Schädel-Hirn-Trauma (SHT): Diagnostik und Bildgebung
Hintergrund
Das Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist eine häufige Vorstellungsursache in Notaufnahmen und eine der Hauptursachen für Tod und Behinderung bei jüngeren Menschen. Die NICE-Leitlinie NG232 fasst die aktuelle Evidenz zur klinischen Beurteilung und zum frühen Management zusammen.
Die meisten Betroffenen weisen bei der Erstvorstellung eine normale oder nur minimal eingeschränkte Bewusstseinslage auf. Dennoch ist eine strukturierte Risikostratifizierung essenziell, um intrakranielle Komplikationen frühzeitig zu erkennen und adäquat zu behandeln.
Die Leitlinie richtet sich an medizinisches Fachpersonal und deckt den gesamten Behandlungspfad ab. Dieser reicht von der präklinischen Versorgung über die Indikationsstellung zur Bildgebung bis hin zur Entlassung und Nachsorge.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen für das Management des Schädel-Hirn-Traumas:
Initiale Beurteilung
Es wird empfohlen, die primäre Stabilisierung stets nach dem ABC-Schema (Atemwege, Atmung, Kreislauf) durchzuführen. Eine Bewusstseinstrübung sollte laut Leitlinie erst dann auf eine Intoxikation zurückgeführt werden, wenn ein schweres Schädel-Hirn-Trauma sicher ausgeschlossen wurde.
Für die Beurteilung der Bewusstseinslage wird die Verwendung der Glasgow Coma Scale (GCS) empfohlen. Dabei sollen die drei Einzelkomponenten (Augenöffnen, verbale und motorische Reaktion) stets zusammen mit dem Gesamtscore dokumentiert werden.
Indikationen für ein Schädel-CT bei Erwachsenen
Es wird empfohlen, bei Erwachsenen innerhalb von 1 Stunde ein Schädel-CT durchzuführen, wenn einer der folgenden Risikofaktoren vorliegt:
-
GCS-Wert von 12 oder weniger bei der Erstbeurteilung
-
GCS-Wert unter 15 zwei Stunden nach dem Trauma
-
Verdacht auf offene oder impressionsbedingte Schädelfraktur
-
Zeichen einer Schädelbasisfraktur (z. B. Brillenhämatom, Liquoraustritt aus Ohr oder Nase)
-
Posttraumatischer Krampfanfall oder fokales neurologisches Defizit
-
Mehr als eine Episode von Erbrechen
Bei Bewusstseinsverlust oder Amnesie wird ein CT innerhalb von 8 Stunden empfohlen, wenn zusätzliche Faktoren wie ein Alter ab 65 Jahren, eine Gerinnungsstörung oder ein gefährlicher Unfallmechanismus bestehen.
Indikationen für ein Schädel-CT bei Kindern
Für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren formuliert die Leitlinie eigene Kriterien für ein sofortiges Schädel-CT (innerhalb von 1 Stunde). Dazu gehören unter anderem:
-
Verdacht auf nicht-akzidentelle Verletzung
-
GCS-Wert unter 14 (bei Säuglingen unter 1 Jahr GCS unter 15)
-
Tastbar gespannte Fontanelle oder Verdacht auf offene Schädelfraktur
-
Prellungen, Schwellungen oder Risswunden von mehr als 5 cm am Kopf bei Säuglingen unter 1 Jahr
Halswirbelsäulen-Diagnostik
Bei klinischem Verdacht auf eine Halswirbelsäulenverletzung und Vorliegen von Hochrisikofaktoren wird ein HWS-CT innerhalb von 1 Stunde empfohlen. Zu den Hochrisikofaktoren zählen ein GCS-Wert von 12 oder weniger, eine Intubation oder ein gefährlicher Unfallmechanismus bei Personen ab 65 Jahren.
