Reha nach Arm-Majoramputation: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Rehabilitation beginnt bereits präoperativ durch Einhändertraining, Hilfsmittelberatung und Peer-Counseling.
- •Postoperativ stehen Ödemreduktion (z. B. Rigid Dressing) und Stumpfformung im Fokus.
- •Die Entscheidung zur Prothesenversorgung sollte frühzeitig im interdisziplinären Team getroffen werden.
- •Eine rasche aktive Prothesenversorgung und moderne OP-Verfahren (TMR, RPNI) senken das Risiko für Phantomschmerzen.
- •Nachamputationen zur Behandlung chronischer Phantomschmerzen sind absolut kontraindiziert.
Hintergrund
Die Rehabilitation nach einer Majoramputation an der oberen Extremität ist ein kontinuierlicher, langfristiger Prozess. Ziel ist die möglichst vollständige Reintegration in den privaten, beruflichen und sozialen Bereich. Der Prozess erfordert ein interdisziplinäres Team und beginnt idealerweise bereits vor dem chirurgischen Eingriff.
Phasen der Rehabilitation
Der Rehabilitationsprozess wird in mehrere aufeinanderfolgende Phasen unterteilt:
| Phase | Zeitraum | Wichtige Maßnahmen |
|---|---|---|
| Präoperativ | Vor der Amputation | Einhändertraining, Peer-Counseling, Hilfsmittelberatung |
| Perioperativ | Operation | Periphere Amputationshöhe, Nervenkürzung (RPNI, TMR) zur Neuromvermeidung |
| Postoperativ | Akutkrankenhaus | Ödemreduktion (Rigid Dressing), Wundpflege, Myotraining |
| Frühe Reha | Bis Prothesenentscheidung | Stumpfformung, Kontrakturprophylaxe, Entscheidung zur Prothesenversorgung |
| Späte Reha | Prothesentraining | ADL-Training, komplexes Steuerungstraining, berufliche Reintegration |
| Nachsorge | Lebensbegleitend | Erhalt des Reha-Ergebnisses, Prothesenwartung, Refreshertraining |
Funktionsklassen nach Amputationshöhe
Die Einteilung der Amputationshöhe ist entscheidend für die prothetische Versorgung und die zu erwartende Funktion:
| Klasse | Amputationsniveau |
|---|---|
| 1 | Handgelenkexartikulation |
| 2 | Transradial (Unterarm) |
| 3 | Exartikulation im Ellenbogengelenk |
| 4 | Transhumeral (Oberarm) |
| 5 | Schulterexartikulation und Schultergürtel (Forequarter) |
Rehabilitationspotenzial und Einflussfaktoren
Vor der Einleitung einer prothetischen Versorgung muss das Rehabilitationspotenzial bestimmt werden. Bei geplanten myoelektrischen Prothesen sollte ein EMG-Test erfolgen. Folgende Faktoren beeinflussen den Erfolg:
| Kategorie | Faktoren |
|---|---|
| Orthopädisch-chirurgisch | Amputationshöhe, bilaterale Amputation, Stumpfverhältnisse, Kontrakturen |
| Neurologisch | Koordinationsstörungen, Apoplex, kognitive Leistungsfähigkeit, Polyneuropathie |
| Psychiatrisch | Motivation, Anpassungsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) |
| Kontextfaktoren | Familiäre Unterstützung, Wohnort, berufliche Situation |
Schmerztherapie
Die Differenzierung und adäquate Behandlung von Schmerzen ist essenziell, da Schmerzen das Rehabilitationsergebnis massiv gefährden.
- Phantomgefühl: Wahrnehmung des nicht mehr existenten Körperteils. Operative Verfahren wie TMR (Targeted Muscle Reinnervation) oder RPNI reduzieren diese.
- Stumpfschmerz: Lokalisiert im verbleibenden Extremitätenteil. Ursachen können Neurome, schlechte Weichteildeckung oder unpassende Prothesenschäfte sein.
- Phantomschmerz: Schmerzhafte Sensation im amputierten Körperteil durch kortikale Reorganisation.
Empfehlungen zur Schmerztherapie:
- Lückenlose postoperative Schmerztherapie und Vermeidung von Schmerzspitzen.
- Frühe Spiegeltherapie oder Virtuelle Realität (VR) sind zur Behandlung sinnvoll.
- Rasche aktive Prothesenversorgung nach Wundheilung anstreben, da die Muskelaktivierung einen lindernden Effekt auf Phantomschmerzen hat.
- Kontraindikation: Nachamputationen wegen chronischer Phantomschmerzen sollen nicht durchgeführt werden.
- Medikamente: NSAR und Nicht-Opioidanalgetika sind für die Langzeittherapie wegen Nebenwirkungen nicht zu empfehlen. Bei neuropathischen Schmerzen kommen Pregabalin, Gabapentin oder trizyklische Antidepressiva zum Einsatz.
Evaluation und Assessments
Zur Objektivierung des funktionellen Ergebnisses muss eine Assessmentbatterie verwendet werden. Die gängigsten Tests für Armamputierte sind:
| Assessment | Fokus | Bemerkung |
|---|---|---|
| Box and Block Test (BBT) | Grobgeschicklichkeit | Transfer von Holzwürfeln über eine Trennwand in einer Minute |
| Clothespin Relocation Test (CRT) | Geschicklichkeit und Kompensation | Umsetzen von Wäscheklammern; deckt Ausweichbewegungen (z. B. Schulter) auf |
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie frühzeitig die Spiegeltherapie und forcieren Sie eine rasche aktive Prothesenversorgung, um der kortikalen Reorganisation und chronischen Phantomschmerzen effektiv entgegenzuwirken.