Reizdarmsyndrom (IBS): Leitlinie zur Therapie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose eines Reizdarmsyndroms erfordert Symptome, die seit mindestens 6 Monaten bestehen.
- •Zur Basisdiagnostik gehören Blutbild, Entzündungsparameter (BSG/CRP) und Zöliakie-Antikörper; Endoskopien sind nicht routinemäßig nötig.
- •Unlösliche Ballaststoffe wie Weizenkleie sollten gemieden werden, lösliche Ballaststoffe wie Flohsamenschalen sind zu bevorzugen.
- •Laktulose wird als Laxans bei IBS-assoziierter Obstipation nicht empfohlen.
- •Trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin 5-10 mg) können als Zweitlinientherapie zur Schmerzmodulation eingesetzt werden.
Hintergrund
Das Reizdarmsyndrom (IBS) ist eine chronische, rezidivierende Erkrankung, die schätzungsweise 10 % bis 20 % der Bevölkerung betrifft. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Symptome überschneiden sich häufig mit anderen gastrointestinalen Erkrankungen, weshalb eine strukturierte Diagnostik essenziell ist.
Diagnostik und Kriterien
Eine Beurteilung auf IBS sollte erwogen werden, wenn Patienten seit mindestens 6 Monaten über eines der folgenden Symptome klagen:
- Abdominaler Schmerz oder Unwohlsein
- Blähungen
- Veränderte Stuhlgewohnheiten
Die endgültige Diagnose eines IBS darf nur gestellt werden, wenn die folgenden Kriterien erfüllt sind:
| Hauptkriterium | Nebenkriterien (mindestens 2 erforderlich) |
|---|---|
| Abdominaler Schmerz/Unwohlsein, der durch Defäkation gelindert wird ODER mit einer veränderten Stuhlfrequenz/Stuhlform assoziiert ist | Veränderte Stuhlpassage (Pressen, imperativer Stuhldrang, unvollständige Entleerung), abdominale Blähungen/Distension, Verschlechterung der Symptome durch Nahrungsaufnahme, Schleimabgang |
Red Flags, die eine Überweisung in die Sekundärversorgung erfordern, umfassen Warnzeichen für Krebs sowie Entzündungsmarker für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED).
Basisdiagnostik
Um andere Diagnosen auszuschließen, sollten bei Patienten, die die IBS-Kriterien erfüllen, gezielte Tests durchgeführt werden. Eine Überdiagnostik ist zu vermeiden.
| Empfohlene Tests (Ausschlussdiagnostik) | Nicht routinemäßig empfohlene Tests |
|---|---|
| Großes Blutbild (FBC), BSG oder Plasmaviskosität, C-reaktives Protein (CRP), Zöliakie-Antikörper (EMA oder TTG) | Ultraschall, Sigmoidoskopie oder Koloskopie, Schilddrüsenfunktionstests, Stuhluntersuchung auf Parasiten, Test auf okkultes Blut im Stuhl, H2-Atemtest |
Lebensstil und Ernährung
Die Aufklärung über Selbsthilfemaßnahmen und Lebensstilanpassungen ist der erste therapeutische Schritt.
- Ernährungsgewohnheiten: Regelmäßige Mahlzeiten einnehmen, lange Pausen vermeiden. Mindestens 8 Tassen Flüssigkeit pro Tag trinken (bevorzugt Wasser/Kräutertee).
- Einschränkungen: Tee und Kaffee auf maximal 3 Tassen pro Tag reduzieren. Alkohol und kohlensäurehaltige Getränke einschränken. Frisches Obst auf 3 Portionen (à ca. 80 g) pro Tag begrenzen.
- Ballaststoffe: Die Zufuhr unlöslicher Ballaststoffe (z. B. Weizenkleie) sollte reduziert werden. Bei Bedarf an Ballaststoffen sollten lösliche Ballaststoffe (z. B. Hafer, Flohsamenschalen/Ispaghula) bevorzugt werden.
- Spezifische Trigger: Patienten mit Diarrhö sollten Sorbitol meiden. Bei Blähungen können Hafer und Leinsamen (bis zu 1 EL/Tag) helfen.
- Probiotika: Bei einem Versuch mit Probiotika sollten diese für mindestens 4 Wochen eingenommen werden.
- Aloe Vera: Der Einsatz von Aloe Vera zur IBS-Behandlung wird nicht empfohlen.
Bei persistierenden Symptomen kann eine spezifische Diät (z. B. Low-FODMAP) durch eine spezialisierte Ernährungsfachkraft erwogen werden.
Medikamentöse Therapie
Die pharmakologische Behandlung richtet sich nach dem vorherrschenden Leitsymptom. Die Dosis von Laxanzien oder Antidiarrhoika sollte so titriert werden, dass ein weicher, gut geformter Stuhl (Bristol Stool Form Scale Typ 4) erreicht wird.
| Wirkstoffklasse | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Spasmolytika | Schmerzen / Krämpfe | Einnahme nach Bedarf in Kombination mit Lebensstilanpassungen. |
| Laxanzien | Obstipation | Laktulose sollte vermieden werden. |
| Linaclotid | Refraktäre Obstipation | Nur wenn maximale Dosen anderer Laxanzien versagt haben und die Obstipation seit >12 Monaten besteht. Follow-up nach 3 Monaten. |
| Loperamid | Diarrhö | Mittel der ersten Wahl bei durchfallprädominantem IBS. |
Zweitlinientherapie: Antidepressiva
Wenn Spasmolytika, Laxanzien oder Loperamid nicht ausreichend wirken, können Antidepressiva zur Schmerzmodulation eingesetzt werden:
- Trizyklische Antidepressiva (TCA): Start mit niedriger Dosis (5-10 mg Amitriptylin-Äquivalent) zur Nacht. Dosissteigerung nach Bedarf, in der Regel nicht über 30 mg.
- SSRI: Nur erwägen, wenn TCAs ineffektiv sind.
- Follow-up: Nach 4 Wochen, danach alle 6-12 Monate.
Psychologische Interventionen
Für Patienten, die nach 12 Monaten nicht auf pharmakologische Behandlungen ansprechen (refraktäres IBS), sollte eine Überweisung für psychologische Interventionen erwogen werden. Hierzu zählen:
- Kognitive Verhaltenstherapie (CBT)
- Hypnotherapie
- Psychologische Therapie
Hinweis: Akupunktur und Reflexzonenmassage werden zur Behandlung des IBS nicht empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei IBS-Patienten auf Laktulose zur Stuhlregulation und raten Sie von unlöslichen Ballaststoffen (z. B. Weizenkleie) ab, da diese Blähungen und Schmerzen oft verschlimmern. Bevorzugen Sie stattdessen lösliche Ballaststoffe wie Flohsamenschalen.