Reizdarmsyndrom (RDS): Diagnostik, Therapie und Diät
Hintergrund
Das Reizdarmsyndrom (IBS) ist eine chronische, rezidivierende Erkrankung, die durch Bauchschmerzen und veränderte Stuhlgewohnheiten gekennzeichnet ist. Die Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung wird auf 10 bis 20 Prozent geschätzt.
Die Erkrankung betrifft am häufigsten Personen zwischen 20 und 30 Jahren. Frauen sind laut Leitlinie doppelt so häufig betroffen wie Männer. In den letzten Jahren wird IBS auch zunehmend bei älteren Menschen diagnostiziert.
Die Symptome überschneiden sich häufig mit anderen gastrointestinalen Erkrankungen wie Zöliakie. Die NICE-Leitlinie CG61 fokussiert sich auf eine positive Diagnosestellung, den gezielten Ausschluss von Warnzeichen und eine strukturierte Symptomkontrolle.
Empfehlungen
Die NICE-Leitlinie CG61 formuliert folgende Kernempfehlungen für das Management des Reizdarmsyndroms:
Diagnostik
Eine klinische Beurteilung auf ein Reizdarmsyndrom wird empfohlen, wenn seit mindestens 6 Monaten Bauchschmerzen, Blähungen oder veränderte Stuhlgewohnheiten bestehen.
Für eine positive Diagnose müssen Bauchschmerzen vorliegen, die durch Stuhlgang gelindert werden oder mit einer veränderten Stuhlfrequenz oder -form einhergehen. Zusätzlich müssen laut Leitlinie mindestens zwei der folgenden Symptome bestehen:
-
Veränderte Stuhlpassage (Pressen, Drang, unvollständige Entleerung)
-
Abdominelle Blähungen, Distension oder Verhärtungen
-
Symptomverschlechterung durch Nahrungsaufnahme
-
Schleimabgang
Zum Ausschluss anderer Erkrankungen empfiehlt die Leitlinie spezifische Basisuntersuchungen. Andere häufig durchgeführte Tests werden explizit als nicht notwendig eingestuft:
| Empfohlene Basisdiagnostik | Nicht empfohlene Tests zur Bestätigung |
|---|---|
| Großes Blutbild (FBC) | Ultraschall, Koloskopie, Sigmoidoskopie |
| Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) oder Plasmaviskosität | Schilddrüsenfunktionstests |
| C-reaktives Protein (CRP) | Stuhluntersuchung auf Eier und Parasiten |
| Zöliakie-Antikörper (EMA oder TTG) | H2-Atemtests, Test auf okkultes Blut |
Bei Vorliegen von Warnzeichen (Red Flags) für Krebs oder entzündliche Darmerkrankungen wird eine sofortige Überweisung in die Sekundärversorgung empfohlen.
Ernährungs- und Lebensstilanpassungen
Die Leitlinie betont die Wichtigkeit von Selbsthilfe und regelmäßiger körperlicher Aktivität. Bezüglich der Ernährung werden folgende Anpassungen empfohlen:
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Regelmäßige Mahlzeiten ohne lange Pausen
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Mindestens 8 Tassen Flüssigkeit pro Tag (Kaffee und Tee auf 3 Tassen beschränken)
-
Reduktion von Alkohol, kohlensäurehaltigen Getränken und resistenter Stärke
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Begrenzung von frischem Obst auf 3 Portionen (à 80 g) pro Tag
Bei der Ballaststoffzufuhr wird von unlöslichen Ballaststoffen (wie Kleie) abgeraten. Falls eine Erhöhung indiziert ist, sollten lösliche Ballaststoffe (wie Ispaghula oder Hafer) bevorzugt werden.
Bei anhaltenden Symptomen kann eine spezielle Diät (z. B. Low-FODMAP) unter Anleitung einer ernährungsmedizinischen Fachkraft erwogen werden. Von der Anwendung von Aloe Vera wird abgeraten.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Behandlung richtet sich nach dem vorherrschenden Symptom. Die Dosis von Laxanzien oder Antidiarrhoika sollte so titriert werden, dass ein weicher, gut geformter Stuhl (Typ 4 der Bristol-Stuhlformen-Skala) erreicht wird.
-
Spasmolytika: Werden bei Bedarf begleitend zu Lebensstilanpassungen empfohlen.
-
Laxanzien: Werden bei Verstopfung empfohlen, wobei Lactulose vermieden werden sollte.
