Proteinsupplementierung bei Frühgeborenen: Wachstum
Hintergrund
Frühgeborene haben einen höheren Proteinbedarf als reifgeborene Säuglinge, um ein adäquates Wachstum und eine optimale Organentwicklung zu gewährleisten. Muttermilch bietet zahlreiche gesundheitliche Vorteile, jedoch variiert ihr Proteingehalt stark und sinkt nach den ersten Lebenswochen ab.
Eine unzureichende Proteinzufuhr in dieser kritischen Phase wird mit Wachstumsverzögerungen und einer schlechteren neurologischen Entwicklung assoziiert. Um diesen Mangel auszugleichen, kann abgepumpter Muttermilch zusätzliches Protein in Form von Anreicherungsmitteln (Fortifiern) zugesetzt werden.
Der vorliegende Cochrane-Review aus dem Jahr 2020 untersucht die Evidenz dieser Intervention. Der Fokus liegt dabei auf den Auswirkungen auf das Wachstum, die Körperzusammensetzung sowie mögliche unerwünschte Effekte bei Frühgeborenen.
Empfehlungen
Der Review fasst die Evidenz zur Proteinsupplementierung in verschiedene klinische Endpunkte zusammen:
Kurzfristiges Wachstum
Es wird beschrieben, dass die Zugabe von Protein zur Muttermilch das kurzfristige Wachstum von Frühgeborenen signifikant fördert (Evidenz von niedriger Qualität). Im Vergleich zu nicht-supplementierter Muttermilch zeigen sich folgende Effekte:
-
Gesteigerte Gewichtszunahme (durchschnittlich 3,82 g/kg/Tag mehr)
-
Erhöhtes Längenwachstum (durchschnittlich 0,12 cm/Woche mehr)
-
Beschleunigtes Kopfwachstum (durchschnittlich 0,06 cm/Woche mehr)
Unerwünschte Ereignisse und Risiken
Laut den analysierten Daten führt die Proteinsupplementierung zu höheren Harnstoff- und Stickstoffkonzentrationen im Blut (BUN). Die Evidenz deutet zudem darauf hin, dass supplementierte Säuglinge möglicherweise länger im Krankenhaus verbleiben (Evidenz von sehr niedriger Qualität).
Hinsichtlich schwerwiegender Komplikationen wie nekrotisierender Enterokolitis (NEC) oder Nahrungsmittelintoleranzen lässt die Datenlage keine eindeutigen Schlüsse zu. Die berichteten Fallzahlen in den eingeschlossenen Studien waren zu gering für eine verlässliche Risikobewertung.
Übersicht der klinischen Endpunkte
| Endpunkt | Effekt der Proteinsupplementierung | Evidenzqualität |
|---|---|---|
| Gewichtszunahme | Erhöht (+ 3,82 g/kg/Tag) | Niedrig |
| Längenwachstum | Erhöht (+ 0,12 cm/Woche) | Niedrig |
| Kopfwachstum | Erhöht (+ 0,06 cm/Woche) | Niedrig |
| Krankenhausverweildauer | Möglicherweise verlängert (+ 18,5 Tage) | Sehr niedrig |
| Nekrotisierende Enterokolitis (NEC) | Ungewiss | Sehr niedrig |
Langzeiteffekte und Forschungslücken
Es liegen keine Daten zu den langfristigen Auswirkungen der Proteinsupplementierung auf die neurologische Entwicklung, das Risiko für Adipositas oder den Langzeit-Blutzucker vor. Der Review betont, dass die Anreicherung heutzutage meist als Teil von Multinährstoffpräparaten erfolgt.
Kontraindikationen
Der Review weist auf potenzielle Risiken bei bestimmten Arten von Anreicherungsmitteln hin. Fortifier auf Basis von Kuhmilchprotein werden mit einem erhöhten Risiko für allergische Reaktionen bei Frühgeborenen in Verbindung gebracht.
Zudem wird berichtet, dass angesäuerte Präparate mit einem höheren Proteingehalt zu Nahrungsmittelintoleranzen und metabolischen Entgleisungen führen können. Dies wird auf die noch unreife Nierenfunktion und Stoffwechselprozesse der Frühgeborenen zurückgeführt.
💡Praxis-Tipp
Es wird darauf hingewiesen, dass die reine Proteinsupplementierung zwar das kurzfristige Wachstum fördert, Frühgeborene bei ausschließlicher Muttermilchernährung jedoch auch andere Nährstoffdefizite (wie Energie und Mineralien) aufweisen. Daher wird in der Praxis meist eine Multinährstoffanreicherung (Multi-Component Fortifier) anstelle einer isolierten Proteingabe beschrieben.
Häufig gestellte Fragen
Laut dem Cochrane-Review variiert der Proteingehalt der Muttermilch stark und sinkt nach den ersten Lebenswochen ab. Dies deckt oft nicht den stark erhöhten Proteinbedarf, den Frühgeborene für ein adäquates Wachstum benötigen.
Die Daten zeigen, dass eine Proteinsupplementierung die kurzfristige Gewichtszunahme sowie das Längen- und Kopfwachstum signifikant steigert. Langzeiteffekte auf das Wachstum sind jedoch bisher nicht ausreichend durch Studien belegt.
Der Review stellt fest, dass die aktuelle Evidenz nicht ausreicht, um ein erhöhtes Risiko für eine nekrotisierende Enterokolitis (NEC) zu bestätigen oder auszuschließen. Die Qualität der Evidenz zu diesem Endpunkt wird als sehr niedrig eingestuft.
Es wird berichtet, dass die Supplementierung zu höheren Harnstoff- und Stickstoffwerten im Blut führt. Zudem gibt es Hinweise aus einer Studie, dass sich die Dauer des Krankenhausaufenthalts durch die Intervention verlängern könnte.
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Quelle: Cochrane Review: Protein supplementation of human milk for promoting growth in preterm infants (Cochrane, 2020). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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