Migräne-Therapie: Aktuelle SIGN-Leitlinie (2023)
📋Auf einen Blick
- •Aspirin (900 mg), Ibuprofen (400 mg) und Triptane (Sumatriptan 50-100 mg) sind Mittel der ersten Wahl in der Akuttherapie.
- •Propranolol (80-160 mg) und Topiramat (50-100 mg) werden als Erstlinien-Prophylaxe empfohlen.
- •Bei chronischer Migräne und Versagen von drei oralen Prophylaktika sind Botulinumtoxin A oder CGRP-Antikörper indiziert.
- •Patienten müssen bei Beginn einer Akuttherapie über das Risiko eines Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerzes (MOH) aufgeklärt werden.
Hintergrund
Migräne ist eine der häufigsten primären Kopfschmerzerkrankungen und betrifft weltweit etwa jeden siebten Menschen. Die schottische SIGN-Leitlinie (Update 2023) liefert evidenzbasierte Empfehlungen zur medikamentösen Akut- und Präventivtherapie bei Erwachsenen. Grundsätzlich wird zwischen episodischer Migräne (<15 Kopfschmerztage/Monat) und chronischer Migräne (≥15 Kopfschmerztage/Monat, davon ≥8 Migränetage) unterschieden.
Akuttherapie
Die Akutmedikation sollte so früh wie möglich in der Kopfschmerzphase eingenommen werden. Bei Patienten mit Aura sollten Triptane erst zu Beginn des Kopfschmerzes und nicht während der Aura eingenommen werden.
| Wirkstoff | Dosis | Indikation & Evidenz |
|---|---|---|
| Aspirin | 900 mg | 1. Wahl bei akuter Migräne |
| Ibuprofen | 400 mg (bis 600 mg) | 1. Wahl bei akuter Migräne |
| Sumatriptan | 50-100 mg | 1. Wahl der Triptane. Bei Versagen andere Triptane testen |
| Sumatriptan + Naproxen | 50-85 mg + 500 mg | Kombinationstherapie bei unzureichender Wirkung der Monotherapie |
| Paracetamol | 1000 mg | Alternative, falls andere NSAR/Triptane kontraindiziert sind (z.B. Schwangerschaft) |
| Metoclopramid | 10 mg | Bei begleitender Übelkeit/Erbrechen (nicht dauerhaft anwenden) |
Bei frühem Erbrechen im Migräneanfall sollten nasale (z.B. Zolmitriptan 5 mg) oder subkutane Triptane (z.B. Sumatriptan 6 mg) bevorzugt werden.
Prophylaktische Therapie
Eine Prophylaxe ist indiziert, um Frequenz und Schweregrad der Attacken zu reduzieren. Sie sollte für mindestens drei Monate in der maximal tolerierten Dosis evaluiert werden.
| Wirkstoff | Dosis | Bemerkung |
|---|---|---|
| Propranolol | 80-160 mg/Tag | 1. Wahl bei episodischer und chronischer Migräne |
| Topiramat | 50-100 mg/Tag | 1. Wahl, jedoch streng kontraindiziert in der Schwangerschaft (Teratogenität) |
| Amitriptylin | 25-150 mg zur Nacht | Alternative, bei Unverträglichkeit weniger sedierende Trizyklika erwägen |
| Candesartan | 16 mg/Tag | Alternative, nicht in der Schwangerschaft anwenden |
| Flunarizin | 10 mg/Tag | Alternative |
| Natriumvalproat | 400-1500 mg/Tag | Nur für Patienten >55 Jahre (strenge Vorgaben wegen Teratogenität) |
Eskalationstherapie bei chronischer Migräne
Für Patienten mit chronischer Migräne, bei denen ein Medikamentenübergebrauch adressiert wurde und mindestens drei orale Prophylaktika versagt haben, stehen erweiterte Therapieoptionen zur Verfügung:
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Eskalation | Botulinumtoxin A | Nur bei chronischer Migräne (nicht bei episodischer Migräne empfohlen) |
| Eskalation | CGRP-Antikörper | Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab, Eptinezumab. Auch bei episodischer Migräne erwägbar |
Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz (MOH)
Ein häufiges Problem in der Migränetherapie ist der Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz. Dieser entsteht bei regelmäßiger Einnahme von Triptanen an ≥10 Tagen/Monat oder einfachen Analgetika an ≥15 Tagen/Monat über mehr als drei Monate. Jeder Patient muss bei Beginn einer Akuttherapie über dieses Risiko aufgeklärt werden.
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Patienten bei jeder Verordnung einer Akutmedikation über das Risiko eines Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerzes (MOH) auf. Triptane sollten frühzeitig in der Kopfschmerzphase, nicht jedoch während der Aura eingenommen werden.