Stationäre Aufnahme und Überwachung
Die Leitlinie empfiehlt eine stationäre Aufnahme bei neuen, klinisch bedeutsamen Auffälligkeiten in der Bildgebung oder wenn der GCS-Wert nicht auf den Ausgangswert zurückkehrt. Auch anhaltende Warnsymptome wie persistierendes Erbrechen oder starke Kopfschmerzen stellen eine Aufnahmeindikation dar.
Während der Überwachung werden halbstündliche neurologische Kontrollen empfohlen, bis ein GCS-Wert von 15 erreicht ist. Danach kann die Frequenz der Kontrollen schrittweise reduziert werden.
Dosierung
Die Leitlinie empfiehlt die Gabe von Tranexamsäure bei Personen mit einem Schädel-Hirn-Trauma und einem GCS-Wert von 12 oder weniger, sofern keine aktive extrakranielle Blutung vermutet wird. Die Verabreichung sollte so früh wie möglich, spätestens jedoch innerhalb von 2 Stunden nach dem Trauma und vor der Bildgebung erfolgen.
| Patientengruppe | Medikament | Dosis | Indikation |
|---|---|---|---|
| Erwachsene (ab 16 Jahren) | Tranexamsäure | 2 g als intravenöser Bolus | SHT mit GCS ≤ 12 (innerhalb 2h) |
| Kinder (unter 16 Jahren) | Tranexamsäure | 15 bis 30 mg/kg (max. 2 g) als intravenöser Bolus | SHT mit GCS ≤ 12 (innerhalb 2h) |
Kontraindikationen
Die Leitlinie rät davon ab, bei Personen mit Schädel-Hirn-Trauma primär MRT-Untersuchungen zur Akutdiagnostik durchzuführen. Ebenso wird von konventionellen Röntgenaufnahmen des Schädels zur Diagnose von Hirnverletzungen abgeraten, bevor eine Rücksprache mit einer neurochirurgischen Abteilung erfolgt ist.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie warnt davor, eine Bewusstseinstrübung vorschnell auf eine Alkohol- oder Drogenintoxikation zurückzuführen, bevor ein schweres Schädel-Hirn-Trauma ausgeschlossen wurde. Zudem wird darauf hingewiesen, dass auch ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma in den Wochen oder Monaten nach dem Ereignis zu einem Hypopituitarismus führen kann. Es wird empfohlen, bei persistierender Hyponatriämie oder Hypotonie nach einem SHT eine endokrinologische Abklärung zu erwägen.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie sollte bei Personen unter Antikoagulation oder Thrombozytenaggregationshemmung (außer Aspirin-Monotherapie) auch ohne weitere Symptome ein Schädel-CT erwogen werden. Dieses wird innerhalb von 8 Stunden nach dem Trauma empfohlen.
Es wird empfohlen, die GCS immer anhand der drei separaten Antworten (Augenöffnen, verbale und motorische Reaktion) zu dokumentieren. Der Gesamtscore sollte stets als Wert von 15 (z. B. 13/15) angegeben werden.
Die Leitlinie empfiehlt eine sofortige Intubation bei einem GCS-Wert von 8 oder weniger sowie bei Verlust der laryngealen Schutzreflexe. Auch eine respiratorische Insuffizienz oder irreguläre Atmung stellen klare Indikationen dar.
Eine Entlassung wird empfohlen, wenn der GCS-Wert wieder 15 beträgt, keine Indikation für ein CT besteht oder dieses unauffällig war. Zudem muss eine angemessene häusliche Betreuung durch eine Aufsichtsperson für die ersten 24 Stunden sichergestellt sein.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Quelle: Head injury: assessment and early management (NICE, 2025). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
Verwandte Leitlinien
ClariMed durchsucht alle medizinischen Leitlinien
AWMF, NVL, NICE, WHO, ESC, KDIGO - Quellenzitiert, kostenlos. Speichern Sie Ihren Verlauf auf allen Geräten mit einem kostenlosen Konto.
Kostenloses Konto erstellen