Genomik in der Hausarztpraxis: Leitlinie (RACGP)
📋Auf einen Blick
- •Chromosomen-Microarrays (CMA) sind First-Line-Tests bei Entwicklungsverzögerung, intellektueller Minderung und Autismus-Spektrum-Störung.
- •Pränatales Screening (z.B. NIPT, CFTS) sollte allen schwangeren Frauen unabhängig von Alter oder Risiko angeboten werden.
- •Ein reproduktives Trägerscreening (z.B. auf Mukoviszidose, SMA, Fragiles-X) wird für alle Frauen und Paare mit Kinderwunsch empfohlen.
- •Pharmakogenomische Tests können bei unerwünschten Arzneimittelwirkungen oder fehlendem Therapieansprechen (z.B. bei SSRI, Clopidogrel) sinnvoll sein.
- •Genetische Testergebnisse müssen bei Anträgen auf Lebensversicherungen angegeben werden, nicht jedoch bei der Krankenversicherung.
Hintergrund
Die Genomik gewinnt in der Primärversorgung zunehmend an Bedeutung. Während sich die traditionelle Genetik auf einzelne Gene konzentriert, untersucht die Genomik mehrere Gene oder das gesamte Genom gleichzeitig. Die ethischen Grundprinzipien umfassen Gerechtigkeit, Respekt vor der Autonomie, Wohltun (Beneficence) und Nicht-Schaden (Non-maleficence).
Ein wichtiger Aspekt in der Beratung ist der Versicherungsschutz: Während die private Krankenversicherung genetische Informationen nicht berücksichtigt, müssen bei Lebensversicherungen bekannte genetische Testergebnisse offengelegt werden.
Häufige genetische Mythen
| Mythos | Fakt |
|---|---|
| Ähnlichkeit zum Vater schützt vor mütterlichen Gendefekten | Physische Ähnlichkeit hat keinen Einfluss auf das Risiko einer genetischen Erkrankung. |
| "Weibliche" Krebsarten (Brust/Eierstock) kommen nur von der Mutter | BRCA1/2-Varianten können sowohl über die väterliche als auch mütterliche Linie vererbt werden. |
| Ein Gen-Defekt führt immer zur Erkrankung | Bei unvollständiger Penetranz bricht die Krankheit nicht bei jedem Träger aus. |
| Genetische Erkrankungen können Generationen überspringen | Bei autosomal-rezessiven und X-chromosomalen Erkrankungen können Betroffene verstreut auftreten. |
Chromosomen-Microarray (CMA)
Das CMA ist ein First-Line-Test zur Untersuchung von Entwicklungsverzögerungen, intellektueller Minderung, Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) oder multiplen kongenitalen Anomalien.
Was CMA erkennt:
- Große Deletionen/Duplikationen und Mikrodeletionen/-duplikationen
- Die meisten numerischen Chromosomenanomalien (z.B. Down-Syndrom)
- Unbalancierte Chromosomenumbauten
Was CMA NICHT erkennt:
- Einzelgenmutationen
- Fragiles-X-Syndrom (FXS)
- Balancierte Umbauten (Translokationen, Inversionen)
| CMA-Ergebnis | Bedeutung |
|---|---|
| Keine klinisch signifikanten CNVs | Normalbefund |
| Pathogene CNV | Bekannte Copy Number Variant (CNV) identifiziert |
| CNV unklarer Signifikanz (VOUS) | Klinische Auswirkung ist unbekannt oder unsicher |
| Zufallsbefund | CNV identifiziert, die nicht mit dem Testgrund zusammenhängt |
Neugeborenenscreening
Das Screening erfolgt in der Regel 2-3 Tage nach der Geburt. Es identifiziert seltene, aber schwerwiegende Erkrankungen, bei denen eine frühe Intervention Morbidität und Mortalität senkt.
| Krankheitsklasse | Beispiele für gescreente Erkrankungen |
|---|---|
| Aminosäuren | Phenylketonurie, Ahornsirupkrankheit, Homocystinurie |
| Organische Säuren | Glutarazidurie Typ I, Propionazidämie |
| Fettsäureoxidation | MCAD-Mangel, LCHAD-Mangel, VLCAD-Mangel |
| Andere | Mukoviszidose (CF), Kongenitale Hypothyreose |
Pharmakogenomik
Genetische Variationen beeinflussen den Arzneimittelstoffwechsel (Pharmakokinetik) und die Arzneimittelwirkung (Pharmakodynamik). Patienten werden typischerweise in schlechte, intermediäre, extensive oder ultraschnelle Metabolisierer eingeteilt.
| Gen | Betroffene Medikamente | Klinische Konsequenz |
|---|---|---|
| CYP2D6 | Codein | Schlechte Metabolisierer: keine Wirkung. Ultraschnelle: erhöhtes Nebenwirkungsrisiko. |
| CYP2D6 | SSRI (z.B. Paroxetin) | Ultraschnelle: keine Wirkung. Schlechte: benötigen ggf. 50% geringere Dosis. |
| CYP2C19 | Clopidogrel | Schlechte Metabolisierer benötigen alternative Thrombozytenaggregationshemmer. |
| VKORC1 / CYP2C9 | Warfarin | Genotypen helfen bei der Bestimmung der optimalen Initialdosis. |
| SLCO1B1 | Simvastatin | Low-Function-Genotyp ist mit erhöhtem Myopathie-Risiko assoziiert. |
Pränatales Screening und Diagnostik
Allen schwangeren Frauen sollten Informationen über pränatale Screening-Tests auf chromosomale, autosomal-rezessive und X-chromosomale Erkrankungen angeboten werden.
| Testart | Methode | Zeitpunkt | Erkannte Erkrankungen | Detektionsrate (Trisomie 21) |
|---|---|---|---|---|
| CFTS (Combined First Trimester Screening) | Blut (PAPP-A, ß-hCG) + Ultraschall (Nackentransparenz) | 11-13 Wochen | Trisomie 21, 18, 13; strukturelle Anomalien | ca. 90% |
| NIPT (Non-invasive prenatal testing) | Zellfreie fetale DNA im mütterlichen Blut | Ab 10 Wochen | Trisomie 21, 18, 13; Geschlechtschromosomen-Aneuploidien | >99% |
| CVS (Chorionzottenbiopsie) | Nadelpunktion der Plazenta (Diagnostisch) | 11-13 Wochen | Viele Chromosomen- und genetische Erkrankungen | 99,9% |
| Amniozentese | Fruchtwasserpunktion (Diagnostisch) | Ab 15 Wochen | Viele Chromosomen- und genetische Erkrankungen | 99,9% |
Reproduktives Trägerscreening
Ein Trägerscreening sollte allen Frauen und Paaren mit Kinderwunsch oder in der Frühschwangerschaft angeboten werden, unabhängig von der ethnischen Herkunft. Es zielt darauf ab, Träger von autosomal-rezessiven oder X-chromosomalen Erkrankungen zu identifizieren (z.B. Mukoviszidose, Spinale Muskelatrophie, Fragiles-X-Syndrom). Wenn beide Partner Träger derselben rezessiven Erkrankung sind, bestehen erweiterte reproduktive Optionen wie die In-vitro-Fertilisation (IVF) mit Präimplantationsdiagnostik.
💡Praxis-Tipp
Bieten Sie allen Frauen mit Kinderwunsch oder in der Frühschwangerschaft ein reproduktives Trägerscreening (z.B. auf Mukoviszidose, SMA, Fragiles-X) an. Beachten Sie bei der Verordnung von Codein oder Clopidogrel mögliche Therapieversager durch genetische Polymorphismen (CYP2D6 bzw. CYP2C19).