WHO-Leitlinie: Digital Adaptation Kit für Antenatal Care
📋Auf einen Blick
- •Das Digital Adaptation Kit (DAK) übersetzt klinische WHO-Richtlinien zur Schwangerenvorsorge (ANC) in standardisierte, softwareneutrale Anforderungen.
- •Ziel ist die Entwicklung von personenzentrierten digitalen Tracking- und Entscheidungsunterstützungssystemen (DTDS).
- •Zu den Kernkomponenten gehören generische Personas, Workflows, Kerndatenelemente und Entscheidungslogiken.
- •Die primären Ziel-Personas für die Anwendung sind Pflegehilfskräfte für Hebammenwesen (ANM), Hebammen und Pflegefachkräfte.
- •Die dokumentierten Geschäftsprozesse umfassen unter anderem die Registrierung, den routinemäßigen ANC-Kontakt und Überweisungen.
Hintergrund
Digitale Gesundheitssysteme werden zunehmend eingesetzt, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Das Digital Adaptation Kit (DAK) für Antenatal Care (ANC) der WHO dient als operatives, softwareneutrales Dokument. Es übersetzt evidenzbasierte klinische Richtlinien in ein Format, das transparent in digitale Systeme integriert werden kann. Das DAK ist Teil der umfassenderen Vision der SMART Guidelines der WHO und soll verhindern, dass Leitlinien bei der Digitalisierung subjektiv interpretiert werden.
Zielsetzung
Das DAK zielt darauf ab, eine gemeinsame Sprache zwischen Programmmanagern und Softwareentwicklern zu schaffen. Die Hauptziele sind:
- Sicherstellung der Einhaltung von klinischen WHO-Richtlinien in digitalen Systemen.
- Schaffung eines gemeinsamen Verständnisses der Gesundheitsinhalte durch transparente Überprüfungsmechanismen.
- Bereitstellung eines Ausgangspunkts für Kerndatenelemente und Entscheidungslogiken für Digital Tracking and Decision-Support (DTDS) Systeme.
Komponenten des Digital Adaptation Kits
Das DAK besteht aus acht miteinander verknüpften Komponenten, die als Grundlage für die Systementwicklung dienen:
| Komponente | Beschreibung |
|---|---|
| Gesundheitsinterventionen | Übersicht der WHO-Empfehlungen (z. B. Ernährungsberatung, Screening, Supplementierung). |
| Generische Personas | Darstellung der Endnutzer (z. B. Hebammen, Pflegekräfte) und ihrer Interaktionen. |
| Nutzerszenarien | Narrative Beschreibungen der Interaktionen zwischen Personas im Praxisalltag. |
| Geschäftsprozesse | Workflows für Registrierung, ANC-Kontakt und Überweisungen. |
| Kerndatenelemente | Benötigte Daten, gemappt auf Standards wie ICD-11 zur Interoperabilität. |
| Entscheidungslogik | Algorithmen zur Unterstützung der klinischen Praxis und Terminplanung. |
| Indikatoren | Metriken für Leistungsbewertung und Berichterstattung (Collect once, use many). |
| Systemanforderungen | Funktionale und nicht-funktionale Anforderungen an das System. |
Ziel-Personas in der Schwangerenvorsorge
Die primären Anwender des Systems sind qualifizierte Gesundheitsfachkräfte in der primären Gesundheitsversorgung.
| Berufsgruppe | Beschreibung | ISCO Code |
|---|---|---|
| Auxiliary nurse midwife (ANM) | Assistieren bei der Gesundheitsversorgung von Mutter und Neugeborenem, besitzen grundlegende pflegerische und Hebammen-Kompetenzen. | 3221 / 3222 |
| Hebamme (Midwife) | Bieten Betreuung während Schwangerschaft, Geburt und Postpartum-Phase. Besitzen die volle Hebammenkompetenz. | 2222 |
| Pflegefachkraft (Nurse) | Registrierte Pflegekräfte mit umfassenden pflegerischen Fähigkeiten. | 2221 |
Kern-Geschäftsprozesse (Workflows)
Das DAK definiert standardisierte Abläufe für den Klinikalltag. Die wichtigsten Prozesse umfassen:
| Prozess-ID | Prozessname | Zielsetzung |
|---|---|---|
| ANC.A | Registrierung | Identifikation und Registrierung der schwangeren Frau für die Konsultation. |
| ANC.B | Routinemäßiger ANC-Kontakt | Beratung und Durchführung der Schwangerenvorsorge. |
| ANC.C | ANC-Überweisung | Rechtzeitige Überweisung an eine höherstufige Einrichtung bei Komplikationen. |
| ANC.D | Gesundheitsförderung (Community) | Routinemäßige Nachsorge und Gesundheitsförderung in der Gemeinde. |
| ANC.E | Berichterstattung | Zusammenstellung und Übermittlung aggregierter Indikatoren. |
Ablauf eines routinemäßigen ANC-Kontakts
Der Workflow für den routinemäßigen Kontakt (ANC.B) umfasst folgende strukturierte Schritte, die durch das digitale System unterstützt werden sollen:
- Rapid Assessment and Management (RAM): Schnelleinschätzung auf sichtbare Gefahrenzeichen.
- Schwangerschaftsbestätigung: Mittels Urin- oder Bluttest (optional in späterer Schwangerschaft).
- Anamnese: Erfassung von Profil, medizinischer und geburtshilflicher Vorgeschichte, Medikamenten und Impfstatus (insbesondere beim Erstkontakt).
- Körperliche Untersuchung: Gewicht, Größe, Blutdruck, mütterliche und fetale Untersuchung.
- Labordiagnostik und Bildgebung: Anordnung von Tests (z. B. HIV, Syphilis, Hepatitis, Ultraschall) und Aufklärung der Patientin.
- Beratung und Behandlung: Aufklärung über physiologische Symptome, Ernährung, Risikoreduktion (z. B. Tabak, Alkohol), Familienplanung und Ausgabe von Nahrungsergänzungsmitteln (Eisen, Folsäure, Calcium).
- Terminplanung: Festlegung des nächsten Kontakts, sofern keine Überweisung notwendig ist.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie das DAK als standardisierten Ausgangspunkt, um bestehende papierbasierte ANC-Prozesse in digitale Systeme zu überführen. Beachten Sie jedoch, dass die Workflows zu etwa 80 % generisch sind und zu 20 % an den lokalen Kontext und nationale Richtlinien angepasst werden müssen.