Myelodysplastische Neoplasien (MDS): Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose eines MDS erfordert eine zyto- und histomorphologische Knochenmarkdiagnostik kombiniert mit Zytogenetik und Molekulargenetik.
- •Die Prognose wird zunehmend durch den neuen molekularen Score IPSS-M bestimmt, der 31 Gene in die Risikostratifizierung einbezieht.
- •Bei Niedrigrisiko-MDS stehen supportive Maßnahmen, Erythropoese stimulierende Faktoren (ESF), Luspatercept und Lenalidomid im Vordergrund.
- •Für Hochrisiko-Patienten ist die allogene Stammzelltransplantation die einzige kurative Option; alternativ kommt Azacitidin zum Einsatz.
Hintergrund
Myelodysplastische Neoplasien (MDS) sind klonale Erkrankungen der hämatopoetischen Stammzelle. Sie sind gekennzeichnet durch Dysplasien von Blut- und Knochenmarkzellen, eine hämatopoetische Insuffizienz und ein erhöhtes Risiko für den Übergang in eine akute myeloische Leukämie (AML). Der Leitbefund bei Erstmanifestation ist in 70-80 % der Fälle eine Anämie.
Diagnostik
Die Diagnostik erfordert eine umfassende Untersuchung von peripherem Blut und Knochenmark. Ein Blastenanteil von 20 % in Blut oder Knochenmark definiert den Übergang zur AML.
| Material | Obligate Untersuchungen | Optionale / Ergänzende Untersuchungen |
|---|---|---|
| Peripheres Blut | Blutbild, Differenzialblutbild, Retikulozyten | Erythropoetinspiegel, Folsäure, Vitamin B12, Ferritin, LDH |
| Knochenmark | Zytologie (inkl. Eisenfärbung), Histologie | Immunphänotypisierung (zum Ausschluss von Differenzialdiagnosen) |
| Genetik | Zytogenetik (20 Metaphasen), Mutationsanalyse (mind. SF3B1, TP53) | Erweitertes molekulares Panel für IPSS-M |
Klassifikation und Prognose
Die WHO-Klassifikation 2022 teilt MDS grundlegend in genetisch definierte (z.B. MDS mit del(5q) oder SF3B1-Mutation) und morphologisch definierte Typen ein.
Zur Prognoseabschätzung wird traditionell der IPSS-R genutzt. Zunehmend wird der IPSS-M (Molecular) angewendet. Dieser integriert klinische Parameter und den Mutationsstatus von 31 Genen und ermöglicht eine deutlich präzisere Risikostratifizierung.
| IPSS-M Risikogruppe | Medianes Gesamtüberleben (Jahre) | AML-Transformation nach 3 Jahren |
|---|---|---|
| Very Low | 10,6 | 3 % |
| Low | 6,0 | 5 % |
| Mod. Low | 4,6 | 11 % |
| Mod. High | 2,8 | 19 % |
| High | 1,7 | 29 % |
| Very High | 1,0 | 43 % |
Therapie: Niedrigrisiko-MDS
Das primäre Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität und die Behebung von Zytopenien. Bei asymptomatischen Patienten ist oft eine "Watch and Wait"-Strategie ausreichend.
| Therapieansatz | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Supportivtherapie | Symptomatische Zytopenien | Erythrozyten-/Thrombozytenkonzentrate; ggf. Eisenchelation bei Ferritin >1000 ng/ml |
| ESF (Erythropoetin) | Anämie, Epo-Spiegel <500 U/l | Ansprechen nach Nordic-Score abschätzen; ggf. Kombination mit niedrig dosiertem G-CSF |
| Luspatercept | MDS-RS oder SF3B1-Mutation | Bei transfusionsbedürftiger Anämie nach Versagen von ESF |
| Lenalidomid | MDS mit isolierter Deletion 5q | Führt bei ca. 60 % zur Transfusionsunabhängigkeit (Dosis: 10 mg/Tag) |
| Immunsuppression | Hypozelluläres KM, niedriges Risiko | Antithymozytenglobulin (ATG) + Cyclosporin (nur in spezialisierten Zentren) |
Therapie: Hochrisiko-MDS
Ziel ist die Lebensverlängerung und die Verzögerung der AML-Progression.
- Allogene Stammzelltransplantation: Dies ist die einzige kurative Option. Sie sollte bei allen geeigneten Hochrisiko-Patienten geprüft werden.
- Epigenetische Therapie: Azacitidin (75 mg/m² an 7 Tagen, alle 28 Tage) ist der Standard für Patienten, die nicht transplantationsfähig sind. Es verlängert das Gesamtüberleben signifikant. Es müssen mindestens 4-6 Zyklen verabreicht werden, bevor das Ansprechen abschließend beurteilt wird.
- Intensive Chemotherapie: Keine Standardoption. Sie wird nur in Einzelfällen zur Remissionsinduktion vor einer geplanten allogenen Stammzelltransplantation eingesetzt.
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie vor Beginn einer Therapie mit Erythropoese stimulierenden Faktoren (ESF) immer den endogenen Erythropoetin-Spiegel. Bei Werten >500 U/l ist ein Ansprechen auf ESF sehr unwahrscheinlich.