Wirkstoffklasse | Medikament | Tagesdosis | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|---|
| SSRI | Escitalopram | 10-20 mg | A |
| SSRI | Paroxetin | 20-50 mg | A |
| SSRI | Sertralin | 50-150 mg | A |
| SNRI | Venlafaxin | 75-225 mg | A |
| RIMA | Moclobemid | 300-600 mg | KKP (Reserve) |
Spezifische Phobie
Die Behandlung der Wahl ist die KVT/Expositionstherapie (A). Wenn eine In-vivo-Exposition nicht moeglich ist, soll bei Spinnen-, Hoehen- oder Flugphobie eine Virtuelle-Realitaet-Expositionstherapie (VR) angeboten werden (KKP).
Medikamentoese Langzeittherapie
- Wirkeintritt: Patienten muessen darueber aufgeklaert werden, dass die Wirkung von Antidepressiva erst nach ca. 2 Wochen (1-6 Wochen) einsetzt.
- Erhaltungstherapie: Nach Eintreten der Remission soll die Pharmakotherapie fuer 6-12 Monate fortgefuehrt werden, um Rueckfaelle zu vermeiden.
- Absetzen: SSRI, SNRI, TZA und Pregabalin muessen langsam ausgeschlichen werden, um Absetzphaenomene zu vermeiden.
💡Praxis-Tipp
Klaeren Sie Patienten bei der Verordnung von SSRI/SNRI unbedingt ueber den verzoegerten Wirkeintritt (1-6 Wochen) und moegliche initiale Unruhezustaende auf, um die Therapieadhaerenz zu sichern.