-
Loperamid: Gilt als Mittel der ersten Wahl bei Diarrhö.
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Linaclotid: Kann erwogen werden, wenn maximale Dosen verschiedener Laxanzien nicht geholfen haben und die Verstopfung seit mindestens 12 Monaten besteht.
Als Zweitlinientherapie bei Versagen der Standardmedikamente können trizyklische Antidepressiva (TCA) in niedriger Dosierung (Off-Label-Use) eingesetzt werden. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) werden nur empfohlen, wenn TCA unwirksam sind.
Psychologische Interventionen
Wenn nach 12 Monaten keine Besserung durch pharmakologische Behandlungen eintritt (refraktäres IBS), wird eine Überweisung für psychologische Interventionen empfohlen. Dazu zählen kognitive Verhaltenstherapie (CBT), Hypnotherapie oder psychologische Therapie.
Dosierung
Die Leitlinie nennt folgende spezifische Dosierungshinweise für die medikamentöse Therapie:
| Wirkstoff / Klasse | Dosierung / Titration | Indikation / Anmerkung |
|---|---|---|
| Laxanzien / Antimotilitätsmittel | Titration nach klinischem Ansprechen | Ziel: Bristol-Stuhlformen-Skala Typ 4. Lactulose bei Laxanzien vermeiden. |
| Trizyklische Antidepressiva (TCA) | Start mit 5–10 mg (Amitriptylin-Äquivalent) zur Nacht. Max. 30 mg. | Zweitlinientherapie bei Schmerzen. Off-Label-Use. |
| Linaclotid | Keine spezifische Dosisangabe im Text | Nur bei refraktärer Verstopfung (>12 Monate). Kontrolle nach 3 Monaten. |
Kontraindikationen
Die Leitlinie rät explizit von folgenden Interventionen zur Behandlung des Reizdarmsyndroms ab:
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Lactulose: Sollte bei der Behandlung von Verstopfung vermieden werden.
-
Unlösliche Ballaststoffe: Der Verzehr von Kleie und ähnlichen unlöslichen Ballaststoffen wird nicht empfohlen.
-
Aloe Vera: Von der Verwendung wird abgeraten.
-
Komplementärmedizin: Akupunktur und Reflexzonenmassage werden zur Behandlung nicht empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Ein zentraler Praxisaspekt der Leitlinie ist der bewusste Verzicht auf häufig genutzte Hausmittel und Standardtherapien. Es wird explizit davon abgeraten, unlösliche Ballaststoffe wie Kleie oder das Laxans Lactulose zu empfehlen, da diese die Symptomatik verschlechtern können. Stattdessen wird bei therapierefraktären Schmerzen der Off-Label-Einsatz von niedrig dosierten trizyklischen Antidepressiva als wirksame Alternative hervorgehoben.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie sollten zum Ausschluss anderer Erkrankungen ein großes Blutbild, BSG oder Plasmaviskosität, CRP sowie Zöliakie-Antikörper (EMA oder TTG) bestimmt werden. Weitere Tests wie Schilddrüsenwerte sind bei erfüllten IBS-Kriterien nicht routinemäßig erforderlich.
Die Leitlinie stellt klar, dass eine Koloskopie oder Sigmoidoskopie zur reinen Bestätigung der Diagnose nicht notwendig ist. Eine Überweisung zur weiteren Diagnostik wird nur beim Vorliegen von Warnzeichen für Krebs oder entzündliche Darmerkrankungen empfohlen.
Zur Behandlung der Verstopfung können verschiedene Laxanzien eingesetzt werden, wobei die Dosis nach der Stuhlkonsistenz titriert werden sollte. Die Leitlinie rät jedoch ausdrücklich von der Verwendung von Lactulose ab.
Trizyklische Antidepressiva werden als Zweitlinientherapie empfohlen, wenn Spasmolytika, Laxanzien oder Loperamid keine ausreichende Linderung bringen. Es wird ein Start mit einer niedrigen Dosis von 5 bis 10 mg Amitriptylin-Äquivalent zur Nacht empfohlen.
Wenn sich Betroffene für Probiotika entscheiden, wird empfohlen, das Präparat für mindestens vier Wochen in der vom Hersteller empfohlenen Dosierung einzunehmen. Dabei sollte die Wirkung auf die Symptome engmaschig beobachtet werden.
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Quelle: NICE Guideline on Irritable Bowel Syndrome (NICE, 2017). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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