Hereditäre Sphärozytose: Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •Die hereditäre Sphärozytose ist die häufigste angeborene hämolytische Anämie in Mitteleuropa und wird meist autosomal-dominant vererbt.
- •Die klinische Trias besteht aus Anämie (zwingend Coombs-negativ), Ikterus und Splenomegalie.
- •Ein MCHC-Wert > 35 g/dl in Kombination mit einer RDW > 15 % ist ein starker laborchemischer Hinweis.
- •Zur Diagnosesicherung werden mindestens zwei Testverfahren (z.B. AGLT und EMA-Test) gefordert.
- •Die (nahezu vollständige) Splenektomie ist die effektivste Therapie bei schweren oder komplizierten Verläufen.
Hintergrund
Die hereditäre Sphärozytose (Kugelzellenanämie) ist eine heterogene Gruppe von Erkrankungen der Erythrozyten. Ursächlich sind Mutationen in den Genen für Membranproteine (v. a. Ankyrin-1, Bande 3, Spektrin). Dies führt zu einem Verlust der Kohäsion zwischen dem Membranskelett und der Lipidschicht. Die verformten Erythrozyten (Sphärozyten) werden in der Milz vorzeitig abgebaut. Die Vererbung erfolgt in ca. 90 % der Fälle autosomal-dominant.
Klinisches Bild und Komplikationen
Das klinische Spektrum reicht von asymptomatischen Verläufen bis zu schweren, transfusionsbedürftigen Anämien bereits im Kindesalter.
| Symptom / Komplikation | Anmerkung |
|---|---|
| Anämie | Stets Coombs-negativ |
| Ikterus | Meist Erhöhung des indirekten Bilirubins |
| Splenomegalie | In variablem Ausmaß vorhanden |
| Cholelithiasis | Häufige Folge der chronischen Hämolyse |
| Aplastische Krise | Am häufigsten nach Erstinfektion mit Parvovirus B19 |
| Hämolytische Krise | Oft getriggert durch interkurrente Infekte |
Diagnostik
Ein einzelner Test reicht zur Diagnosesicherung nicht aus. Es wird der Einsatz von mindestens zwei verschiedenen Testverfahren empfohlen. Die Kombination aus AGLT und EMA-Test erreicht eine Sensitivität von bis zu 100 %.
| Diagnostik-Stufe | Parameter / Test | Bewertung |
|---|---|---|
| Basisdiagnostik | MCHC > 35 g/dl & RDW > 15 % | Starker Hinweis auf Membrandefekt |
| Retikulozyten, LDH, ind. Bilirubin | Erhöht (Hämolysezeichen) | |
| Direkter Coombs-Test | Zwingend negativ | |
| Weiterführend | EMA-Test (Durchflusszytometrie) | Sensitivität 90-95 % (zeitkritisch < 48h) |
| AGLT (Acidified Glycerol Lysis Time) | Sensitivität 80-95 % (zeitkritisch) | |
| Ektazytometrie / Gen-Analyse | Spezialfällen vorbehalten |
Differenzialdiagnosen
Abzugrenzen sind andere hereditäre Membrandefekte (z.B. hereditäre Elliptozytose, Stomatozytose, Xerozytose) sowie erworbene Ursachen wie die autoimmunhämolytische Anämie (AIHA). Bei der AIHA ist der direkte Coombs-Test in der Regel positiv, es gibt jedoch seltene Coombs-negative Formen.
Therapie
Eine kausale Therapie existiert nicht. Die effektivste symptomatische Maßnahme ist die Splenektomie. Um das lebenslange Risiko schwerer Infektionen (v. a. Pneumokokken) zu minimieren, sollte eine nahezu vollständige (partielle) Splenektomie der kompletten Entfernung vorgezogen werden.
| Schweregrad | Empfehlung zur Splenektomie |
|---|---|
| Leicht | In der Regel nicht erforderlich |
| Mittelschwer | Bei Komplikationen (>2 Transfusionen, Leistungsknick, symptomatische Splenomegalie) |
| Schwer / Sehr schwer | Indiziert bei allen Patienten |
Hinweis: Bei symptomatischer Cholelithiasis ist zusätzlich eine Cholezystektomie indiziert.
Verlaufskontrolle
- Labor: Bedarfsorientierte Blutbildkontrollen (besonders bei Infekten).
- Eisen/Vitamine: Jährliche Kontrolle von Ferritin (seltene Eisenüberladung möglich) sowie Vitamin B12 und Folsäure.
- Bildgebung: Sonographie der Gallenwege und Milz alle 3 Jahre.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei asymptomatischen Patienten auf die Kombination aus einem MCHC > 35 g/dl und einer RDW > 15 %. Dies ist ein starker laborchemischer Hinweis auf eine hereditäre Sphärozytose. Beachten Sie, dass EMA-Test und AGLT zeitkritisch sind und rasch nach der Blutentnahme erfolgen müssen.