WHO-Leitlinie: Krise der Gesundheitsfinanzierung 2025
📋Auf einen Blick
- •Abrupte Kürzungen externer Hilfen erfordern sofortige Umschichtungen im Gesundheitsbudget zur Aufrechterhaltung essenzieller Dienste.
- •Die Einführung neuer Nutzergebühren (User Fees) sollte strikt vermieden werden, um vulnerable Gruppen vor finanziellen Härten zu schützen.
- •In Ländern mit hohem informellem Sektor wird von der Neugründung beitragsfinanzierter Sozialversicherungen abgeraten.
- •Mittelfristig muss die Finanzierung durch verbesserte Steuereintreibung und Gesundheitssteuern (z. B. auf Tabak) gestärkt werden.
- •Die strategische Beschaffung sollte von starren Budgets auf ergebnisorientierte Vergütungssysteme umgestellt werden.
Hintergrund
Ende 2024 und Anfang 2025 wurden viele Gesundheitssysteme, insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, von einer massiven Krise der Gesundheitsfinanzierung getroffen. Ausgelöst durch die Ankündigung der USA und mindestens zehn weiterer OECD-Länder, die externen Hilfen für Gesundheit drastisch zu kürzen (geschätzter Rückgang von über 30 % im Vergleich zu 2023), stehen viele Staaten vor enormen fiskalischen Herausforderungen. Erste WHO-Daten zeigen, dass in etwa 70 % von 108 befragten Ländern sofortige Unterbrechungen bei essenziellen Diensten auftraten. Diese Leitlinie definiert Sofortmaßnahmen und langfristige strukturelle Anpassungen, um den Weg zur Universal Health Coverage (UHC) abzusichern.
Sofortmaßnahmen (Innerhalb von 12 Monaten)
Um den unmittelbaren Schock abzufedern, müssen Regierungen schnell handeln, ohne langfristige UHC-Ziele zu gefährden.
| Bereich | Empfohlene Maßnahme | Zielsetzung |
|---|---|---|
| Budgetierung | Umschichtung bestehender Budgets auf essenzielle Dienste | Aufrechterhaltung der Grundversorgung |
| Schutz vulnerabler Gruppen | Verzicht auf neue Nutzergebühren; Einsatz von Cash-Transfers | Vermeidung finanzieller Härten |
| Effizienzsteigerung | Integration paralleler, extern finanzierter Systeme (z. B. Lieferketten) | Reduktion von Doppelstrukturen |
| Kostenkontrolle | Wechsel zu Generika, Preisnachverhandlungen, striktes Gatekeeping | Senkung der Ausgaben |
Mittelfristige und langfristige Strategien
Die Krise erfordert es, Gesundheitssysteme nachhaltiger und unabhängiger von externen Geldgebern aufzustellen.
1. Fiskalkapazität und Einnahmen
Die Abhängigkeit von externen Hilfen muss durch inländische öffentliche Mittel reduziert werden. Dazu gehören:
- Verbesserte Steuereintreibung: Schließung von Steuerschlupflöchern und Reduktion von Ausnahmen.
- Gesundheitssteuern: Einführung oder Erhöhung von Steuern auf Tabak, Alkohol und zuckerhaltige Getränke.
- Budgetpriorisierung: Festlegung eines Mindestprozentsatzes für Gesundheit im nationalen Haushalt.
2. Pooling und Versicherungsmodelle
Die WHO warnt ausdrücklich vor ineffizienten Fragmentierungen durch neue Versicherungssysteme, insbesondere in Ländern mit hoher informeller Beschäftigung.
| Systemansatz | WHO-Empfehlung | Begründung |
|---|---|---|
| Neue Sozialversicherungen | Nicht empfohlen (bei hoher informeller Arbeit) | Geringe Einnahmen, hohe Verwaltungskosten, Exklusion der "Missing Middle" |
| Bestehende Pools | Empfohlen | Fokus auf Effizienz und Ausweitung durch Steuermittel |
| Freiwillige Versicherungen | Nur als Ergänzung | Sollten nicht primärer Mechanismus für UHC sein; keine Steuersubventionen |
3. Strategischer Einkauf (Purchasing)
Die Vergütung von Leistungserbringern muss an Qualität und Effizienz geknüpft werden.
| Bisheriges Modell | Zukünftiges Modell | Bemerkung |
|---|---|---|
| Starre Budgets (Line-Item) | Ergebnisorientierte Vergütung (Output-based) | Erfordert digitale Informationssysteme |
| Offenes Fee-for-Service | Fee-for-Service mit Budgetobergrenze | Verhindert anbieterinduzierte Überversorgung |
Public Financial Management (PFM)
Ein zentrales Problem ist oft die ineffiziente Nutzung vorhandener Mittel. Die Leitlinie fordert die Beseitigung von PFM-Engpässen, um die Ausführung von Gesundheitsbudgets zu maximieren. Direkte Budgettransfers an Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung sollen beschleunigt werden, um diesen mehr finanzielle Autonomie zu gewähren. Zudem müssen verbleibende externe Gelder (Off-Budget) in die nationalen PFM-Systeme integriert werden.
Analytische Instrumente zur Krisenbewältigung
Um fundierte Entscheidungen zu treffen, empfiehlt die WHO folgende Analysen:
- Expenditure Tracking: Institutionalisierung nationaler Gesundheitskonten (System of Health Accounts 2011).
- Health Technology Assessment (HTA): Evidenzbasierte Priorisierung von Leistungskatalogen unter Berücksichtigung von Kosten-Nutzen-Relationen.
- Effizienzanalysen: Systemweite Überprüfung von Programmen zur Vermeidung von Doppelstrukturen.
- Financial Protection: Überwachung der finanziellen Absicherung, aufgeschlüsselt auf subnationale Ebene.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei plötzlichen Budgetkürzungen auf die Einführung neuer Zuzahlungen (Copayments) für die Primärversorgung. Setzen Sie stattdessen auf Effizienzsteigerungen wie den konsequenten Einsatz von Generika und Preisnachverhandlungen.