Polycythaemia Vera (PV): Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •Die Polycythaemia Vera ist eine myeloproliferative Neoplasie (MPN), die in ca. 98 % der Fälle durch eine JAK2-Mutation verursacht wird.
- •Die Diagnose erfordert die Erfüllung der WHO/ICC-Kriterien (2022), primär basierend auf Hb/Hämatokrit, Knochenmarkhistologie und Mutationsnachweis.
- •Das wichtigste Therapieziel ist die Vermeidung von Thromboembolien durch eine strikte Einstellung des Hämatokrits auf unter 45 %.
- •Die Basistherapie für alle Patienten besteht aus Aderlässen und niedrig dosierter Acetylsalizylsäure (ASS 100 mg/Tag).
- •Bei Hochrisiko-Patienten (Alter ≥ 60 Jahre oder stattgehabte Thrombose) ist eine zytoreduktive Therapie (Hydroxyurea oder Interferon-alpha) obligat.
Hintergrund
Die Polycythaemia Vera (PV) ist eine chronische myeloproliferative Neoplasie (MPN). Das Hauptmerkmal ist die pathologisch gesteigerte, unkontrollierte Produktion roter Blutzellen (Erythrozytose), die häufig von einer Leukozytose und/oder Thrombozytose (Panmyelose) begleitet wird. In etwa 98 % der Fälle liegt eine Treibermutation im JAK2-Gen (V617F oder Exon 12) vor.
Der natürliche Krankheitsverlauf gliedert sich in eine chronische (polyzythämische) Phase und eine Spätphase, die durch den Übergang in eine Post-PV-Myelofibrose oder seltener in eine akute Leukämie gekennzeichnet ist. Die häufigsten und potenziell lebensbedrohlichen Komplikationen sind arterielle und venöse Thromboembolien.
Diagnostik
Die Diagnose der PV erfolgt auf Basis der WHO/ICC-Kriterien (2022). Für die Diagnosestellung müssen entweder alle drei Hauptkriterien oder die ersten beiden Hauptkriterien plus das Nebenkriterium erfüllt sein.
| Kriterium-Typ | Kriterium |
|---|---|
| Hauptkriterium 1 | Hb >16,5 g/dl (Männer) / >16,0 g/dl (Frauen) ODER Hämatokrit >49 % (Männer) / >48 % (Frauen) |
| Hauptkriterium 2 | Trilineäre Myeloproliferation (Panmyelose) mit pleomorpher Megakaryopoese in der Knochenmarkhistologie |
| Hauptkriterium 3 | Nachweis einer Mutation im JAK2-Gen (V617F oder Exon 12) |
| Nebenkriterium | Erniedrigter Erythropoietin-Spiegel (EPO) im Serum |
Ausnahme: Bei persistierender extremer Erythrozytose (Hb >18,5 g/dl bei Männern bzw. >16,5 g/dl bei Frauen) kann auf eine Knochenmarkbiopsie verzichtet werden, sofern die JAK2-Mutation nachgewiesen und der EPO-Spiegel erniedrigt ist.
Risikostratifizierung
Die Therapieentscheidung richtet sich primär nach dem Risiko für thromboembolische Ereignisse.
| Risikogruppe | Kriterien |
|---|---|
| Niedriges Risiko | Alter < 60 Jahre UND keine stattgehabte Thromboembolie |
| Hohes Risiko | Alter ≥ 60 Jahre ODER stattgehabte Thromboembolie (arteriell/venös) |
Therapie
Das primäre Therapieziel ist die Prävention von Thromboembolien sowie die Kontrolle von Symptomen (z. B. Pruritus, Fatigue).
Basistherapie (für alle Patienten)
- Aderlass: Isovolämische Aderlässe (initial z. B. 500 ml, 1-2x wöchentlich), bis der Hämatokrit strikt < 45 % liegt. Der resultierende Eisenmangel ist erwünscht und wird nicht routinemäßig substituiert.
- Thrombozytenaggregationshemmung: ASS 100 mg/Tag zur Primärprophylaxe (sofern keine Kontraindikationen bestehen). Bei Thrombozyten > 1.000.000/µl sollte ASS wegen des Blutungsrisikos (erworbenes von-Willebrand-Syndrom) erst nach zytoreduktiver Absenkung gegeben werden.
Stufenschema der Zytoreduktion
| Stufe / Risikoprofil | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Niedriges Risiko | Aderlass + ASS | Zytoreduktion nur bei schlechter Aderlass-Toleranz, symptomatischer Splenomegalie oder extremer Leuko-/Thrombozytose. |
| Hohes Risiko (Erstlinie) | Hydroxyurea ODER Peg-IFN-alpha | Zytoreduktion ist obligat. Peg-IFN-alpha (Ropeginterferon alfa-2b) wird besonders für Patienten < 60 Jahre empfohlen. |
| Zweitlinie | Ruxolitinib ODER Wechsel HU/IFN | Ruxolitinib ist zugelassen bei Intoleranz oder Resistenz gegenüber Hydroxyurea. |
Besondere Situationen
- Schwangerschaft: PV ist keine Kontraindikation, gilt aber als Risikoschwangerschaft. Die Zytoreduktion der Wahl ist Interferon-alpha (Hydroxyurea ist teratogen). Begleitend werden ASS und niedermolekulares Heparin empfohlen.
- Operationen: Vor elektiven Eingriffen muss der Hämatokrit optimal eingestellt sein. ASS sollte ca. eine Woche präoperativ pausiert und durch niedermolekulares Heparin ersetzt werden.
- Splanchnikusvenenthrombosen: Bei venösen Thrombosen in ungewöhnlichen Lokalisationen (Pfortader, Lebervenen/Budd-Chiari, Milzvene) muss immer eine MPN ausgeschlossen werden. Eine JAK2-Mutationsdiagnostik ist hier obligat.
💡Praxis-Tipp
Der Hämatokrit muss bei allen PV-Patienten strikt unter 45 % gehalten werden. Denken Sie bei venösen Thrombosen in ungewöhnlichen Lokalisationen (z. B. Splanchnikusgebiet) immer an eine zugrundeliegende MPN und veranlassen Sie eine JAK2-Diagnostik.