Perioperative Hypothermie: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Eine perioperative Hypothermie ist definiert als eine Körperkerntemperatur von unter 36,0 °C.
- •Indirekte Temperaturmessungen (z. B. Infrarot-Tympanal oder Stirn) sollen bei Erwachsenen nicht verwendet werden.
- •Aktives Wärmen sollte bei normothermen Patienten mindestens 30 Minuten vor Narkoseeinleitung beginnen.
- •Intravenöse Flüssigkeiten (ab 500 ml) und Blutprodukte müssen auf 37 °C erwärmt werden.
- •Die Narkoseeinleitung darf in der Regel erst ab einer Körperkerntemperatur von ≥ 36,0 °C erfolgen.
Hintergrund
Die unbeabsichtigte perioperative Hypothermie ist eine häufige, aber vermeidbare Komplikation, die mit schlechteren klinischen Outcomes assoziiert ist. Sie ist definiert als eine Körperkerntemperatur von unter 36,0 °C. Der "angenehm warme" Normalbereich liegt zwischen 36,5 °C und 37,5 °C. Die Leitlinie unterteilt das perioperative Management in drei Phasen: präoperativ, intraoperativ und postoperativ.
Temperaturmessung
Die Messung muss die Körperkerntemperatur direkt erfassen oder eine direkte Schätzung liefern, die nachweislich bis auf 0,5 °C genau ist.
| Empfohlene Messorte (Direkt) | Nicht empfohlene Messorte (Indirekt) |
|---|---|
| Pulmonalarterienkatheter | Infrarot-Tympanalthermometer |
| Distaler Ösophagus | Infrarot-Temporalthermometer |
| Harnblase | Infrarot-Stirnthermometer |
| Zero-Heat-Flux (tiefe Stirn) | Stirnstreifen |
| Sublingual / Axillär / Rektal* |
*Hinweis: Bei peripheren Messorten (Sublingual, Axillär) kann es zu Ungenauigkeiten kommen, wenn die Kerntemperatur des Patienten außerhalb des normothermen Bereichs (36,5–37,5 °C) liegt.
Risikostratifizierung
Patienten gelten als Hochrisikopatienten für eine perioperative Hypothermie, wenn mindestens zwei der folgenden Kriterien zutreffen:
- ASA-Klassifikation 2 bis 5 (je höher, desto größeres Risiko)
- Präoperative Temperatur < 36,0 °C
- Kombination aus Allgemein- und Regionalanästhesie
- Großer oder mittelschwerer chirurgischer Eingriff
- Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen
Präoperative Phase
Die präoperative Phase umfasst die Stunde vor der Narkoseeinleitung.
- Temperaturmessung: Innerhalb der letzten Stunde vor Verlegung in den OP dokumentieren.
- Temperatur < 36,0 °C: Sofortiger Beginn mit aktivem Wärmen (außer bei absoluter Dringlichkeit wie Blutung oder kritischer Ischämie).
- Temperatur ≥ 36,0 °C: Aktives Wärmen mindestens 30 Minuten vor Narkoseeinleitung starten.
- Verlegung: Darf erst bei einer Temperatur von ≥ 36,0 °C erfolgen. Das aktive Wärmen soll während des Transports fortgesetzt werden.
Intraoperative Phase
- Messintervall: Vor Narkoseeinleitung, danach alle 30 Minuten bis zum Ende der OP.
- Narkoseeinleitung: Darf nur bei ≥ 36,0 °C erfolgen (Ausnahme: absolute Notfälle).
- Raumtemperatur: Mindestens 21 °C, solange der Patient exponiert ist. Nach Etablierung des aktiven Wärmens kann die Temperatur für bessere Arbeitsbedingungen gesenkt werden.
- Aktives Wärmen: Einsatz eines Forced-Air-Wärmesystems (Warmluftgebläse) ab Narkoseeinleitung bei Eingriffen > 30 Minuten oder bei Hochrisikopatienten (< 30 Minuten). Die Temperatur initial auf Maximum stellen, dann anpassen, um ≥ 36,5 °C zu halten.
| Flüssigkeitsart | Volumen | Zieltemperatur |
|---|---|---|
| Intravenöse Flüssigkeiten | ≥ 500 ml | 37 °C |
| Blutprodukte | Alle | 37 °C |
| Spüllösungen (Irrigation) | Alle | 38–40 °C (im Wärmeschrank) |
Postoperative Phase
Die postoperative Phase umfasst die 24 Stunden nach Aufnahme in den Aufwachraum.
- Aufwachraum: Messung bei Aufnahme, dann alle 15 Minuten. Verlegung auf Normalstation erst bei ≥ 36,0 °C. Bei < 36,0 °C aktives Wärmen (Forced-Air) bis zum Erreichen des Zielbereichs.
- Normalstation: Messung bei Ankunft, danach routinemäßig alle 4 Stunden. Bereitstellung von mindestens einem Baumwolllaken plus zwei Decken oder einer Bettdecke. Fällt die Temperatur < 36,0 °C, muss aktiv gewärmt und alle 30 Minuten gemessen werden.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie im perioperativen Setting vollständig auf Infrarot-Thermometer (z. B. im Ohr oder an der Stirn), da diese die Körperkerntemperatur nur indirekt und oft ungenau schätzen. Nutzen Sie stattdessen direkte Messverfahren.