Morbus Castleman: Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •Morbus Castleman wird in eine unizentrische (UCD) und multizentrische (MCD) Form unterteilt.
- •Die multizentrische Form wird weiter in HHV-8-assoziiert, POEMS-assoziiert und idiopathisch (iMCD) klassifiziert.
- •Zentraler Pathomechanismus beim MCD ist die Überproduktion von Interleukin-6 (IL-6).
- •Die Diagnose erfordert zwingend eine Lymphknoten-Exzisionsbiopsie.
- •Therapie der Wahl beim UCD ist die chirurgische Resektion, beim iMCD die IL-6-Blockade mit Siltuximab.
Hintergrund
Der Morbus Castleman ist eine seltene, heterogene Gruppe lymphoproliferativer Erkrankungen. Er wird primär in zwei Verlaufsformen unterteilt: den unizentrischen M. Castleman (UCD) mit lokalisiertem Befall und exzellenter Prognose sowie den multizentrischen M. Castleman (MCD), der als systemische, potenziell lebensbedrohliche Erkrankung auftritt.
Der MCD wird je nach Ursache weiter klassifiziert in:
- HHV-8-assoziiert (häufig bei HIV-Infektion)
- POEMS-assoziiert
- Idiopathisch (iMCD)
Zentraler Pathomechanismus der multizentrischen Formen ist eine Überproduktion von Interleukin-6 (IL-6), welche die klinische Symptomatik maßgeblich treibt.
Klinisches Bild
Während der UCD häufig asymptomatisch bleibt (Zufallsbefund), präsentiert sich der MCD oft mit schweren systemischen Symptomen.
- Führende Symptome beim MCD: Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust, generalisierte Lymphadenopathie, Hepatosplenomegalie, Ödeme/Aszites.
- Labor: Anämie, Thrombozytopenie, CRP-Erhöhung, Hypalbuminämie.
- TAFRO-Syndrom: Eine fulminante Sonderform des iMCD mit Thrombozytopenie, Aszites, Fieber, Retikulärer Fibrose und Organomegalie.
Diagnostik und Kriterien
Grundlage der Diagnostik ist immer die vollständige Exzisionsbiopsie eines Lymphknotens. Die Diagnose des iMCD erfolgt anhand internationaler Konsensuskriterien. Für eine gesicherte Diagnose müssen beide Hauptkriterien und mindestens zwei Nebenkriterien (darunter ein Laborkriterium) erfüllt sein.
| Kriterientyp | Kriterien |
|---|---|
| Hauptkriterien (beide erforderlich) | 1. Histopathologische Merkmale vereinbar mit iMCD<br>2. Vergrößerte Lymphknoten (≥1 cm in ≥2 Regionen) |
| Klinische Nebenkriterien | Konstitutionelle Symptome (Fieber, Nachtschweiß etc.), Spleno-/Hepatomegalie, Ödeme/Aszites, Hautveränderungen, lymphozytäre interstitielle Pneumonitis |
| Labor-Nebenkriterien | CRP >10 mg/l, Anämie, Thrombozytopenie/Thrombozytose, Hypoalbuminämie, Niereninsuffizienz/Proteinurie, polyklonale Hypergammaglobulinämie |
Ein iMCD gilt als schwer, wenn mindestens zwei der folgenden Kriterien vorliegen: ECOG ≥2, eingeschränkte Nierenfunktion, Anasarka/Aszites/Erguss, Hb ≤8,0 g/dl oder Lungenbeteiligung.
Differenzialdiagnosen
Aufgrund der unspezifischen Symptomatik müssen zahlreiche Erkrankungen ausgeschlossen werden:
| Kategorie | Erkrankungen (Beispiele) |
|---|---|
| Infektionen | HIV, EBV, granulomatöse Lymphknotenerkrankungen |
| Autoimmunerkrankungen | SLE, Rheumatoide Arthritis, Morbus Still (AOSD) |
| Malignome | Hodgkin/Non-Hodgkin-Lymphome, Multiples Myelom, POEMS-Syndrom |
Therapie
Die Behandlung richtet sich strikt nach dem Subtyp und der Schwere der Erkrankung.
| Subtyp | Primäre Therapieempfehlung |
|---|---|
| UCD | Vollständige chirurgische Resektion (kurativ in 90%). Bei Inoperabilität: Radiatio, Rituximab, Steroide oder Siltuximab. |
| HHV-8-assoziierter MCD | Rituximab (bei schweren Verläufen + Etoposid oder CHOP). |
| POEMS-assoziierter MCD | Myelom-spezifische Therapie (z.B. Melphalan, Bortezomib), ggf. autologe Stammzelltransplantation. |
| iMCD (milder Verlauf) | Siltuximab (IL-6-Antikörper) + Kortikosteroide. Alternativ: Rituximab + Steroide. |
| iMCD (schwerer Verlauf / TAFRO) | Hochdosierte Steroide + Siltuximab (initial wöchentlich). Bei Versagen: Polychemotherapie (z.B. R-Siltu) oder Cyclosporin A. |
Therapiekontrolle: Das CRP ist ein empfindlicher Marker für das Therapieansprechen. Die Rückbildung der Lymphknoten erfolgt meist erst verzögert über Monate. Die Bestimmung des IL-6-Spiegels ist zur Verlaufskontrolle nicht geeignet.
💡Praxis-Tipp
Verwenden Sie zur Beurteilung des Therapieansprechens beim iMCD primär das CRP und die klinische Symptomatik. Die Lymphknotenvergrößerung bildet sich oft erst nach Monaten zurück, und der IL-6-Spiegel schwankt zu stark für eine zuverlässige Verlaufskontrolle.